»Wir Tibeter sind in einer Notlage«

Der buddhistische Mönch und Menschenrechtler Golog Jigme zur Lage in Tibet und im Exil

04.01.18
Ein wichtiger Zeitzeuge für die heutige Lage in Tibet: Golog Jigme Bild: Michael Leh

Der buddhistische Mönch Golog Jigme ist ein wichtiger Zeitzeuge für die heutige Lage in Tibet. Für seine Mitwirkung an einem Dokumentarfilm über die Realität in Tibet wurde er 2008 erstmals verhaftet. Der Filmregisseur, Dhondup Wangchen, wurde zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt. 2009 und 2012 wurde Golog Jigme erneut verhaftet. Auch unter Folter gab er keine Namen von an den Protesten im März 2008 beteiligten Tibetern preis. 2014 gelang ihm die Flucht aus Tibet nach Indien. Inzwischen lebt er im Exil in der Schweiz. Für die PAZ sprach Michael Leh mit ihm in Berlin.

PAZ: Tibet ist in unserer westlichen Nachrichtenwelt heute fast wie ein „Weißer Fleck“. Westliche Journalisten dürfen höchstens noch mit einer Sondergenehmigung nach Tibet reisen, die aber kaum je erteilt wird. Außerdem wird jeder Schritt überwacht. Wie ist die Lage in Ihrer Heimat heute?
Golog Jigme: Wir sind in einer Notlage. Die Existenz der Tibeter ist gefährdet. Die Lage ist insgesamt sehr schwierig. Tibet ähnelt heute einem Gefängnis. China wendet verschiedene Strategien an, um die Identität der Tibeter zu untergraben.

PAZ: Wie kann man sich in Tibet darüber informieren, was im Land und in der Welt vor sich geht? In China werden ja die Medien und das Internet streng kontrolliert, und die Kontrollen werden noch engmaschiger.
Golog Jigme: Trotz der Kontrolle durch die Chinesen können die Tibeter Nachrichten empfangen. Je stärker die Kontrolle wird, desto mehr wächst auch der Widerstand dagegen. Die Tibeter erhalten Informationen zum Beispiel durch die Radiosender „Voice of America“ oder „Radio Free Asia“, auch wenn der Empfang verboten ist. Für uns sind solche Sender überlebenswichtig. Meine Freunde in Tibet sind oft besser informiert als ich in der Schweiz, was ich bewundere. Manchmal erhalte ich Telefonanrufe oder Nachrichten von ihnen, wo sie sagen, sie hätten gehört, im Exil sei dieses oder jenes passiert, und ich solle doch mal näher berichten. Ich bin dann immer wieder überrascht, wie gut sie informiert sind. Es gibt auch ländliche Gebiete, wo Nomaden über Satellit „Voice of America“ oder sogar ausländische Fernsehkanäle empfangen können. In den Städten ist das allerdings nicht mehr möglich. Dort kontrollieren die Chinesen den Satellitenempfang komplett.

PAZ: Staats- und Parteichef Xi Jinping fährt in China generell einen immer repressiveren Kurs. Die digitale Überwachung der Bevölkerung wird noch weiter perfektioniert. Spürt man das auch noch vermehrt in Tibet?
Golog Jigme: Das Internet wird in Tibet noch schärfer zensiert als in der übrigen Volksrepublik China. Im Jahr 2008 war dabei die Technik noch schlechter. Jedesmal, wenn ich einen Freund anrief und wir etwas Kritisches besprechen wollten, merkte ich durch ein Geräusch im Telefon, dass wir abgehört werden. Aber heute merkt man das nicht mehr. Früher hatten sie auch viel schlechtere Überwachungskameras. Inzwischen werden auch verschiedene Apps wie Whatsapp, die wir für die Kommunikation nutzten, strengstens kontrolliert oder zeitweise blockiert, zum Beispiel während des 19. Parteitages der Kommunistischen Partei. Auch „Virtual Private Network“-Dienste, die zur Verschlüsselung benutzt wurden, um die chinesische Firewall zu überbrücken, werden jetzt blockiert. Die noch weiter zunehmende Überwachung ist natürlich besorgniserregend.

PAZ: Es gibt starke Restriktionen für die Klöster. Wie wirkt sich das aus?
Golog Jigme: In Osttibet etwa, wo ich herstamme, war es früher üblich, dass viele Kinder auch Klosterschulen besuchten, wo sie in tibetischer Kultur, Sprache, Religion und Geschichte unterrichtet wurden. Das ist heute nicht mehr möglich. Man zwang die Kinder, in chinesische Staatsschulen zu gehen. Viele ältere Mönche werden regelmäßig schikaniert, weil sie wichtige Führungspositionen in einem Kloster innehaben. Das Kloster Labrang etwa, in dem ich studierte, ist eine der historisch und kulturell wichtigsten Institutionen für die tibetische Gesellschaft. Man kann es mit einer Universität vergleichen. Während es dort vor dem Einmarsch der Chinesen nach Tibet 3600 Mönche gab, sind es heute nur noch 1000. Während der Kulturrevolution wurden Mönche gejagt und weggejagt von den Klöstern. Kleine Häuser, in denen Mönche von Labrang wohnten, wurden abgerissen und aus dem Boden, wo sie standen, wurde Ackerland gemacht. Viele Heiligtümer wurden gänzlich zerstört. Räume, in denen heilige Statuen waren, wurden zum Beispiel zu Schlachthöfen umfunktioniert, in denen Tiere getötet wurden. Damit sollten die Tibeter gedemütigt und die Vorherrschaft der Chinesen demonstriert werden. Dabei ist das Kloster Labrang für die buddhistische Lehre und das nationale Bewusstsein der Tibeter sehr wichtig. Es gibt dort ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das auch gelebt wird.

PAZ: In Diktaturen ist der Verrat immer ein besonders gefährliches Problem. Es gibt den Geheimdienst mit Spitzeln, und es sind auch Tibeter in der kommunistischen Partei. Wie gefährlich ist das in Tibet?
Golog Jigme: In der Hauptstadt Lhasa habe ich das als extrem starkes Problem empfunden. Wenn wir zum Beispiel in einem Café an einem Tisch saßen, hat niemand irgendetwas Politisches geäußert. Im Kloster Labrang dagegen war das überhaupt kein Problem. Ich schrieb dort über Jahre Flugblätter mit politischen Inhalten und habe sie innerhalb des großen Klosters an andere Mönche verteilt. Wenn man bedenkt, wie groß der Konflikt zwischen China und Tibet ist, muss man sagen, dass die Zahl der Spione in der tibetischen Gesellschaft eigentlich insgesamt sehr klein ist. Bei der Polizei ist es natürlich anders, hier sind auch viele Tibeter unter den Polizeikräften und die Chinesen lernen heutzutage sogar Tibetisch, um die Menschen zu entlarven. Es gibt sogar Polizisten, die sich als Mönche verkleiden und nachts in Klöster schleichen, um dort etwas zu beobachten. Chinesische Polizisten verkleiden sich auch oft als Touristen und halten sich dann den ganzen Tag in unserem Kloster auf und beobachten alles.

PAZ: Peking hatte 1995 den damals fünfjährigen, aus einer kommunistischen Familie stammenden Gyaltsen Narbu als neuen Panchen Lama bestimmt, nachdem zuvor der Dalai Lama einen anderen sechsjährigen Jungen, Gendün Choekyi Nyima, zu dessen Reinkarnation erklärte hatte. Der „wahre Panchen Lama“ ist seitdem verschwunden. Gyaltsen Narbu wurde als Marionette der Chinesen erzogen. Wie verhält sich die Mehrheit der Tibeter ihm gegenüber?
Golog Jigme: Die Tibeter erkennen ihn nicht an. Er lebt in Peking und wird natürlich von den Chinesen instrumentalisiert. Sie lassen ihn auch kaum nach Tibet reisen, denn sie haben große Angst um seine Sicherheit. Die Tibeter könnten ja ihre Wut und Enttäuschung ihm gegenüber kund tun und das könnte gefährlich für ihn werden. Wenn der von Peking ausgesuchte „Panchen Lama“ nach Tibet reist, brauchten die Chinesen für ihre Propaganda auch Fotos von devoten Buddhisten und einer riesigen Zahl von Tibetern, die zu ihm kämen – aber eine solche Zahl kommt nicht zustande. Deshalb sieht man ihn auch kaum dort in der Öffentlichkeit. Den muslimischen Hui-Chinesen hat man Geld gezahlt, damit sie ihn begrüßen und man auch ein paar Fotos schießen konnte. Einmal hatten die chinesischen Behörden ein ganzes tibetisches Dorf, das von Sozialhilfe abhängig war, aufgefordert, den von ihnen ausgesuchten „Panchen Lama“ zu besuchen, gegen eine Zahlung von 50 Yuan (rund sechseinhalb Euro) für jeden und Übernahme der Fahrtkosten. Andernfalls werde die Sozialhilfe gestrichen. Doch das ganze Dorf hat sich geweigert.

PAZ: Seit 2009 gab es mindestens 151 Fälle von Selbstverbrennungen in Tibet. Wenn man damit die Weltöffentlichkeit aufrütteln will, muss man konstatieren, dass diese schrecklichen Verzweiflungstaten in unseren Medien meist nur noch als kleine Meldungen erscheinen und kaum beachtet werden.
Golog Jigme: Ich bin zutiefst enttäuscht und geschockt davon, dass auch diese Vorfälle im Ausland keine genügende Resonanz gefunden haben, dass sie nicht ernst genug genommen werden und keine echten politischen Resultate folgten. Diese Selbstverbrennungen sind eigentlich die allerdrastischte Art von Protest, wenn man einen friedlichen Freiheitskampf führen will – ohne dass andere Menschen zu Schaden kommen. Sie sind auch eine Art, Zeugnis abzulegen mit dem eigenen Leben. Wenn Tibeter sich selbst anzünden, wollen sie damit eigentlich sagen, dass der Schmerz in ihren Herzen noch größer ist als die Schmerzen ihres Körpers.

PAZ: Wie erfolgte Ihre Flucht aus Tibet? Wie lange dauerte sie? Wie konnten Sie sich über den Weg orientieren?
Golog Jigme: Da ich bei der Flucht in Lebensgefahr war, muss-te ich mich lange verstecken. Die Flucht dauerte ein Jahr und acht Monate. Über den genauen Fluchtweg darf ich nichts sagen, da mir auch tibetische Freunde bei der Flucht halfen. Diese muss-ten auch sehr viel Geld zahlen, damit sie gelang. Am Anfang hielt ich mich länger in gebirgigen Gegenden auf. Mein Bein war auch noch durch die Folter verletzt, sodass ich selbst mit Stöcken kaum noch gehen konnte. Da ich zu verhungern drohte und die Polizei nach mir in Tibet suchte, ging ich an der Grenze zwischen Tibet und China in ein sehr ländliches chinesisches Dorf und bettelte dort um Essen. Nach einigen Monaten wagte ich es, einen Freund anzurufen, der mir weiterhalf, auch mein Bein heilte allmählich.

PAZ: China betreibt nicht nur sehr viel Wirtschaftsspionage im Westen, sondern versucht auch, besonders die Aktivitäten von Uiguren und Tibetern zu überwachen. Auch chinesische Studenten im Ausland werden wohl vielfach kontrolliert. Was sind Ihre Erfahrungen?
Golog Jigme: Ich habe schon einiges erlebt, wenn ich in Genf bei der UNO über die Lage in Tibet informieren will. So wurde ich zum Beispiel schon von chinesischen sogenannten Delegationsmitgliedern fotografiert, die vermutlich für den Geheimdienst tätig waren. Auch treten dort angebliche Nichtregierungsorganisationen aus China auf, „Fake“-NGO, die vorgeben, sich für Menschenrechte und Freiheit in Tibet einzusetzen. Sie kommen zu unseren Veranstaltungen, um zu provozieren und Streit anzufangen. Als ich einmal vom amerikanischen Botschafter zu einer Podiumsdiskussion eingeladen war, wollte mich auch ein sogenannter Diplomat aus China provozieren. Ich antwortete ihm: „Sie sind hier nicht in Peking, hier können Sie Ihre Lügen nicht verbreiten.“ Wenn chinesische Studenten zum Beispiel hier nach Deutschland kämen, um ihren Horizont auch in puncto Freiheit und Demokratie zu erweitern, wäre es schön. Unter ihnen sind aber oft auch Kinder aus korrupten kommunistischen Funktionärsfamilien, die schon lange einseitiger Propaganda ausgesetzt waren und gleichsam eine „Gehirnwäsche“ hinter sich haben.


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Kommentare

Chris Benthe:
5.01.2018, 13:33 Uhr

Schön, solch einen Bericht in der PAZ zu lesen. Bewegend und informativ. Sonstwo ein arg vernachlässigtes Thema, um China nicht zu verprellen. Die Ausspionierung deutschen Technologiewissens durch Chinesen ist dramatisch. Deutsche Unternehmer sind zu naiv und gutgläubig. Darüber wird in den Medien zu wenig berichtet.


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