Wehe, wer »System« sagt

Wie sich Gauland entlarvt hat oder auch nicht, was sich seit Kohl verändert hat, und warum sich Seehofer vorsehen sollte / Der satirische Wochenrückblick mit Hans Heckel

15.09.18

Woran können wir Verfassungsfeinde erkennen? Das ist derzeit die große Frage, wo doch alle (also zumindest alle, die von sich selber meinen, dass es auf sie ankommt) so laut wie möglich darüber nachdenken, ob man die AfD nicht vom Verfassungsschutz überwachen lassen müsste. Das mit der Teilnahme ausgewiesener Neonazis an AfD-Demos hilft dabei nicht sehr viel. Bei sowas kann jeder mitlaufen, der möchte. Deshalb regt es ebenfalls keinen auf, wenn bei linken Umzügen auch gewalttätige Linksextremisten marschieren und marodieren.
Da mussten wir was anderes finden und haben es auch schon ausgemacht: Der Gauland hat von „friedlicher Revolution“ gesprochen gegen ein „System Merkel“. Jetzt haben wir ihn! Wer die „Revolution“ gegen ein „System“ anzetteln will, der will den Umsturz, der greift nach der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, um sie zu zerstören. Erwischt!
Na ja, fast. Leider schimpfen Linke, auch demokratische, schon seit jeher auf das „System“, nur dass es nicht „System Merkel“ heißt, sondern „System der Ausbeutung“, auch „neoliberales System“ oder „System der Profitmaximierung“ genannt wird. Und „Revolution“? Das Schlagwort ist dermaßen abgelutscht, dass Anfang des Monats die „Zeitung für kommunale Wirtschaft“ sogar eine „Revolution für den Biomüll“ fordern durfte, ohne sich lächerlich zu machen oder demnächst in irgendwelchen Geheimdienstberichten „Erwähnung“ zu finden.
Reicht also alles nicht, verdammt. Was bedeutet „System“ überhaupt? Wenn es um Politik geht, umweht das Wort der Ruch von etwas Stickigem, von Niederhalten der Opposition. Nur deshalb aber reagieren ausschließlich Machthaber, die aufs Niederhalten von Abweichlern aus sind, al­lergisch darauf, „System“ genannt zu werden. Sie fühlen sich dadurch ertappt.
Wenn es das „System Merkel“ (was immer das sein soll) unerträglich findet, als „System Merkel“ gekennzeichnet zu werden, dann haben wir über das Wesen dieses „Systems“ etwas dazugelernt. Andere „Systeme“ konnten nämlich ganz selbstverständlich so genannt werden, ohne dass jemand „Verfassungsfeinde“ witterte. Kostproben gefällig? Bitte sehr: „Das System Kohl“ („Die Welt“, 1997), „So funktioniert das System Kohl“ („Focus Online“, Februar 1998), „Das ,System Kohl‘ endete im Moment seines Abschieds“ („Die Zeit“, 2002) und so weiter. Mit dem „System Kohl“ waren der damalige Kanzler und dessen tiefe Verflechtungen in die Politik sowie die Medien (Erinnern Sie sich an Leo Kirch?) und viele andere Bereiche von Staat und Gesellschaft gemeint. Verblüffenderweise durften „Zeit“, „Welt“, „Focus“ und zahllose andere Medien darüber schreiben, ohne dafür in den Senkel gestellt zu werden.
Heute dagegen lesen wir in einer großen Regionalzeitung: „Mit seiner (Gaulands) Forderung nach einer Abschaffung des ,Systems Merkel‘, zu dem er Christdemokraten, aber auch ,Leute aus anderen Parteien‘ und Vertreter von Medien und Presse zählt, attackiert er die Verfassung als Ganzes.“
Da hat sich etwas verändert in den vergangenen 20 Jahren. Eine Attacke gegen die Regierungs- und Parteiführerin ist das Gleiche wie ein Angriff auf die „Verfassung als Ganzes“. Das muss der Null-Acht-Fuffzehn-Wessi erst mal verdauen. Die Ossis müssen das nicht, sie erkennen bloß wieder, was sie schon ausgespien glaubten. Den Blick für diese Kleinigkeiten verlernt man eben nicht so schnell. Und wenn man das jugendliche Alter so vieler Demonstranten von Köthen bis Chemnitz betrachtet, möchte man meinen, dass sich die Sensibilität für „System“-Fragen sogar von einer Generation auf die nächste vererbt.
Aus der Ferne betrachtet könnten wir dies „gelebte demokratische Tradition“ nennen. Aber das kommt im vorliegenden Fall natürlich gar nicht infrage. Demokratische Tradition? Das sind Ossis! Glücklicherweise geben uns die Neonazis, die sich zuverlässig ranschmeißen an die Demonstrationen und Schweigemärsche östlich der Werra, ausreichend Vorwand, das Ganze als braunen Mob zu entlarven, gegen den wir einen antifaschistischen Schutzwall der Demokraten bauen müssen, obwohl natürlich niemand von uns die Absicht hat, die Gesellschaft zu spalten.
Das heißt, eigentlich ist es ja schade um die Spaltung. Das wollen diese Sachsen eben nie kapieren. Die sind sogar stolz auf ihre „friedliche Revolution“ von 1989. Die westdeutsche Medien-Elite war da ganz anderer Meinung: Erst interessierte einen der ganze Krempel mit der „Bürgerbewegung“ einen feuchten Kehricht. Wir vertrauten auf die friedensstiftende Ewigkeit des SED-Regimes.
Als es im Sommer 1989 langsam heikel wurde, erfasste die westdeutschen Medien eine gewisse Nervosität, die in helle Panik gipfelte, als das erste Mal das Wort „Wiedervereinigung“ von einem sächsischen Transparent winkte.
Das haben die linken Eliten der alten BRD den Ossis nie vergessen: Die haben uns „unsere“ DDR weggenommen. Geschenke wie Merkel oder die PDS können niemals wettmachen, was die Kerle uns damit antaten. Das muss wissen, wer die Vernichtungsphan­tasien mancher Linker gegen Sachsen („Mauer drum und Napalm drauf“) begreifen will. Man ist gekränkt! Und diese Kränkung kommt jetzt raus, wie Eiter aus einer alten, entzündeten Wunde. Also macht euch auf mehr gefasst da drüben!
Die AfD gäbe es ohne die Ossis vermutlich auch nicht mehr. Zumindest nicht so groß. Allerdings zieht man ja nun andere Saiten auf gegen diesen Trupp, nachdem alles gute und böse Zureden nicht geholfen hat.
Das gute Zureden bestand beispielsweise darin, der AfD dringend zu empfehlen, ihren Themenschwerpunkt doch mal woandershin zu legen als immer nur auf die Asylkrise. Die Rentendebatte wäre schließlich auch was Feines. Oder wie wär’s mit der Digitalisierung im ländlichen Raum? Alles andere, nur nicht diese Asyldiskussion, so der Aufruf, der die AfD von allen Seiten erreichte.
Diese Empfehlungen waren wie der Ratschlag an die Alternativen, im Wettlauf um Stimmen von ihrem schnellsten Pferd abzusteigen und das Rennen auf einem lahmen Gaul fortzusetzen. Der gute Rat, lieber über die Rente zu reden ist so, als hätte man den Grünen nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 nahegelegt, nicht den Atomausstieg zu diskutieren, sondern die Reform der Bundeswehr in den Mittelpunkt zu stellen. Oder die Entwicklung der deutschen Hafenwirtschaft. Oder Ähnliches.
Was hätten die Grünen da wohl gesagt? „Das könnte euch so passen. Gerade jetzt, wo unser Leib- und Magenthema das ganze Land aufwühlt!“
Blöderweise hat auch die AfD den Braten gerochen und ihre Rentendebatte erst einmal auf die lange Bank geschoben. CSU-Chef Seehofer kontert trotzdem wacker gegen die AfD, wirkt dabei aber eher wackelig. Immer, wenn er eine feste Haltung einnehmen will, schleicht Merkel um seinen Stuhl herum, um daran zu rütteln.
In seiner Verzweiflung hat er die Asylproblematik als „Mutter aller politischen Probleme“ ausgemacht. Armin Laschet kocht: „Das ist Saddam-Hussein-Sprache!“, empört sich der nordrhein-westfälische CDU-Ministerpräsident. Wäre Seehofer nicht CSU-Chef, hätte Laschet sicher auch entdeckt, dass der „Mutter“-Satz als Diktatorensprache antidemokratisches Denken enthülle und mithin bloßlege, dass Seehofer kein Demokrat sei.
Jedenfalls hat sich der Bundesinnenminister mit dem Satz außerhalb des „Systems Merkel“ gestellt. Sonst wäre ein so enger Vertrauter der CDU-Chefin, der Laschet ist, nicht dermaßen aufgeregt über den Satz. Seehofer sollte sich also vorsehen. Einmal mag ihm das „System“ diesen Ausrutscher durchgehen lassen. Sollte der Bayer rückfällig werden, müsste man ihn wohl zum „Prüffall“ für den Verfassungsschutz erklären.


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Kommentare

Chris Benthe:
16.09.2018, 08:51 Uhr

Treffer ! Versenkt ! Bravissimo !


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