»Wir sind einfach losgefahren«

Nächtliche Freudenszenen am Grenzübergang Lübeck-Schlutup

18.11.19
Eine ehemalige Baracke des Bundesgrenzschutzes blieb: Die private Grenzdokumentationsstätte Lübeck-Schlutup Bild: qwesy qwesy

Drei Stunden nach dem legendären Versprecher des SED-Politbüromitglieds Günter Schabowski, die Grenze sei ab sofort offen, fuhr das erste Auto um 21.53 Uhr über den Grenzübergang Lübeck-Schlutup. Das Fahrzeug kam aus Wismar. An Bord waren vier junge Leute. Beide Städte liegen 60 Kilometer voneinander entfernt. Drei Stunden Fahrzeit brauchte man auf den Straßen der DDR dafür. Lübeck, neben Berlin die einzige Großstadt am Eisernen Vorhang, war trotz langer Anreise ein naheliegendes Ziel.
Niemand wusste die vollkommen überraschende Situation einzuschätzen. Und so drückten die Beamten des Bundesgrenzschutzes (BGS) in Schlutup den vier jungen Leuten Übersiedlungsformulare in die Hände. Die aber erklärten lachend, sie wollten noch in derselben Nacht zurück, zuvor aber das Nachtleben von Lübeck testen. Die drei jungen Männer aus Wismar hatten im Grenzort Selmsdorf eine junge Frau mitgenommen, der man als Fußgängerin das Überqueren der Grenze nicht erlaubt hatte. So begann die Geschichte der Öffnung des Eisernen Vorhangs für die Grenzstadt Lübeck.
Die Grenze durch Deutschland hatte Lübeck ins Abseits gedrängt. Als einzige Großstadt an der deutsch-deutschen Grenze gelegen, litt sie unter dem Verlust des mecklenburgischen Hinterlandes. Nur vier Kilometer maß die Strecke vom Markt der Stadt bis zur Grenze in Eichholz. Mecklenburg hatte Lübeck mit Lebensmitteln beliefert, die wirtschaftlichen Verbindungen waren eng. Die familiären ebenfalls. Gleich nach dem Krieg gab es an der „grünen Grenze“ Schlupflöcher für den unerlaubten kleinen Grenzverkehr. Die heimlichen Grenzgänger nahmen die Gefahr auf sich, gefasst zu werden. Im Keller eines Gasthauses in Herrnburg wurden sie eingesperrt. Meist war der Keller übervoll. Das änderte sich, nachdem der Ministerrat der DDR im Mai 1952 die vollkommene Abriegelung der innerdeutschen Grenze beschlossen hatte. Unter dem perfiden Decknamen „Aktion Ungeziefer“ wurden 8175 Menschen aus dem gesamten grenznahen Raum ins Landesinnere deportiert. Sie galten dem Regime als „politisch unzuverlässig“. Gleichzeitig siedelten die Behörden der DDR 11000 Menschen aus diesem Gebiet um, sie wurden als „feindliche, verdächtige kriminelle Elemente“ bezeichnet. Umfangreiche Gehölze wurden abgeholzt, um den Grenztruppen freies Schussfeld zu bieten. Insgesamt wurden 32 Bahnlinien, drei Autobahnen, 31 Bundesstraßen, 140 Landstraßen und Tausende von Feldwegen gesperrt. Im Bereich von Lübeck befanden sich darunter auch die Grenzübergänge bei Schlutup und Eichholz, die Bahnverbindung nach Berlin und Stettin. Erst acht Jahre später, am 1. März 1968, wurde die Grenzübergangsstelle Schlutup geöffnet, gleichzeitig mit der Bahnlinie über Herrnburg. Parallel dazu aber baute die DDR ihre Grenzanlagen weiter aus, auf die ersten Stacheldrahtzäune folgten Minenfelder und später Selbstschussanlagen. Einen „antifaschistischen Schutzwall“ nannte die DDR diese Anlagen, die vielen Menschen zum Verhängnis wurden. Die Staffelung der Sperranlagen machte deutlich, dass sie nach innen gerichtet waren. Bis zur Öffnung der Grenze waren diese mörderischen Anlagen intakt.
In Lübeck-Schlutup hatte man gelernt, mit der Grenze zu leben. Eine der Straßen des Stadtteils führte hart an der Grenze entlang. Wer dort wohnte, war es gewohnt, von Grenzaufklärern der DDR fotografiert zu werden. Gelegentlich begegnete man ihnen sogar auf dem Bürgersteig der östlichen Straßenseite. Am Abend des 9. November war es am Grenzübergang auffallend still. Dann hörte man ein von Osten näherkommendes Knattern, auf der östlichen Seite des Grenzüberganges flammten Scheinwerfer auf, dann rollte der erste Trabi über die Grenze. Andere folgten, es wurden immer mehr. Die Beamten des Grenzschutzes, die den ersten Ankommenden irrtümlich die Übersiedlungsformulare gaben, sie wurden die Formulare doch noch los. Bis 23 Uhr registrierte der BGS elf DDR-Bürger, die in den Westen übersiedeln wollten.
Was dann in den nächsten Stunden und Tagen folgte, war ein Volksfest am Grenzübergang, voller Fassungslosigkeit über die unerwartete, glückliche „Wende“ und überschäumende Freude. In einem Zeitungsbericht wurde das so beschrieben:
„Grenzübergang Lübeck-Schlutup. Freitag, kurz nach Mitternacht: Knatternd und qualmend kommt die Karawane. Hunderte von Menschen warten, tanzen, umarmen sich, singen Lieder, klönen, weinen. Da ist Sekt und da sind Gitarren. Jedes Auto aus dem anderen Teil Deutschlands muss durch eine schmale Menschengasse fahren. Fäuste und Handflächen trommeln auf Plastikdächer … Ein Mann aus Deutschland-West greift durchs Autofenster, streichelt einen Mann aus Deutschland-Ost, den er nicht kennt: ,Schön, dass Du da bist.‘ Schlutup, 1.15 Uhr: Drei Mädchen aus Wismar können es nicht fassen, als der Beifall hochbrandet: ,Ihr habt so viele Probleme mit uns, und empfangt uns doch so herzlich.‘ Zurück wollen sie fast alle. Sie sind ,einfach losgefahren‘. Es sind nächtliche Spritztouren, ,Proben aufs Exempel‘, wie ein junges Ehepaar trotzig betont, das wenig später heimfährt: ,Unsere Kinder schlafen. Beim Frühstück werden wir ihnen beiden sagen: Hört mal, wir waren vorhin in Lübeck. Die Gesichter möchte ich sehen.‘“
Am folgenden Tag feierten die Lübecker mit 25000 Gästen aus der DDR ein riesiges Volksfest. Die Abgase der Zweitakter verpesteten die Luft – und alle fanden es schön. Die Schlange der Trabis und Wartburgs an der Grenze war über 25 Kilometer lang, in der Innenstadt gab es keinen freien Parkplatz. Gegen Mittag ging der Stadt das Begrüßungsgeld aus. Mitarbeiter der DDR-Staatsbank holten in Lübeck 700000 D-Mark in kleinen Scheinen ab, sie hatten die 15 Mark, die jeder für eine Reise nach Westdeutschland erhielt, nicht mehr auszahlen können.
Eine private Initiative schuf in Schlutup in einer ehemaligen Baracke des BGS eine Grenzdokumentationsstätte. Sie hatte dabei massiven politischen Widerstand zu überwinden. Die Stadt, die in der Vergangenheit stets und ständig auf ihre Lage am Zonenrand verwiesen hatte, wollte keine Erinnerung. Nichts blieb, nur die private Dokumentationsstätte.    
    Klaus J. Groth


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Kommentare

Ingo Angres:
19.11.2019, 18:02 Uhr

>> Nichts blieb, nur die private Dokumentationsstätte <<

Dafür findet sich in Lübeck aber eine amtliche Gedenkstele für die bei einem durch seltsame, ungeklärte Umstände entstandenen Brand zu Tode gekommenen schwarzen Asylbewerber.

Die Lübecker Stadtverwaltung (deren Inkompetenz in allen Belangen geradezu grotesk zu nennen ist) versuchte bereits 1946 sogar mit dem Lody-Denkmal auch die dazugehörige Gedenkplakette von der Außenseite des Burgtors zu entfernen, doch wusste die britische Besatzungsmacht dies zu verhindern. Zum Todestag des Kaiserlichen Oberleutnants z.S. der Reserve Carl Hans Lody, der am 6. November 1914 in London als Spion erschossen wurde, hing zu meiner Schulzeit jährlich ein Eichenkranz mit Schleife unter dieser Plakette ['Carl Hans Lody starb für uns am 6. Nov. 1914 im Tower zu London']. Inzwischen ist selbst der Kranzhalter aus dem Mauerwerk entfernt und eine kleine Tafel, die an die Umstände der Erschießung erinnert, mit schwarzer Farbe beschmiert und beinahe unleserlich gemacht.

Auch das ist Vergangenheit. Lübeck, einst jahrhundertelang stolze Königin der Hanse, ist inzwischen zu einen popeligen, armseligen, ges(ch)ichtslosen, vom Proletatiat regierten und dominierten Wohnplatz degeneriert.


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