Was heißt hier »Alternative«?

Wie wir mit der neuen Partei fertigwerden, wie die Tagesschau lügt und doch nicht lügt, und was selbst Zehnjährige schon wissen / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

16.03.13
Zeichnung: Mohr

Schon der Name ist eine einzige Frechheit: „Alternative für Deutschland“, kurz AfD, nennt sich die neue Partei, die auf einen Schlag 1200 Leute ins hessische Oberursel gelockt hat. Alternative? Was soll das heißen? Die Bundeskanzlerin und mit ihr alle weisen Parteiführer von Union bis Grünen haben sich Jahr um Jahr abgemüht, den Deutschen beizubringen, dass es so etwas gar nicht gibt, eine „Alternative“.
Das Wort von der „alternativlosen Euro-Rettung“ nehmen sie zwar schon lange nicht mehr in den Mund, seit die Deutschen anfingen, darüber offen zu kichern. Bis dahin aber hatten Merkel und Co. es derart oft von den Lippen gelassen, dass selbst heute noch die Luft voll davon ist.
Und nun nennen die ihre Partei ausgerechnet so. Aber keine Furcht: Wir haben ein ausgefeiltes Instrumentarium zur Hand, um mit skandalösen Erscheinungen wie der AfD fertig zu werden.
Da wäre zunächst mal das Totschweigen. Aus der CDU-Zentrale verlautete bereits, man wolle die Eindringlinge vorerst ignorieren. Die hätten sowieso keine Chance, assistieren Parteienforscher. Eine „Anti-Euro-Partei“? Das sei ja schon mal schiefgelaufen, wie man am traurigen Schicksal des „Bundes freier Bürger“ (BfB) in den 90er Jahren habe sehen können.
Gut, sicher, die sind damals elend baden gegangen. Aber ob die Wähler den BfB auch dann so hätten absaufen lassen, wenn sie damals schon gewusst hätten, was sie heute jede Woche in der Zeitung lesen? Na, wer weiß.
Also heißt es: Wachsam sein und die Waffen bereitlegen. Die Tagesschau fackelt denn auch nicht lange und setzt gleich einen „Rechtsextremismusforscher“ auf die neue Partei an. Alexander Häusler ist „wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsstelle Neonazismus der Fachhochschule Düsseldorf“. Soll heißen: Er ist Experte darin, Worte und Thesen aus ihrem wahren Zusammenhang herauszulösen, um sie in einen völlig anderen hineinzupressen, wo sie dann irgendwie braun aussehen sollen. Also genau das, was wir jetzt benötigen.
Und Häusler ist, wie es sich für einen dienstbaren „Rechtsextremismusforscher“ gehört, ein Meister im Abspulen von Sprechblasen. So entdeckt er für die Tagesschau bei der AfD „Überschneidungen mit rechtspopulistischer Rhetorik“, die Partei wolle sich „Ängste“ nutzbar machen für „eine Politik des chauvinistischen Wutbürgertums“. Das Ergebnis werde eine „Verrohung der politischen Kultur“ sein, und ganz schlimm wäre es, wenn Union und FDP aus Angst vor Stimmenverlusten „in den Chor rechtspopulistischer Wahlkampfrhetorik“ einstimmten.
Die Tagesschau-Redaktion setzt noch einen drauf und meldet stolz einen gravierenden Fund: In „rechtsradikalen Kreisen“ sei AfD-Gründer Bernd Lucke „gelobt“ worden. Na, da haben  wir’s doch: Das nennt man „Beifall von der falschen Seite“. Eine wunderbare Sache, denn gegen den kann sich ja niemand wehren. Außerdem kann der politische Scharfrichter völlig frei entscheiden, wann der Beifall strafwürdig ist und wann nicht. Wenn beispielsweise ein NPD-Funktionär die Mindestlohnforderung der SPD lobt, schadet das der SPD nicht im Geringsten. Sollte derselbe NPD-Mann hingegen die Euro-Kritik der AfD loben, reicht das, um der neuen Partei wer weiß was unterzujubeln, bis hin zur „Nähe zum rechten Rand“.
Bumm, aus. Nach diesen mark­erschütternden Enthüllungen der Inquisition brauchen wir über die AfD im Grunde gar nicht mehr zu reden. Moment, was heißt hier „Inquisition“? Im Mittelalter wurden die Träger des Bösen immerhin noch befragt, bevor man sie ins Feuer warf. Das sparen wir uns heute in unserer fortschrittlichen Welt. Wir sagen einfach „Rechtspopulist“ zu dem und schon brennt er.
Aber was geschieht, wenn die Deutschen die Masche durchschauen. Besonders originell oder gar undurchschaubar ist sie ja nun wirklich nicht. Ob die Tagesschau-Konsumenten den faulen Zauber erkennen? Ruhig Blut: Das wäre das erste Mal und damit äußerst unwahrscheinlich.
Und wenn doch? Nun, „wenn es ernst wird, dann müssen wir eben lügen“, lautet der legendäre Rat des langjährigen Chefs der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker. Und was der kann, das kann die Tagesschau schon lange, nein, sogar noch viel besser. Neulich verlas Nachrichtensprecher Thorsten Schröder diese Meldung: „Japan gedenkt heute der Opfer der verheerenden Erdbeben- und Tsunamikatastrophe vor zwei Jahren. Ein Erdbeben der Stärke neun hatte damals den Nordosten des Landes erschüttert und eine bis zu 20 Meter hohe Tsunamiwelle ausgelöst. In der Folge kam es zu einem Reaktorunfall im Kernkraftwerk Fukushima. Dabei kamen ungefähr 16000 Menschen ums Leben.“
Wobei kamen 16000 Menschen ums Leben? Laut der Meldung doch wohl bei der Reaktorka­tastrophe, oder? Eben nicht, infolge des Unfalls kam bislang kein einziger Mensch ums Leben. Alle 16000 starben beim Erdbeben und vor allem beim Tsunami.
Der Jurist und Medienkritiker Joachim Steinhöfel hat an Schröder geschrieben und um Stellungnahme zu dieser, wie er meint, dreisten Lüge gebeten. Die Antwort ist noch dreister als die Lüge selbst, fast schon genial. Klein und fein erklärt der Tagesschau-Sprecher, er habe die 16000 zwar „anschließend“ an den Hinweis auf den Reaktorunfall genannt, aber er habe die Opfer nicht ausdrücklich auf den Unfall bezogen. Daher habe er auch nicht gelogen.
So, so. Stellen wir uns mal folgende Meldung vor: „Die Sprecherin des nordkoreanischen Staatsfernsehens sprach über angebliche Kriegsvorbereitungen  Südkoreas und der USA. Der Sprecher der Tagesschau sprach von den Opfern in Japan. Dabei kam es zu dreisten Propaganda-Lügen.“
Haben wir dem Tagesschau-Sprecher jetzt einen Lügner genannt? Laut der Logik von Thorsten Schröder höchstselbst haben wir das nicht, weshalb wir wohl auch in Sachen AfD auf ihn bauen können – etwa mit Meldungen dieses Kalibers: „Am Wochenende hielten die rechtsextreme NPD und die populistische Euro-Gegner-Partei AfD ihre Parteitage ab. Dabei sollen verfassungsfeindliche Parolen gefallen sein.“
Sie sehen: Mit Qualitätsjournalismus kann man jede Opposition im Keim ersticken. Dafür haben wir schließlich unsere öffentlich-rechtlichen Anstalten.
Zumal es bei dem Kampf für  den Euro ja auch um die EU geht, die uns diese Woche erneut mit Heiterkeit erfüllte. Der Frauenausschuss des EU-Parlaments hat ein 21-seitiges Papier vorgelegt mit dem Ziel, Pornografie im Internet zu „verbieten“, um „Geschlechterstereotypen“ abzubauen für eine „echte Kultur der Gleichheit“.
Zu ihrem Entsetzen ernteten die Ausschussfrauen nur schallendes Gelächter für ihre Forderung. Es sei völlig unmöglich, so etwas im Internet einfach zu verbieten, das wisse eigentlich jeder zehnjährige Computernutzer, nur diese Parlamentsfrauen offenbar nicht, belustigte sich halb Europa. Die grüne EU-Politikerin Helga Trüpel bekam Mitleid bei so viel Häme und erklärte, die Frauen dort seien wohl nicht so „netzaffin“, sondern handelten „eher im Geiste der Regelsetzung“.
Aha, „im Geiste der Regelsetzung“ – bezaubernd! Das ist weit mehr als eine Floskel, es erklärt einiges: Wieso nur piesacken uns diese Brüsseler Pedanten unentwegt mit neuen Vorschriften, Verordnungen und Belehrungen, haben wir uns immer gefragt. Warum sind die so zwanghaft darauf versessen, jeden noch so kleinen Winkel unseres Alltags mit Gesetzen zu verrammeln?
Jetzt haben wir die Antwort: Wer „im Geiste der Regelsetzung“ lebt, der kann gar nicht anders, der wird richtig krank von dem Gedanken, dass irgendetwas ganz von selbst funktionieren könnte, ohne dass es dafür einheitliche Regeln gibt. Eines Tages wird er auch regeln wollen, von welcher Seite wir das Frühstücks-Ei aufschlagen. Wartens Sie’s ab.


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Kommentare

Andreas Klingler:
23.03.2013, 20:45 Uhr

Neue Parteien im "alten System" zu gründen, ändert wenig.
Wir müssen "das neue System",
die DIREKTE-DEMOKRATIE mit verbindlichen VOLKSABSTIMMUNGEN einfordern!


Maria Klingler:
20.03.2013, 21:01 Uhr

Leider ist die AfD nur gegen den Euro, nicht aber gegen die EU-Mafia insgesamt.Das ist zu wenig.Lucke ist für Europa. Es gibt keine europäische Nation.BASTA!


Hans Mohr:
19.03.2013, 13:10 Uhr

Kurz und bündig,es wird höchste zeit
das diese bandenmäßig organisierten
volksverräter abgewählt werden.
Leider wird sich mein traum nicht erfüllen,da es noch zu viele dumme
wahlschafe gibt.


Felix Börner:
18.03.2013, 19:57 Uhr

Hallo ?
...kein einziger Kommentar bis jetzt ?
Was für ein bemerkenswert guter Artikel !
In jeglichem Zusammenhang ins Schwarze getroffen,
dabei ironisierend und mit Esprit geschrieben.
Gerne mehr davon.
Grüsse aus Bayern


francomacorisano aus Rheinland-Pfalz:
18.03.2013, 01:28 Uhr

Lieber Hans Heckel, wie immer an dieser Stelle hast Du auch diesmal wieder so recht!

Unterstützen wir nun alle endlich ganz öffentlich die Alternative für Deutschland oder müssen wir es heimlich tun, weil es der „Beifall von der falschen Seite" wäre........???


Jupp Bollmann:
17.03.2013, 22:56 Uhr

Ich wiederhole mich gerne: Die Wochenkommentare von Hans Heckel sind ein Trost in dunkler Zeit. Und das mit dem Frühstücks-Ei - ja, das werden wir bestimmt noch erleben. Aber irgendwann wird mal Schluss sein mit dem Unfug aus Brüssel.

Chapeau, Herr Heckel!


Hans Meier:
17.03.2013, 19:58 Uhr

Herr Heckel, immerhin tut sich was.
Frau Roth bekam schon auf Facebook tüchtig Contra für ihre Irreführung zum Seebeben in Japan und das Staatsfernsehen entlarvte sich ebenfalls als grün unterwanderte Propaganda-Institution.
Die EU-Aktion in Zypern ist die Bestätigung für das was die AfD auf den Plan gebracht hat und wird ihr erdrutschartige Zustimmung bringen.
Der Medienzauber der nun einsetzt, erinnert daran wie man versuchte Sarrazin zum Unhold zu machen aber nicht mehr Herr über die Volksmeinung wurde.
Da überschätzt sich die mediale Zunft, denn ihre Hochzeit der Indoktrination, ist nicht nur in Italien – siehe Wahlergebnis – im digitalen Informationszeitalter vorbei.
Eine so große Zahl von Leuten hat „die Schnautze gestrichen voll“, weil sie sich schon lange genug verkaspert sieht. Die Nichtwähler sind die Größte Volkspartei, zusammen mit den Protestwählern bietet ihnen das Wahlprogramm der AfD eine Option, die sie gerne als Alternative ausprobieren werden.
Den Etablierten wird das Gesäß noch viel tiefer Grundeis gehen, denn sie sind mit der Euro-Krise und diverse weiteren Murksprojekten schon längst zum Spott der Bevölkerung geworden und das ist die effektivste Wahlwerbung, die sich eine unverbrauchte Partei namens Alternative für Deutschland, nicht besser als Legitimation wünschen kann.


Tom Orden:
17.03.2013, 16:47 Uhr

Ich weiß noch nicht so recht was ich von der Alternative für Deutschland halten soll?
Es gibt Leute die sagen sie sei gut:
http://anti-merkel.blog.de/
und andere die sagen sie sei schlecht:
http://www.geolitico.de/2013/03/06/tiefe-
Jedenfalls weiß ich das die Medien (zumindest teilweise) die Existenz der AfD nicht geleugnet haben und das macht mich skeptisch, ob die nicht wieder versuchen (wie mit den Piraten) eine Scheinopposition aufzubauen...
Jedenfalls halte ich die Augen offen, denn die "Deutsche Konservative Partei" (die ja gegen den Euro, die EU und für die Nation ist) wird ja bekanntlich völlig totgeschwiegen!
Es macht mich mißtrauisch das die AfD nicht völlig verleugnet wird, aber ich weiß noch nicht genau woran wir mit denen sind.
Mal sehen...


Frank Frei:
17.03.2013, 00:39 Uhr

Krieg ist Frieden, schwarz ist weiss und der AfD ist eine Alternative?
Der AfD geht keines der grundlegenden Probleme (FiatMoney, Mindesreservesystem, Parteiendespotie...) an. Er will sie auch nicht ändern. Das ist keine Alternative, das ist Stimmenfang für Leute die die Schnauze von Merkel & Steinmeier und Rösler und vom Euro die Schnauze voll haben. Danach geht es weiter wie bisher.


Felix Börner:
16.03.2013, 21:52 Uhr

Zum Kotzen wahr !
Bemerkenswerter, sehr guter Artikel.
...aber,- wir schlafen einfach weiter.
Hauptsache, Majo ist 1x jährlich noch irgendwie bezahlbar. Und natürlich das geleaste, grundsätzlich aber viel zu dicke Auto.
TVmässig die richtige Soap...und fertig ist das Wolkenkuckucksheim, welches seine Kinder ausspuckt und frisst...


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