Wo gehobelt wird ...

Auf wen die Jagd in Berlin eröffnet ist, wie eine uralte Legende weiterwirkt, und wofür ein Jude zum »Nazi« erklärt wird / Der satirische Wochenrückblick mit Hans Heckel

20.02.19

Das Wort „Jagdschein“ hatte früher zwei Bedeutungen. Da ich nicht weiß, ob das heute immer noch so ist, muss ich das erläutern. Also einerseits bedeutete es ganz konventionell das bescheinigte Recht, bestimmte Tiere jagen und die dafür notwendigen Waffen halten zu dürfen.
Daneben hieß „Jagdschein“ die amtliche Bestätigung, unzurechnungsfähig zu sein. Denn so einer kann auf Leute losgehen, ohne wie andere dafür bestraft zu werden. Sobald man ihn belangen will, braucht er nur das entsprechende Gutachten hervorzukramen und der Richter entlässt ihn mitleidig lächelnd mit dem Urteil „nicht schuldfähig“.
Nicht wenige von dieser Art „Jagdschein“-Besitzern sind aber keineswegs doof, sondern wissen genau um ihr Privileg und nutzen es weidlich aus. In Berlin ist eine schwungvolle Jagdsaison angebrochen mit Jägern ohne Zahl. Ihre Pirsch gilt den Juden der deutschen Hauptstadt.
Juden wie Yorai Feinberg, dem Betreiber eines israelischen Restaurants in Schöneberg. Es vergehe keine Woche ohne antisemitische Übergriffe auf ihn, erzählt er dem Journalisten Boris Reitschuster: verbale Anfeindungen durchs Telefon, übers Internet oder direkt vor seinem Lokal, aber auch körperliche Attacken.
Was tut die Staatsmacht, um Yorai Feinberg zu schützen? Ein einziges Mal wurde ein 60-Jähriger belangt, der Feinberg anschnauzte: „Ihr werdet alle in den Gaskammern landen. Alle wieder zurück in eure blöde Gaskammer. Keiner will euch hier!“ Das erste Pech des Judenhassers war, dass Feinbergs Freundin die Triade auf Video aufnahm, der Streifen ging um die Welt. Das zweite Pech für den Schreihals: Er gilt als „zurechnungsfähig“.
Da haben es Ludwig F. und Usama Z. besser, sie sind „Jagdschein“-Besitzer und dürfen daher nach Herzens Lust auf den 37-jährigen Restaurantbetreiber losgehen, was sie denn auch ausgiebig tun. Landen sie vor Gericht, heißt es „unzurechnungsfähig“. Und auf geht’s zu neuen Taten!
Ja, da ist sie wieder, die berüchtigte deutsche Kuscheljustiz, nicht wahr? Ach nein, das wäre jetzt zu kurz gegriffen, unsere Rechtspflege kann auch energisch durchgreifen, wie ein Vorfall vor dem Restaurant eindrucksvoll belegt.  
Usama Z. war mal wieder vorbeigekommen und hatte gleich einen ganzen Haufen arabischer Gesinnungsgenossen mitgebracht, die Feinberg umzingelten und beschimpften. Feinberg berichtet, später sei ihm vorgeworfen worden, er habe die Beleidigung „Scheiß-Jude“ mit „selber Scheiß-Araber“ gekontert. Urteil: Geldstrafe über 30 Tagessätze. Wofür? Für den Ausdruck „Scheiß-Jude“? Na, wo denken Sie hin! Natürlich für Feinberg wegen seiner mutmaßlichen Replik. Der andere war ja „unzurechnungsfähig“.
Yorai Feinberg fragt sich, wie das alles sein kann, wo doch an jeder Ecke Aufrufe wie „Nazis raus“, „Gegen den Hass“ oder „Rassisten werden hier nicht bedient“ herumgereicht werden. Und liefert die Antwort selbst: Linke hätten ihn wegen seines Engagements gegen Antisemitismus selbst als „Nazi“ beschimpft. Na also: Dem „Kampf gegen Rechts“ entgeht nichts und niemand. Da soll sich der Sohn eines Holocaust-Überlebenden mal nicht zu sicher fühlen: „#wir sind mehr!“ und rufen: „Juden ...“, Verzeihung, „Nazis raus!“
Man muss ja bedenken: der Usama ist eben Araber, kommt also aus der „Dritten Welt“, die nur so arm ist, weil „wir“ sie einst zu Kolonien gemacht haben. Und auf diesem Kolonialismus beruht unser Wohlstand. Deshalb sind Afrikaner und Orientalen unsere Opfer und kommen völlig zu Recht in unser Land, um sich ihren Anteil an unserem gestohlenen Reichtum zurückzuholen.
Diese Erzählung kommt Ihnen sicherlich bekannt vor, und das nicht zufällig. Sie entstammt nämlich einer uralten imperialistischen Legende, wie sie die listigen Herrscher ihren naiven Untertanen seit jeher erzählen. Die Legende besagt, dass es den einfachen Menschen eines Volkes umso besser geht, je größer und mächtiger ihr Staat ist.
Das stimmt zwar gar nicht. Denn wäre es so, hätte ein britischer Arbeiter um das Jahr 1900 um Lichtjahre reicher sein müssen als sein deutscher Kollege. Schließlich war das deutsche Kolonialreich im Vergleich zum britischen winzig klein, bettelarm und überhaupt erst in der kostspieligen Aufbauphase, aus der es bekanntlich nicht mehr herauskam, ehe es schon wieder vorbei war. In Wahrheit ging es dem britischen Arbeiter um 1900 ebenso dreckig wie dem germanischen Malocher.
Profitiert vom Kolonialismus hat fast nur eine klitzekleine Schar von Europäern und korrupten afrikanischen Stammesführern. Aber  eine Legende muss ja nicht wahr sein, sie muss bloß geglaubt werden, damit sie wirkt. Das tut sie, und zwar bis in unsere Tage.
Unter der Parole „Euer Reichtum ist unsere Armut“ werden deutsche und europäische Steuerzahler seit Jahrzehnten genötigt, Milliardensummen als „Entwick­lungshilfe“ in die „Dritte Welt“ zu pumpen. Entwickeln tut sich fast nichts dadurch, die einfachen Afrikaner sehen auch kaum etwas von dem Segen.
Profitieren tut allein eine klitzekleine Schar von Europäern und korrupten afrikanischen Politikern. Auf europäischer Seite wären dies die zahllosen sogenannten Hilfsorganisationen und Unternehmen, die Entwicklungsaufträge an Land ziehen. In Afrika stopfen sich gierige Politiker die Taschen voll. Ghana verfügt über 110 Ministerien und Uganda über ein Parlament bezahlter Abgeordneter, das ein Fußballstadion füllen kann.
So erlebt die imperialistische Legende ihren zweiten Aufguss, der nicht weniger profitabel verläuft als der erste. Vor 100 oder 200 Jahren war die Legende in falschen Stolz verpackt, heute wickelt man sie in säuerliche Schuldgefühle. Solange sie niemand ihrer Verpackung beraubt, merkt keiner, dass sie heute genauso stinkt wie früher. Also zahlen wir. Damals, weil wir uns mit dem Vaterland erhöht fühlten und heute wegen des Gefühls, einer guten Moral zu huldigen.
Mit den Asylsuchertrecks der vergangenen Jahre ist den Glücksrittern der Imperialismus-Legende ein ganz neues, unsagbar einträgliches Geschäftsfeld hinzugewachsen. Nun können sie als Schlepper („Flüchtlingsretter“) oder in der milliardenschweren Asylindustrie Beträge einheimsen, von denen sie zu Zeiten der langweiligen Entwicklungshilfe nur träumten.
Überdies lässt sich die Knete jetzt viel unkomplizierter abgreifen. Keine umständlichen Anträge beim Ministerium mehr. Jede popelige Gemeinde haut Geld raus für Unterbringung, Betreuung, zahllose Kursangebote und, und, und. Ein Schlaraffenland!
Damit das am Laufen bleibt, müssen Usama Z. und seine Gefährten aber unbedingt als Opfer inszeniert werden („Euer Reichtum ...“). Dann, nur dann, kann man jedem auf die Pfoten klopfen, der sich daran macht, die faule Legende auszuwickeln: „Rassist“, „Neokolonialist“ und natürlich „Nazi“.
Wenn ein solcher Usama Z. blanken Judenhass hinausspeit, wird es allerdings knifflig. Auf so etwas waren die Legendenbauer nicht vorbereitet. Deshalb eiern sie immer noch herum und flüchten sich in Notbehelfe. Den Judenhasser einfach für „unzurechnungsfähig“ zu erklären, ist schon recht elegant. Ein Trauma lässt sich bei Usama und Co. schnell (er)finden, wobei die Traumatisierung natürlich nichts mit den Ideen und Gebräuchen des radikalen Islam zu tun hat, sondern allein auf uns und unseren Imperialismus zurückgeht.
Doch wenn das alles nicht weiterhilft, weil es irgendwann doch zu fadenscheinig wird und der Kern der Legende hindurchschimmert, dann müssen wir eben zum äußersten Mittel zu­rückgreifen. Dann erklären wir den Sohn eines Juden, der sich ab dem Alter von vier Jahren weitere vier Jahre lang vor den NS-Schergen in einem Erdloch im Baltikum verstecken musste, eben zum „Nazi“. Wo gehobelt wird ...


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