Was unsere polnischen Nachbarn bewegt

09.10.19

Siebzehn Polen und ein Deutscher mit Lebensmittelpunkt in Warschau bearbeiten das Thema des „Jahrbuchs Polen 2019 – Nachbarn“. Es sind Texte und Interviews, angereichert mit Schwarz-Weiß-Fotos. Die Autoren sind Soziologen, Historiker, Schriftsteller und Journalisten. Sie behandeln aus ihrer persönlichen Sicht das Thema Nachbarn, es sind also keine offiziellen oder zu verallgemeinernden Ansichten der gegenwärtigen Regierung. Ganz im Gegenteil: Es besteht eine manchmal sehr deutliche Distanz zur Regierungspartei PIS.
Der Leser trifft auf ein Bündel interessanter, auch unerwarteter und origineller Ansichten. Keinesfalls beherrscht ausschließlich das traditionelle Spannungsverhältnis zu Russland/Sowjetunion und  Deutschland den Inhalt des Buches. Es sind vielmehr Innenansichten der polnischen Gesellschaft, die nach Meinung der einzelnen Autoren die Menschen in Polen beschäftigen. Obwohl die Republik kein Vielvölkerstaat ist, wie noch in der Zwischenkriegszeit im 20. Jahrhundert, gibt es doch Probleme, Antagonismen und unterschiedliche Positionen mit Nationalitäten, die einst innerhalb des polnischen Staates lebten, heute in den östlichen Grenzregionen: Litauer im Nordosten, Weißrussen im Osten, Ukrainer im Südosten.
Gerade diese Volksgruppe spielt im Zusammenhang mit der Entwick-lung Breslaus seit der Vertreibung der Deutschen 1945/46 bis in die heutige Zeit eine bedeutende Rolle. Die schlesische Metropole sieht sich heute als multikulturelle und mitteleuropäische Stadt, in der über 100000 Ukrainer leben, die als dringend gesuchte Arbeitnehmer gebraucht werden und die integriert sind.
Anders sieht die Toleranz der polnischen Einwohner gegenüber Personen anderer Hautfarbe, anderer Kulturen und Religionen aus. Keine Probleme haben die heutigen Breslauer mit der preußisch-deutschen Tradition ihrer Stadt. Damit gilt auch nicht mehr die kommunistische These von den „Wiedergewonnenen Gebieten“.
Intensiv und leidenschaftlich wird das Thema „Juden in Polen“ diskutiert. Dafür stehen die Pogrome von Jedwabne und Kielce. Es geht um Kollaboration von Polen mit Deutschen und Russen. Die Autorin des Beitrags bringt die aktuelle Diskussion auf den Punkt: „Es scheint, als hätten die Polen die wichtigste Diskussion über die Beteiligung am Holocaust immer noch vor sich.“
Die sozialen und materiellen Unterschiede im Leben der Stadtbewohner und der ländlichen Bevölkerung sind eine feste Größe bei  Menschen, die sich für unseren östlichen Nachbarn interessieren. Nicht dass die Gegensätze verschwinden, aber doch ist durch die Sozialpolitik der aktuellen Regierung eine positive Entwicklung für die Landbevölkerung zu registrieren. Außerdem findet die aktuelle Geschichtspolitik der PIS, verbunden mit einer Rückbesinnung auf traditionelle Werte, viele Anhänger in den Dörfern. Beachtet werden muss auch der Trend zum Landleben bei Städtern.
Kein Beitrag beschäftigt sich mit Oberschlesien, wo bekanntlich immer wieder Konflikte zwischen den Nachbarn Deutsche Volksgruppe und polnische Bevölkerung ausbrechen. Hier hätte das Thema Nachbarschaft vielseitige Ansätze, zumal Diskussionen um die Autonomie der schlesischen Region berücksichtigt werden müssten.
Ein Beitrag beschäftigt sich mit dem Blick einer polnischen Journalistin auf Deutschland. Sie lebt in Berlin. Er beschäftigt sich mit der Veränderung des politischen Klimas in Deutschland seit Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag. Die Autorin spricht von Tabuthemen in Deutschland – beispielsweise beim Thema Antisemitismus, das sich im Spannungsfeld zwischen Kritik an der israelischen Regierung und dem latenten Schuldgefühl befindet, beim Kalten Krieg, die DDR als zweiten deutschen Staat anzuerkennen oder dabei, Deutschland als Opfer im Zweiten Weltkrieg zu sehen.
Der deutsche Autor schildert interessant und spannend seine Erlebnisse als Austauschschüler in Polen.
Zieht man ein Resümee aus den 18 Beiträgen, so erscheint Nachbarschaft in unterschiedlichen Variationen: Der Nachbar im Mehrfamilienhaus oder im Gartengrundstück, aber auch Nachbarn unterschiedlicher Nationalität, kultureller Herkunft, verschiedener Religionen sowie  benachbarte Staaten.
In der Summe kann man von einer Beschreibung der augenblick-lichen Befindlichkeit der polnischen Bevölkerung sprechen, allerdings nicht flächendeckend. Die Jahrbücher des Deutschen Poleninstituts haben doch offensichtlich den deutschen Leser als Adressat. Nun ist es bestimmt keine neue Erkenntnis, dass die Kenntnisse über Polen bei den Deutschen unterentwickelt sind. Warum hilft man nicht durch einige Grundinformationen über den Nachbarn? Beispielsweise könnten die leeren Innenseiten des Umschlagdeckels mit einer thematischen Karte  des Nachbarlandes gefüllt werden, und es gibt weitere Möglichkeiten, den Lesern zu helfen.    Karlheinz Lau

Deutsches Polen-Institut Darmstadt: „Jahrbuch Polen 2019 – Nachbarn“, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2019, broschiert, 204 Seiten, 15 Euro


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