Wie ein Klagen im Walde

Das Saxofon ist Instrument des Jahres – Benannt ist es nach seinem Erfinder. Ausstellung in Berlin zeigt seine Erzeugnisse

12.04.19
Prominenter Saxofonist: Auch US-Präsident Bill Clinton, hier mit dem Jazzer Everette Harp, konnte dem Instrument Töne entlocken Bild: pa

Keine Sorge, das Saxofon gehört noch nicht zu den vom Aussterben bedrohten Musikinstrumenten. Da es aber im Vergleich mit Streich- oder Tasteninstrumenten noch recht jung ist, wurde es zum Instrument des Jahres gewählt.

Instrumente seien mehr als bloße Werkzeuge zur Klangerzeugung, heißt es im Programmheft des Landesmusikrates Berlin, der seit 2010 zusammen mit dem Landesmusikrat Schleswig-Holstein Musikinstrumente in den Fokus der Öffentlichkeit hebt. Bis zu den Anfängen der Musikgeschichte ließe sich zurückverfolgen, wie Menschen ihre eigene musikalische Ausdrucksform durch Entwicklung und Bau verschiedenster Instrumente fanden.
Am 6. November 1814 wurde in der kleinen Stadt Dinant in Belgien der Sohn eines Instrumentenbauers geboren, Antoine Jo­seph Sax. Später nannte man ihn Adolphe. Der Junge befasste sich in der Werkstatt des Vaters mit Klarinetten und studierte in Brüssel am Konservatorium Musik. Er war ein hervorragender Klarinettenspieler und Instrumentenbauer. Irgendwann entstand bei ihm der Wunsch, einen Klang zu schaffen, der nicht so hart war wie der der Blechbläser, aber kräftiger als der der Holzblasinstrumente. Genauer gesagt war sein Ziel, ein neues Instrument zu schaffen zwischen dem warmen Klang der Klarinette und dem durchdringenden Klang der Oboe. Außerdem sollte es freilufttauglich sein, also unempfindlich, wenn man es draußen bei Wind und Wetter spielte.
Der Erfinder zog 1841 nach Paris und entwarf nur ein Jahr später ein Holzblasinstrument, das er kurzerhand nach seinem Nachnamen benannte, das Saxofon. Obwohl es meistens aus Metall, wie Messing, Sterlingsilber oder Kupfer gefertigt wird, gehört es wie die Klarinette zu den Holzblasinstrumenten. Der Grund ist ein kleines Holzblättchen im Mundstück. Ein Rohrblatt aus einer speziellen Schilfart wird mit einer Klammer an der Unterseite eines Schnabelmundstücks über einer Öffnung befestigt. Bläst nun der Spieler hinein, wird das Rohrblatt in Schwingungen versetzt. Diese bringen die Luftsäule, die sich im Saxofon befindet, zum Schwingen, und so entstehen die Töne.
Typisch für das Instrument sind die vielen Ventile und Klappen, die dem Musiker durch Öffnen und Schließen derselben eine große Bandbreite an zu spielenden Tönen ermöglichen. Das Schnabelmundstück, oft aus Kautschuk oder Metall gefertigt, ähnelt mit dem Rohrblatt einer Klarinette, die Klappenmechanik ähnelt dem der Flöten.
Sax eröffnete in Paris eine Werkstatt, die er bald zu einer Fabrik mit Konzertsaal erweiterte. Er baute acht verschiedene Größen seines neuen Instrumentes: Sopranino, Sopran, Alt, Tenor, Bariton, Bass, Kontrabass und Subkontrabass. 1846 beantragte er das Patent für seine Erfindung. „Ein Instrument, das im Charakter seiner Stimme den Streichinstrumenten nahekommt, aber mehr Kraft und Intensität besitzt als diese“, hieß es in seinem Patentantrag. Sax erhielt das Patent für zunächst 15 Jahre und weihte Studenten am Pariser Konservatorium in seine neuen In­strumente ein. Schnell erregte er große Aufmerksamkeit im Pariser Musikleben.
„Nach meiner Ansicht beruht der besondere Wert der Saxofone in der verschiedenartigen Schönheit ihres Ausdrucks: bald feierlich-ernst und ruhig, bald leidenschaftlich, dann träumerisch oder melancholisch wie ein abklingendes Echo oder wie die unbestimmten Klagen des Wehens im Walde“, schwärmte der französische Komponist Hector Berlioz.
Schon 1845 empfahl Sax seine Erfindung der königlichen Familie zur Aufnahme ins Militärorchester. Louis-Philippe I., König der Franzosen, veranlasste einen Wettstreit zwischen Saxofonen und den bisher üblichen Blasinstrumenten. Die neuen Instrumente siegten auf ganzer Linie, sowohl von der Lautstärke als auch von der Wetterfestigkeit her, und der König war begeistert. Das Saxofon fand seinen Platz in Militärkapellen.
Dennoch ließen Neider und Konkurrenten nicht lange auf sich warten. Missgunst schlug dem Belgier, der außer Musikinstrumenten auch medizinische Ap­parate und Eisenbahnsignale erfunden hatte, entgegen. Patent- und Urheberrechtsstreitigkeiten waren die Folge. So kam der Erfinder niemals zu Reichtum.  Adolphe Edouard Sax, einziger Sohn des Instrumentenbauers, arbeitete seit 1886 in der Firma des Vaters und führte diese nach dem Bankrott und dessen Tod 1894 weiter. In den USA fanden Saxofone früh Einzug in Militärbands. Lange Zeit nach der Erfindung des Saxofons begann sein Siegeszug mit dem Aufkommen des Jazz in New Orleans.
1902 bereiste der Berliner Komponist Gustav Bumcke die französische Hauptstadt, lernte den jungen Sax kennen und stattete der Werkstatt seine Besuche ab. Be­geistert von den Instrumenten, orderte er acht Saxofone in allen Größen und brachte sie mit nach Berlin. Für ihn war das besondere Instrument die perfekte klangliche Verbindung zwischen Holz- und Blechblasinstrumenten.
Bumcke brachte sich das Saxofonspiel selbst bei und komponierte Kammer- und Orchestermusik, lehrte am Konservatorium und gründete eine Saxofonklasse. 1926 veröffentlichte er mit seiner „Saxophon-Schule“ die erste deutschsprachige Methodik und gründete Ende der 1920er Jahre das erste deutsche Saxofon-Orchester. Berlin wurde zu einer Art Weltmetropole des Saxofons. Viele Künstler aus aller Welt strömten in die Reichshauptstadt. Das änderte sich jedoch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, die das Saxofon als „undeutsch“ ablehnten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden sich Saxofone schnell in zahlreichen Blas- und Militärorchestern sowie in Big-Bands der Radio- und Fernsehanstalten in Ost und West. Heute zählt das Saxofon zu den beliebtesten Instrumenten.    Silvia Friedrich

Vom 4. April bis 7. Juli präsentiert das Berliner Musikinstrumenten-Museum in der Tiergartenstraße  mit „27 Saxophone“ eine Be­standsschau der Saxofone seiner Sammlung. Im Mittelpunkt stehen dabei die Instrumente aus der Werkstatt von Adolphe Sax.


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