»Wir stehen knapp vor dem Scheitern«

Bei Wirtschaftsminister Gabriel scheinen auch die letzten Illusionen in Sachen Energiewende verflogen

11.05.14
Der finanzielle und ökonomische Preis, den die Deutschen für sie zu zahlen haben, zeichnet sich immer mehr ab: Hoch subventionierte Gewinnung Erneuerbarer Energien. Bild: pa

Als Sigmar Gabriel (SPD) am 16. April die SMA Solar Technology AG im nordhessischen Niestetal bei Kassel besuchte, gab es vonseiten des Wirtschaftsministers und Vize-Kanzlers statt ermutigender Worte für die gebeutelte Öko-Strombranche ungewohnten Klartext und eine drastische Warnung.

Er müsse einige „unfreundliche Antworten“ geben, so Gabriel einleitend, bevor er zu einem verbalen Rundumschlag ansetzte: „Wir stehen knapp vor dem Scheitern der Energiewende“, so die Warnung von Gabriel, der offen wie bisher nur wenige Politiker Probleme wie die zunehmende Instabilität der Stromnetze, die unterschätzte Komplexität der Energiewende und die bisherige Überförderung von Erneuerbaren Energien ansprach. Die auf die Energiewende gemünzte Aussage „Für die meisten anderen Länder in Europa sind wir sowieso Bekloppte“ dürften Gabriel in den Augen der anwesenden Gäste aus der Öko-Strombranche endgültig zum Ketzer gestempelt haben.
Offen bleibt einstweilen, wodurch Gabriels überraschende Brandrede ausgelöst wurde. Anzunehmen ist, dass nach mehreren Monaten im Amt des Wirtschaftsministers bei Gabriel inzwischen wohl auch die letzten Illusionen in Sachen Energiewende verflogen sind. Immer deutlicher wird, dass neben den bisher schon angefallenen immensen Kosten immer neue Probleme und neue Kostenrisiken auftauchen.
Schon jetzt ist die Bilanz der Energiewende ernüchternd genug. Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen vom 27. Dezember vergangenen Jahres hervorgeht, wurden seit der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2002 bis Ende 2013 insgesamt bereits 120 Milliarden Euro an Einspeisevergütungen an die Betreiber von EEG-Anlagen ausgezahlt. Die unsoziale Kehrseite dieser gigantischen Umverteilung wird daran deutlich, dass für immer mehr Deutsche Strom zu einem Luxusgut wird, das sie sich nicht mehr leisten können. Allein 2013 haben Energieversorger 321539 Menschen wegen Zahlungsrück­ständen den Strom abgestellt, drei Prozent mehr als im Jahr 2011, so die Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums auf eine entsprechende Anfrage der Partei „Die Linke“.
Trotz der Deckelungsversuche bei der Förderung von Solar- und Windstromanlagen droht der Anstieg der Kosten weiterzugehen. So sollen nach Plänen der Bundesregierung Stromkunden ab 2016 auch dann zur Kasse gebeten werden, wenn konventionelle Kraftwerke lediglich in Reserve gehalten werden, um eine sichere Stromversorgung zu garantieren. Soll die Energiewende eines Tages keinen abrupten Absturz in der Form eines großflächigen Strom-ausfalls erleben, sind die geplanten Bereithaltungsprämien für konventionelle Kraftwerke tatsächlich dringend notwendig.
Zur Kostenfrage kommt bei der Energiewende nun zunehmend auch noch ein Zeitdruck. Bis spätestens 2022, wenn das letzte deutsche Kernkraftwerk abgeschaltet werden soll, muss ein stabiles Übertragungsnetz errichtet sein. Gegen neue Stromtrassen in der Landschaft wehren sich nicht nur immer mehr betroffene Bürger, sondern neuerdings auch die bayerische Landesregierung. Mit der geplanten Ökostrom-Reform ändere sich die Geschäftsgrundlage, so Staatskanzleichefin Christine Haderthauer (CSU): „Erst wenn wir hier ein Szenario haben, können wir sagen, was wir an Trassen brauchen, ob die Trassen notwendig sind und wie sie liegen.“ Für die neuen Bedenken in München gibt es einen guten Grund: Inzwischen erscheint nämlich wieder offen, was wirklich an Leitungen für norddeutschen Windstrom in Richtung Süden gebraucht wird. Hintergrund ist, dass die Stromerzeugung auf hoher See mittlerweile viel skeptischer als zu Beginn der Energiewende gesehen wird. Die Windparks vor den deutschen Küsten haben sich als weit kostspieliger herausgestellt als bisher angenommen. Als Folge können viele Ausbaupläne als Makulatur gelten. Offen ist damit allerdings auch, wie die Abschaltung der grundlastfähigen Atomkraftwerke bis 2022 kompensiert werden soll. Allein bei der 2015 anstehenden Abschaltung des bayerischen Kernkraftwerks Grafenrheinfeld werden auf einen Schlag 1400 Megawatt Kraftwerkskapazität wegfallen. Mit Blick auf den Berg an Problemen sollte es nicht verwundern, wenn die Energiewende letztendlich in einer Renaissance der klassischen Koh­le- und Gas-Kraftwerke mündet.
Ins Bild der zunehmenden Ernüchterung in Sachen Energiewende passt der schleichende Niedergang des Desertec-Projekts. Mit Strom aus der Wüstensonne sollten Nordafrika und der Mittlere Osten versorgt und auch ein Teil der Energieprobleme Europas gelöst werden, so zumindest die vollmundige Ankündigung im Jahr 2009. Bereits im Jahr 2015 sollten eigentlich schon 15 Prozent des europäischen Stroms aus der nordafrikanischen Wüste kommen. Mittlerweile steigt ein deutsches Unternehmen nach dem anderen aus dem Projekt aus. Bosch und Siemens haben bereits Ende 2012 bei Desertec die Fahne gestrichen. Im April haben nun auch noch EON, die HSH Nordbank und der Baukonzern Bilfinger bekannt gegeben, dass sie sich vom Wüstenstromprojekt zurückziehen.    
Norman Hanert


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Th. Nehrenheim:
20.05.2014, 18:02 Uhr

1. "Abschaltung der grundlastfähigen Atomkraftwerke"
Das sind Aussagen, der Art, die den Bürgern ein ganz falsches Bild einimpfen. Zum einen handelt es sich um Kernkraftwerke, ein Begriff, der in den 60er Jahren noch üblich war, zum anderen kann man Kernkraftwerke nicht "abschalten". Diese Kraftwerke werden aus politischen Gründen (ob berechtigt oder nicht) vom Netz genommen, d.h. die Wirkungen des nuklearen Zerfalls in den Brennelementen dürfen nicht mehr zur Energiegewinnung genutzt werden. Die Brennelemente bleiben weiterhin in den Kraftwerken, heißt auch, die potentielle Gefahr, die von ihnen ausgeht, ist nicht vorüber. Der nukleare Zerfall in Ihnen selbst läuft selbstverständlich weiter ab. Oder anders gesagt: teuer und aufwendig hergestellt und nun von der Nutzung ausgenommen.

2. Die Entscheidung der Kanzlerin die Energiewende so durchzuziehen war eine Dummheit. Das ist keine Einschätzung der Entscheidung hinsichtlich ihres politischen Charakters, sondern ihrer systemischen Wirkung. Die Thermodynamik lehrt, dass die Umordnung eines großen Systemes - und das ist die Energiewirtschaft samt ihrer Unternehmens- und Infrastruktur sowie der in einer Industriegesellschaft von Energie sehr stark abhängigen Wirtschaft - eine entsprechend große Menge Energie bedarf. Energie ist in den Worten von Volkswirtschaft: Geld und Zeit. Wer wird dieses Geld in der BRD zahlen? Die Industrie? Ja, auch, aber sie kann abschreiben, erhält Förderungen usw. Klar, wir wollen ja auch keine Arbeitsplätze verlieren, zumal die Industrie recht problemlos ihre Standorte ins Ausland versetzen kann (Aufhebung von Grenzen). Aber vor allem werden wir Bürger es zu zahlen haben, in Form von Energiekosten und verschiedensten Steuern.

Dummheit. Dummheit unter thermodynamischem Gesichtspunkt - und das von einer Diplom-Physikerin. Dabei sind noch nicht einmal die Aspekte der technischen Umsetzbarkeit von Energiespeicherung, schneller Energiebereitstellung (Länderspiel fängt an und alle Fernseher werden eingeschaltet ... und andere Ereignisse) sowie die Fragen des Energietransportes durch die Republik geklärt, technische, juristische ... Wir wissen noch nicht, wie es geht, aber wir fangen gleich an.

Das Schlimmste ist, es interessiert den Bürger dieser Demokratie nicht - und das ist prima für die Politik. Fehler und Unwissen, der Dilletantismus in der Beraterrepublik lassen sich mit viel Leihbuchgeld kaschieren.


Hans-Joachim Nehring:
12.05.2014, 16:18 Uhr

"Bei Wirtschaftsminister Gabriel scheinen auch die letzten Illusionen in Sachen Energiewende verflogen."
Es wird aber auch höchste Zeit, denn einen Illusionisten kann Deutschland sich als Wirtschaftsminister nicht leisten.
„Für die meisten anderen Länder in Europa sind wir sowieso Bekloppte“
Da möchte ich den Minister nicht widersprechen. Deutsche Politiker gelten oftmals als Beratungsresistent, wenn sie die Interessen des eigenen Volkes vertreten sollen. Wenn Politiker sich als Wirtschaftsexperten generieren wollen, darf man getrost davon ausgehen:
"Und geht der Ochs in fremdes Land, als Rindsvieh wird er doch erkannt." Die ganze Energiewende ist ein Zeugnis für mangelnde Kompetenz und fachliches Unvermögen. Mit grünem Wunschdenken und ideologischen Phrasen klingt das wie einst in der DDR: "Mit Flora der Kuh und Julante der Sau, heben wir das Niveau." Die vielen Windräder im Land sind heute so etwas wie die Rinderoffenställe es waren, als der sozialistische Frühling das Land übermannte. Gott sei Dank, auch diese Wende, war dann bald am Ende und fachliche Vernunft gewann die Oberhand.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.