Wie im Rausch

Als es noch Warnungen vor »exzessivem Blyton-Konsum« gab – Die Autorin von Hanni, Nanni und Co.

30.11.18
Harry Potter ohne Zauberstab: Die „Fünf Freunde“, die man in England als „Famous Five“ kennt Bild: Imago

Mit „Hanni und Nanni“ und „Fünf Freunde“ wuchsen hierzulande viele Jugendliche auf. Vor 50 Jahren starb die Schöpferin der Buchreihen: die Britin Enid Blyton.

Mit rund 750 Werken, die weltweit nach der Übersetzung in mehr als 40 Sprachen in über 600 Millionen Exemplaren verkauft wurden, zählt Blyton zu den international erfolgreichsten Au­torinnen des 20. Jahrhunderts. Sie verfasste schon ab dem 10. Le­bensjahr Geschichten, entwickelte sich nach ihrer Lehrer-Tätigkeit und Heirat zur erfolgreichen Schriftstellerin für Kinder und Jugendliche und stellte dabei ihre Familienbelange rigoros zurück, was zu häuslichen Konflikten führte. Mit ihren Welterfolgen, die von den Mehrteilern „Fünf Freunde“ und die „Schwarze Sieben“ über die „Hanni und Nanni“-Bücher bis zur „Dolly“-Prosa reichten, gelang ihr über ihren Tod hinaus bis in die heutige Zeit eine enorme Nachwirkung.
Blyton wurde am 11. Au­gust 1897 im Londoner Stadtteil Dulwich geboren. Ihr Vater weckte bei ihr schon früh das Interesse für die Natur, Musik und be­sonders für die Literatur. Dagegen hielt die Mutter nichts vom vielen Lesen. Das war in ihren Augen „Zeitverschwendung“. Daraus er­wuchs schon bald ein andauernder Mutter-Tochter-Konflikt.
Blyton wuchs nach dem Umzug der Familie im Londoner Stadtteil Beckenham auf, besuchte als Ta­gesschülerin bis 1915 eine Mädchen-Internatsschule, fiel durch ihr „ausgezeichnetes Gedächtnis“ auf und gewann mit 14 Jahren einen Gedicht-Wettbewerb. Ihre besondere Erzählwirkung auf jüngere Kinder und die Ermutigung durch einen Herausgeber bewog sie zur Intensivierung ihrer Schreibversuche.
Nachdem der Vater die Familie wegen einer anderen Frau verlassen hatte, brach die Tochter eine Ausbildung zur Musikerin ab. Stattdessen absolvierte sie ein Lehrerseminar. Blyton arbeitete ab 1920 im Beruf, las dabei ihren Schülern eigene Prosa vor und sandte jene Geschichten, die das beste Echo hatten, an Zeitschriften. Mit Erfolg. 1922 erschien ihr erstes Buch. Dabei lernte sie Hugh Alexander Pollock kennen, einen Verlagsangestellten, den sie 1924 heiratete. Das Paar lebte fortan weiter im Umfeld von London. Blyton brachte zwei Mädchen zur Welt, gab den Lehrerberuf auf und widmete sich nach 1924 gänzlich der Schriftstellerei.
Dabei berücksichtigte sie ihr eigenes Erleben. Das reichte von Kindheitserlebnissen über Schul­erinnerungen bis zu Natur- sowie Tierbegebenheiten, die in eindrucksvolle Stimmungsbilder einmündeten. Sie bevorzugte in ihren Darstellungen Kindergruppen, die auf die Hilfe der Erwachsenen verzichten, Werte wie Kameradschaft, Verschwiegenheit und Verlässlichkeit pflegen und dabei Abenteuer erleben bis dahin, dass „erwachsene Missetäter“ überführt werden. Ihre Helden sind fair, zeigen Mitgefühl für Schwache, lehnen Schleicher und Gewalttäter ab und beeindrucken durch Tierliebe.
Die handelnden Personen stammten analog zur Erfahrungswelt der Autorin aus Mittelschicht-Familien und repräsentieren eine „eigenständige Kinderwelt“. Dabei war in vielen Fällen für Leser aus ihrem Umfeld ein Wiedererkennungsmerkmal gegeben. Ein Charakteristikum für die Autorin war die Gewohnheit, ihre Geschichten in Serien anzulegen.
Doch ihre eigene Familie kam bei ihrer Buchproduktion zu kurz. Daran zerbrach ihre Ehe, die Anfang des Zweiten Weltkrieges geschieden wurde. Ihre Töchter fühlten sich vernachlässigt, was zu Kontroversen führte. Blyton heiratete 1942 in zweiter Ehe den Arzt Kennet Darrel Waters, verbot ihren Töchtern jeden weiteren Kontakt zum leiblichen Vater und widmete sich weiter der Schriftstellerei. Dazu gab sie nun auch zwei Zeitschriften heraus: „Sunny Stories“ und „Enid Blytons Magazine“. Parallel engagierte sie sich dauerhaft und in vielfältiger Form für behinderte Kinder.
In den 50er Jahren gab es in der englischen Presse Vorwürfe we­gen ihrer Massenproduktion und gegen den „exzessiven Blyton-Konsum“. Die Autorin reagierte auf ihre Art: „Kritik von Leuten über zwölf interessiert mich überhaupt nicht.“
Aber auch Blyton kam an Grenzen. Ab 1961 zeigten sich bei ihr wachsende Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung. Sie, die für ihre Gedächtnis-Leistungen im­mer gerühmt wurde, hatte nun Aussetzer und war schließlich „verwirrt“. Ihr zweiter Mann pflegte sie bis zu seinem eigenen Tod 1967. Anschließend kam sie in ein Pflegeheim in Hampstead, wo sie am 28. November 1968 starb. Nach der Einäscherung wurde ihre Asche in einem Park verstreut. Danach sorgten ihre Töchter für Schlagzeilen. Während Tochter Gillian ihre berühmte Mutter jetzt verehrte, beschrieb Tochter Imogen die Mutter als „arrogant, ohne Mutterinstinkt und sehr streng“.
Nach ihrem Tod beauftragten Verlage wegen der weiterhin anhaltenden Nachfrage andere Autoren mit der Schaffung von Fortsetzungen im Stil von Enid Blyton. Blyton-Biografen hoben ihre „Schwarz-Weiß-Malerei“ als „Voraussetzung dafür hervor, die Leser zu lenken“, lobten ihre „starken Mädchenfiguren“ als „Antityp zur traditionellen Mädchenrolle“ und ihre Leistung, die Freude der Kinder am Lesen zu wecken. Es gab posthume Auszeichnungen für die Autorin und einen Film über Blytons Leben von 2009, der allerdings stark von den Aussagen der Tochter Imogen gefärbt ist.     Martin Stolzenau


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