Weder neu noch eine Wache

Die »Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft«

03.09.18
Vor 200 Jahren mit einem Großen Wachaufzug quasi in Betrieb genommen: Die Neue Wache in Berlin Bild: Colourbox

Die von Karl Friedrich Schinkel von 1816 bis 1818 erbaute Neue Wache hat von der Gedenkstätte für die Opfer der vorausgegangenen napoleonischen Kriege über das „Ehrenmal der Preußischen Staatsregierung“, das „Reichsehrenmal“ des Dritten Reiches und das „Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus“ bis zur heutigen „Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ eine bewegte Entwicklung durchgemacht.

Nach der Beendigung der napoleonischen Kriege mit dem schluss­endlichen Sieg über Napoleon wünschte der preußische König Friedrich Wilhelm III. als Ersatz für die alte Artilleriewache im Kastanienwäldchen ein neues Gebäude für seine königliche Wache, eine „Neue Wache“. Der Standort befindet sich am Ende des Prachtboulevards Unter den Linden schräg gegenüber vom heutigen Kronprinzenpalais. Entsprechend dem heutigen Namen des Palais hatte dort ab 1793 der preußische Kronprinz gewohnt. Als letzterer 1797 durch den Tod des Vaters König geworden war, behielt der bescheidene Hohenzoller den Wohnsitz jedoch bei, und so wurde aus dem Kronprinzen- das königliche Palais.
Von Anfang an sollte das Gebäude nicht nur der profanen Unterbringung von Soldaten dienen, sondern auch Gedenkstätte für die Opfer der vorausgegangenen napoleonischen Kriege sein. Es durfte also geklotzt und nicht nur gekleckert werden. Das war leichter gesagt als getan. Denn es war schon eine Herausforderung, auf dem relativ kleinen Grundstück zwischen dem Zeughaus und der Universität ein repräsentatives Gebäude zu errichten, das neben seinen großen Nachbarn nicht untergeht. Das war eine Aufgabe für den Meister persönlich: Karl Friedrich Schinkel. Er löste das Problem meisterlich. 1816 bis 1818 entstand mit dem Schinkelbau eines der Hauptwerke des deutschen Klassizismus mit Anleihen sowohl bei der römischen als auch der griechischen Antike.
Im Jahr der Fertigstellung fand in Aachen der erste der „Monarchenkongresse“ genannten Nachfolgekongresse des Wiener Kongresses statt. Dem Namen „Monarchenkongress“ entsprechend, nahm Zar Alexander I. als Herrscher einer der fünf europäischen Großmächte an der Zusammenkunft teil. Auf der Anreise besuchte er auch die Hauptstadt seines Freundes und Verbündeten Fried­rich Wilhelm III. Bei dieser Gelegenheit war er mit seinem preußischen Gastgeber nicht nur zugegen, als am 19. September der Grundstein des Kreuzbergdenkmals gelegt wurde, sondern auch, als einen Tag zuvor Soldaten seines Alexander-Regiments im sogenannten Großen Wachaufzug Unter den Linden als Posten zur Neuen Wache zogen. Diesem Aufzug, mit dem die Wache quasi offiziell in Betrieb genommen wurde, folgten unzählige weitere, bis 1918 mit der Monarchie auch die königliche Wache aufhörte zu existieren.
Die Aufgabe, Heimstatt der königlichen Wachsoldaten zu sein, hatte die Neue Wache damit verloren, aber nicht die, an die Opfer der napoleonischehn Kriege zu gemahnen. Nun waren in der Weimarer Republik verständlicherweise die Opfer der napoleonischen Kriege relativ fern angesichts jener des gerade verlorenen Weltkrieges. So wurde der Bau schließlich 1931 zur Gedenkstätte für die Opfer des Ersten Weltkrieges umfunktioniert. Dafür wurde der Bau entkernt. Im Zentrum ruhte nun auf einem zwischen eineinhalb und zwei Meter hohen, monumentalen, altarartigen schwarzen Monolithen aus schwedischem Granit ein silberner Eichenkranz mit Gold- und Platinauflagen.
Nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten machten diese im Zuge ihrer Zentralisierung des Reichsaufbaus zwar aus dem „Ehrenmal der Preußischen Staatsregierung“ ein „Reichsehrenmal“, ansonsten ließen sie das Ehrenmal jedoch weitgehend unverändert. Allerdings führten sie bereits im März 1933 den Großen Wachaufzug Unter den Linden wieder ein und behielten ihn bis zum Fall von Berlin bei.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Neue Wache schwer beschädigt. Wie so viele andere bauliche Relikte der jahrhundertelangen preußischen Geschichte wollten
110-prozentige deutsche bilderstürmische Bolschewisten auch die Neue Wache entsorgen. Die sowjetische Besatzungsmacht sprach jedoch ein Machtwort und die Neue Wache wurde rekonstruiert. 1960 wurde das Ehrenmal als „Mahmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus“ neu eingeweiht. 1962 nahm die NVA das Ritual des Großen Wach­aufzugs wieder auf. 1969 wurde im Zentrum des Baus anstelle des im Kriege schwer beschädigten Granitblocks nach dem Vorbild anderer Staaten eine Ewige Flamme entzündet. Im Gegensatz zu anderen Ewigen Flammen brannte diese jedoch nicht nur für den „unbekannten Soldaten“, sondern auch für den „unbekannten Widerstandskämpfer“. Bei dem etwas despektierlich, aber nicht ganz unpassend „Glasaschenbecher“ genannten prismatisch strukturierten gläsernen Flammenaltar wurden hierfür unter zwei Bronzeplatten je ein unbekannter Soldat und KZ-Häftling beigesetzt. Die sterblichen Überreste blieben bis zum heutigen Tag, aber die Flamme erlosch nach dem Ende der DDR. Wie der Eichenkranz von Ludwig Gries aus der Weimarer wanderte auch das Glasprisma von Lothar Kwasnitza aus der DDR-Zeit ins Museum.
Seit dem Volkstrauertag 1993 dient die Neue Wache nun als „Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewalt­herrschaft“. Einem Wunsche des damaligen Kanzlers folgend, bildet ihr Zentrum nun nicht mehr ein Granitblock mit Eichenkranz oder eine Ewige Flamme, sondern eine über eineinhalb Meter vierfache Vergrößerung von Käthe Kollwitz’ Skulptur „Mutter mit totem Sohn“.    Manuel Ruoff


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