Zehn Kilometer auf historischen Spuren

Jedes Jahr erinnert ein Marsch an den Zug der Flensburger nach Oeversee, um den Verwundeten zu helfen

18.02.14
Schlacht bei Oeversee: Die Dänen verloren 962 Mann, die Österreicher 432 Bild: action press

Der Oeversee-Marsch, der in diesem Jahr zum 150. Mal durchgeführt wurde, erinnert an ein blutiges Gefecht im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864. Er ist zu einem Symbol für Humanität und Nächstenliebe und im Laufe der Jahre auch für die Freundschaft zwischen ehemaligen Kriegsgegnern geworden.

Eisig ist der Wind, der am Morgen des 6. Februar 1864 über das flache Land südlich von Flensburg pfeift. Er hat den Sturm des Krieges abgelöst, der in der Nacht darüber hinweggezogen ist und schreckliche Ernte gehalten hat. Aus Flensburg nähert sich ein Zug, der Hunderte von Menschen zählt, die mit Decken, Tragen, Lebensmitteln, Verbandsmaterial und Medikamenten bepackt sind. Ihr Ziel sind die offenen Felder zwischen den Dörfern Sankelmark und Oeversee, auf denen 134 dänische und 326 österreichische Verwundete unversorgt im Schneesturm dem sicheren Tod entgegensehen. Sie kümmern sich ohne Ansehen der Uniform um die Leidenden, bis endlich österreichische Sanitäter auf dem Schlachtfeld eintreffen, und retten so Hunderten das Leben.
Dieses Zeichen der Humanität hat bis heute Bestand, denn unter dem Eindruck des schrecklichen Geschehens stehend, gründeten die Flensburger das „Hülfskomitee von 1864“, das zu Spenden aufrief. Der Aufruf war so erfolgreich, dass nicht nur weiter für die Verwundeten gesorgt werden konnte, sondern von dem Überschuss auch Einzel- und Massengräber angelegt wurden, in denen die gefallenen Gegner teilweise gemeinsam beigesetzt wurden. Außerdem wurden mehrere Denkmäler errichtet, die von der Härte des Gefechts zeugen. Aus dem Hülfskomitee entwickelte sich bald darauf das „Stammkomitee von 1864 e.V.“ als Träger des Oeversee-Gedenkens, dessen fünf Mitglieder auf Lebenszeit berufen werden.
Seit 1865 versammeln sich an jedem 6. Februar in Flensburg Bürger aller Schichten, Bundeswehrsoldaten, Angehörige des österreichischen Bundesheeres, Mitglieder von Traditionsvereinen und Verbindungsstudenten, um der Gefallenen und der humanitären Tat zu gedenken. Anschließend gehen sie gemeinsam zu Fuß die gut zehn Kilometer auf der historischen Route nach Oeversee. Auf der Strecke wird im Bilschauer Krug eine kurze Rast eingelegt. Dann folgen Kranzniederlegungen, Musikstücke und ein stilles Verweilen am Preußen-, Dänen- und Österreicher-Denkmal. Den Abschluss des Gedenkmarsches bildet das Oeversee-Essen im Landgasthof in Tarp, zu dem traditionell österreichischer Tafelspitz, Flensburger Bier und Bommerlunder serviert werden.
Lange Zeit war eine dänische Beteiligung an der Oeversee-Feier undenkbar, wurden der Krieg von 1864 und seine Folgen doch ein lange nachwirkendes und identitätsstiftendes Trauma für die junge dänische Demokratie. Doch das gespannte Verhältnis zwischen Deutschen und Dänen ist mittlerweile einer Freundschaft über die einst trennende Grenze hinweg gewichen. Die Versöhnung über den Gräbern hat es sogar möglich gemacht, dass seit zehn Jahren der Sydslesvigsk Forening, der kulturelle Dachverband der dänischen Minderheit in Südschleswig, Mitveranstalter ist.
War zur 100-Jahr-Feier allein aus Österreich noch ein voller Sonderzug gekommen, nahmen sich die insgesamt rund 800 Teilnehmer am 150. Jahrestag in der vergangenen Woche vergleichsweise bescheiden aus. Darunter sogar Nachkommen von Kriegsteilnehmern, die aus Rumänien, der Ukraine und Slowenien angereist waren, was deutlich macht, dass seinerzeit Soldaten aus allen Teilen des österreichischen Vielvölkerstaates im hohen Norden gekämpft haben.
Dem besonderen Jahrestag entsprechend hochkarätig waren die gleich drei Festredner. Mogens Lykketoft, Präsident des dänischen Nationalparlaments, hob am dänischen Denkmal in seiner auf Dänisch und auf Deutsch gehaltenen Ansprache den Friedensaspekt hervor, indem er erklärte, dass damals eine Verhandlungslösung durchaus möglich gewesen und jeder getötete Soldat einer zu viel sei. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg habe es eine einzigartige positive Entwicklung gegeben, so dass das deutsch-dänische Verhältnis heute harmonischer denn je sei. Anschließend erklang die dänische Nationalhymne. Den „besonderen Teil der Aussöhnung“ zwischen Deutschen, Dänen und Österreichern hob auch der Präsident des Landtages der Steiermark, Franz Majcen, auf dem Hügel mit dem Österreicher-Denkmal hervor. Zugleich warnte er mit Hinweis auf den vor 20 Jahren tobenden Krieg auf dem Balkan, es gebe in Europa „eine gefährliche Situation, weil das friedliche Zusammenleben oft als Selbstverständlichkeit betrachtet wird“. Sein schleswig-holsteinischer Kollege Klaus Schlie bezeichnete an gleicher Stelle das Gefecht als „gnadenloses Schlachten auf beiden Seiten“ und beschwor das friedliche europäische Miteinander. „Ich hatt’ einen Kameraden“ und das „Schleswig-Holstein-Lied“, gespielt von der „Artillerie Traditionskapelle von der Groeben“ aus der Steiermark, welche die gesamte Veranstaltung musikalisch begleitete, markierten schließlich das Ende der offiziellen Feier. Jan Heitmann


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Kommentare

sitra achra:
15.03.2014, 19:22 Uhr

Ein versöhnlicher Artikel, der unterstreicht, dass Frieden die wichtigste Voraussetzung für das Glück der Völker ist.
Leider wird zu oft erst zugeschlagen, weil man von seinem Recht so sehr überzeugt scheint. Hinterher merkt man, dass dieses Recht die vielen Toten und die Zerstörungen bei weitem nicht wert gewesen ist. So viel menschliches Leid hätte vermieden werden können.
Doch zuerst liegt die Verantwortung bei den Politikern, die die Völker lenken. Wer weiß schon, was hinter deren Stirnen vorgeht?
Übrigens ein Hoch auf die tapferen Flensburger Bürger, die das Herz auf dem rechten Fleck haben und ohne Ansehen der Person und Nationalität auch unter schlechtesten Bedingungen Menschenleben aus Barmherzigkeit retten!


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