Wie Vergewaltigungsverbrechen bis heute nachwirken

10.07.19

Bereits 2015 hat Miriam Gebhardt in ihrem Buch „Als die Soldaten kamen“ die massenhaften Vergewaltigungen deutscher Frauen durch die Soldaten der Siegermächte am Ende des Zweiten Weltkriegs thematisiert. Insbesondere fokussierte sie sich dabei auf die Sexualdelikte der westlichen Alliierten. In ihrem aktuellen Buch „Wir Kinder der Gewalt“ folgt sie den individuellen Spuren der Gewalt in den Familien der betroffenen Frauen.
Im Mittelpunkt stehen die seelischen Probleme der Kinder, die aus den Sexualdelikten der Besatzungssoldaten gegen ihre Mütter hervorgingen. Die Vergewaltigungen wurden von der Sowjet-, der US- und der französischen Armee begangen. Da die Herkunft dieser Kinder mit Scham und Schande verknüpft war, wurde ihre Identität in den meisten Familien verschleiert. Für einen Großteil von ihnen bedeutete das, mit dem ungelösten Rätsel ihrer väterlichen Herkunft leben zu müssen, da ihre Mütter sich in Schweigen hüllten. Viele wuchsen in prekären Verhältnissen und emotional vernachlässigt bei Verwandten oder Fremden auf.
Aufgrund ihres ersten Buches hatten sich bei Gebhardt Personen gemeldet, die den Verdacht hatten, bei Kriegsende durch einen grausamen Zeugungsakt ins Leben gerufen worden zu sein. Sie bekundeten Interesse an einem Gespräch mit der Autorin, weil sie sich mit ihren Familiengeschichten allein gelassen und stigmatisiert fühlten. Einige der über 70-Jährigen waren neurotisch und hatten schon mehrere Therapien hinter sich. Für ihre Studie führte Gebhardt Interviews mit vier Frauen und einem Mann. Sein Fallbeispiel erinnert an die Vergewaltigungen deutscher Frauen in den sibirischen Arbeitslagern. Frauen, die diese Torturen überlebten, fanden nach ihrer Rückkehr nach Deutschland manchmal keinen Weg mehr zurück in ein normales Leben. Zu den Opfern der an ihnen begangenen Sexualverbrechen zählt Gebhardt auch ihre Kinder, die erst später zur Welt kamen, aber in Hilf- und Ratlosigkeit mit einer seelisch und körperlich gebrochenen Mutter aufwuchsen.
Jeder Falldarstellung folgt ein Kapitel zur Einordnung der persönlichen Situation der Berichterstatter und ihrer Familien in den zeitlichen Kontext. Neben den Themen Erziehung und Sexualmoral in der Gesellschaft der Nachkriegszeit, Gesundheit, Bildungs- und Berufschancen greift die Autorin auch die Schwierigkeiten auf, denen Antragstellerinnen auf eine Rente für sich und ihr Kind aus dem „Fonds für Besatzungsschäden“ begegneten: Sie mussten durch Zeugenaussagen nachweisen, dass ihr Kind tatsächlich aus einer Vergewaltigung hervorging.  
Wie etliche Psychoanalytiker hat auch Gebhardt Hinweise darauf gefunden, dass die Gewalterfahrungen bei Kriegsende, Flucht, Hunger und die massenhaften Sexualdelikte in den Familien schicksalhaft bis in die heutige Enkelgeneration fortwirken.     D. Jestrzemski

Miriam Gebhardt: „Wir Kinder der Gewalt. Wie Frauen und Familien bis heute unter den Folgen der Massenvergewaltigungen bei Kriegsende leiden“, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019, gebunden, 301 Seiten, 21,99 Euro


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