Weimarer Bau-Replik

Das Bauhaus revolutionierte die Architektur – Vor 100 Jahren wurde es in der Klassikerstadt gegründet

01.02.19
Bauhaus-Prototyp von 1923: Das Weimarer Haus Am Horn soll am 18. Mai wiedereröffnet werden Bild: Thiede

Das Jahr 1919 hat nicht nur große gesellschaftliche Umbrüche hervorgebracht. In dem Jahr begann von Deutschland aus auch eine architektonische Revolution, die bis heute in aller Welt Spuren hinterlassen hat. Die von Walter Gropius in Weimar gegründete Bauhaus-Schule veränderte das Bauen grundlegend: weg vom ba­rocken Schnörkelstil, hin zur schlichten Sachlichkeit – viele sagen auch: Eintönigkeit. Weimar  rüstet sich jetzt zur Feier des 100. Geburtstags der legendären Lehranstalt.

Das Bauhaus genießt Weltruhm, weil es der modernen Kunst, Produktgestaltung und Architektur wesentliche Impulse vermittelte. Bundesweit wird der 100. Ge­burtstag des in Weimar gegründeten, 1925 nach Dessau umgezogenen und 1933 in Berlin endgültig geschlossenen Instituts mit Hunderten von Ausstellungen und anderen Veranstaltungen begangen.
Aber der Gründungsort will sich nicht die Schau stehlen lassen und wirbt mit dem Slogan: „Das Bauhaus kommt aus Weimar.“ Hier feiert man den 100. Geburtstag der Lehranstalt mit der Eröffnung des neuen Bauhaus-Museums sowie der Wie­dereröffnung des Hauses Am Horn. Und im nahen Dornburg öffnet das neue Bauhaus-Werkstatt-Museum seine Pforten.
Wann genau hat das Bauhaus eigentlich 100. Geburtstag? Mehrere Termine kommen in Betracht. Mit seinem Brief vom 31. Januar 1919 machte der Berliner Architekt Walter Gropius in Weimar auf sich aufmerksam. Er war an Oberhofmarschall Hugo Freiherr von Fritsch gerichtet, den Gropius als „Verwalter aller Kunstinstitute in Weimar“ ansprach: „Darf ich da­her heute die Bitte aussprechen, mir mitteilen zu wollen, ob in absehbarer Zeit an die Besetzung des freien Direktorenpostens ge­schritten wird?“ Er meinte den der Kunsthochschule.
Das Schreiben kam dem Oberhofmarschall gelegen. Er bot Gropius die Leitung der Kunsthochschule und der mit ihr zu vereinigenden Kunstgewerbeschule an. Der am 1. April 1919 ausgestellte Dienstvertrag wurde ihm nach Berlin geschickt. Nach Klärung noch offener Fragen unterzeichnete Gropius am 11. April. Er schlug die Neubenennung der vereinigten Institute vor. Im Schreiben vom 12. April teilte das Hofmarschallamt mit, dass die provisorische Regierung des Freistaates Sachsen-Weimar-Eisenach mit dem Institutsnamen „Staatliches Bauhaus in Weimar“ einverstanden sei.
Die neue Einrichtung bezog die Gebäude der ehemaligen Kunsthochschule und der ehemaligen Kunstgewerbeschule. Seinen Lehrbetrieb startete das Bauhaus am 28. April 1919. „Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau!“, wie der Gründungsdirektor im „Bauhaus-Manifest“ verkündete. Weiter heißt es: „Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!“ Denn es „ist der Urquell des schöpferischen Gestaltens“.
Eine Neuheit war das „Vorkurs“ genannte Probesemester, in dem den Studenten gestalterische Grundprinzipien vermittelt wurden. Nach bestandenem Vorkurs suchten sie sich eine der Werkstätten für die weitere Ausbildung aus. In denen unterrichteten „Werkmeister“ die Handwerkstechniken, während „Formmeister“ für die gestalterische und ästhetische Schulung sorgten. Gropius berief Künstler, die heute weltberühmt sind, zu Formmeistern: Paul Klee, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer, Lyonel Feininger und László Moholy-Nagy.
Das Bauhaus veranstaltete 1923 seine erste große Leistungsschau. Deren Mittelpunkt war das auf 12,7 mal 12,7 Quadratmetern Grundfläche errichtete Haus Am Horn. Es ist die einzige in Weimar verwirklichte Bauhaus-Architektur. Nachnutzungen hatten das vom Maler Georg Muche entworfene „Musterhaus“ verändert. Das auf seinen ursprünglichen Zu­stand zurückgeführte Haus steht ab 18. Mai zur Besichtigung offen.
Das für eine Familie mit ein bis zwei Kindern konzipierte Flachdachgebäude weist einen als Wohnzimmer vorgesehenen Mit­telraum auf, der Küche, Bad und die anderen umliegenden Zimmer überragt. Wegweisend waren die Verwendung moderner Materialien und Haustechnik: Wände aus Leichtbetonbausteinen, Linoleumfußböden, Zentralheizung und Waschmaschine.
An der Einrichtung beteiligten sich alle Bauhaus-Werkstätten. Sie sorgten zum Beispiel für eine der ersten Einbauküchen überhaupt sowie die von Marcel Breuer entworfenen Möbel. Auf Alma Buscher und Carl Jakob Jucker ge­hen die Leuchten zurück, auf Theodor Bogler und Otto Lindig die keramischen Gefäße.
Die im Marstall der Dornburger Schlösser untergebrachte Keramik-Werkstatt war die einzige Einrichtung des Staatlichen Bauhauses außerhalb Weimars. Weil sie auch nach der Bauhaus-Zeit kontinuierlich weiterbetrieben wur­de, sind neben der von Bogler und Lindig benutzen Gipsdrehscheibe viele weitere alte Einrichtungsgegenstände erhalten ge­blieben. Deshalb gilt sie als die einzige Werkstatt des Bauhauses, die bis heute überdauert hat.
Die historischen Räume der Töpferei und ein Erweiterungsbau, der die Geschichte der Werkstatt und ihre Produkte vorstellt, werden als „Bauhaus-Werkstatt-Museum“ am 20. April eröffnet.
Einige der Entwürfe Boglers und Lindigs für Serien von Gebrauchskeramik gehören wie die von Wilhelm Wagenfeld und Carl Jakob Jucker entworfene Tischlampe, Marcel Breuers Lattenstuhl und Peter Kelers Wiege zu der von Gropius angelegten Sammlung 168 wegweisender Produkte aus den Werkstätten des Staatlichen Bauhauses. Sie bilden den Grundstock der rund 13000 Kunstwerke, Modelle von Ge­brauchsgegenständen und Dokumente umfassenden Bauhaus-Kollektion der Klassik Stiftung Weimar. Rund 1000 von ihnen will das neue Bauhaus-Museum zeigen.
Museumsleiterin Ulrike Bestgen erklärt zum Ausstellungskonzept: „Wir zeigen die Ursprünge der Bauhaus-Ideen und ihre weltweiten Nachwirkungen. Besucher erfahren das Bauhaus als einen Ort, an dem man mit Materialien und Formen in den verschiedenen Künsten experimentierte, sich vor allem aber mit der Ge­staltung des alltäglichen Lebens auseinandersetzte.“
Das von Heike Hanada entworfene neue Weimarer Bauhaus-Museum sieht wie ein Kubus aus, der sich bei Nacht in eine schwebende Lichtskulptur zu verwandeln scheint. Denn die horizontalen Fugen der Sichtbetonfassade weisen 24 Lichtbänder auf. Fünf Ebenen halten 2250 Quadratmeter Ausstellungsfläche be­reit. Den 22,6 Millionen Euro teuren Neubau finanzierten die Bundesrepublik und das Land Thüringen. Die feierliche Eröffnung des Bauhaus-Museums ist für den 5. April an­gekündigt.     Veit-Mario Thiede
Informationen: www.klassik-stiftung.de, www.bauhausmuseumweimar.de, www.uni-weimar.de, www.bauhaus-keramik.de


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