Wie das »Rote Kreuz« entstand

23.10.19

Es ist das Jahr 1880: Ein Totgeglaubter flieht vor seinen Feinden und Gläubigern nach Heiden. Nach Jahren der Demütigungen findet der hochverschuldete Gründer des Roten Kreuzes, Henry Dunant, hier endlich Menschen, die ihn in seinen Visionen unterstützen und vor allem seine Verdienste um das Allgemeinwohl anerkennen. Hier findet er Zeit und Ruhe, sich der Ereignisse seines bewegten Lebens zu erinnern und mit der Hilfe einiger Unterstützer für die offizielle Anerkennung seiner Leistungen zu kämpfen. Der biografische Roman „Der Zeitreisende. Die Visionen des Henry Dunant“ von Eveline Hasler zeichnet in dieser Weise aus der Sicht Dunants dessen Verdienste und Visionen nach.
Durch Zufall wird Dunant 1859  Zeuge der Nachwirkungen der Schlacht von Solferino. Spontan organisiert er die Pflege der Verwundeten aller beteiligten Parteien und schlägt mit seinen Reflexionen über diese Erfahrung „Eine Erinnerung an Solferino“ hohe Wellen. Nur ein Jahr später wird in Genf das Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege, das heutige Internationale Komitee vom Roten Kreuz, gegründet. Auch in die Genfer Konvention von 1864 gehen die Vorschläge aus Dunants Buch maßgeblich mit ein. Als Dunant aber 1867 wegen „betrügerischen Bankrotts“ verurteilt wird, drängt ihn sein Konkurrent Gustave Moynier immer mehr aus der Organisation heraus, vereitelt, dass ihm finanzielle Hilfen von Unterstützern zukommen und setzt alles daran, ihn öffentlich zu diskreditieren. Seine Schulden belasten Dunant noch bis an sein Lebensende, doch 1901 erfährt er zumindest öffentliche Anerkennung für sein Lebenswerk, als ihm zusammen mit dem Pazifisten Frédéric Passy der erste Friedensnobelpreis überhaupt verliehen wird.
Diese gut recherchierte Lebensbeschreibung Dunants stilisiert ihn nicht zum Helden, aber lässt ihn durch die Übernahme seiner Perspektive menschlich erscheinen, was auch seine Visionen nahbarer macht. Diese Perspektivübernahme ist umso eindringlicher, als Zeitsprünge und wörtliche Rede nicht markiert werden, was dem Leser das Gefühl vermittelt, sich mitten in den Erinnerungen und Gedanken Dunants zu befinden, zuweilen jedoch auch etwas verwirren kann. Zudem finden sich häufig direkte Zitate aus Briefen, Tagebüchern und Werken Dunants in der Originalsprache Französisch und in Übersetzung, um die Leserschaft noch unmittelbarer an Dunants Ideen heranzuführen.     L. Wenzel

Eveline Hasler: „Der Zeitreisende. Die Visionen des Henry Dunant“, dtv-Verlag, München 2019, broschiert, 208 Seiten, 9,95 Euro


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