Zeigeist der 70er und 80er Jahre in Anekdoten um des Deutschen liebstes Kind

16.01.19

Ein gebundenes Buch mit 254 Seiten und 239 überwiegend farbigen Fotos auf gutem Papier für knapp zehn Euro ist ein Angebot, das sich schon sehen lassen kann – zumindest der Papierform nach. Doch wie steht es um den Inhalt von Roland Löwisch’s „Kultautos“? Über 200 Modelle aus den 70er und 80er Jahren werden in der Regel auf jeweils einer, gelegentlich auch auf zwei Seiten vorgestellt. Das geschieht in Form von mindestens einem Foto, einem Fließtext und einem tabellarischen Kasten mit Angaben zu Bauzeit, Zylinderzahl, Hubraumgröße, PS-Zahl, angetriebenen Rädern, Gewicht und Höchstgeschwindigkeit. Die Artikel sind nach der Hauptbauzeit der vorgestellten Modelle in 70er und 80er Jahre unterteilt und dann nach der Marke.
Trotz dieser geradezu preußisch anmutenden Ordnung ist das Buch als Nachschlagewerk weniger geeignet. Ein Grund ist, dass im Zweifelsfall gerade das Modell aus den beiden Jahrzehnten, das man sucht, nicht aufgenommen ist. Das beansprucht das Buch jedoch auch gar nicht. Denn es beschränkt sich erklärtermaßen auf „Kultautos“; und die Antwort auf die Frage, was „kultig“ ist, ist zwangsläufig eher subjektiv.
In seinem Vorwort, das neben einem Foto mit einer sehr schönen Frau vor einem sehr schönen Sportcoupé steht, versucht der Autor Roland Löwisch eine Definition. Als Kriterien für die Aufnahme in sein Buch nennt er neben „speziellem Design“, „richtungsweisender Technik“, einer „unglaublichen Entstehungsgeschichte“ und „gigantischen Stückzahlen“ sowie „politischen oder sozialen Koinzidenzen“ auch „Skurrilität“ oder „unglaubliche Fehlerhaftigkeit“, „über die wir heute schmunzeln können“.
Dieser Kriterienkatalog ist also nicht humorfrei, wie sich überhaupt eine schöne kleine Prise mehr oder weniger subtilen, trockenen Humors durch die Texte zieht. Diese sind alles andere  als lexikalisch-nüchtern, sondern durchaus subjektiv. Das wird auch gar nicht verhehlt. Offen spricht Löwisch in seinen Texten von „ich“ und auf der Rückseite des Buches heißt es: „Persönliche Eindrücke und Anekdoten würzen den unterhaltsamen Rückblick auf kultiges Alltags- und Wochenendblech …“ Wer schnelle Informationen über ein bestimmtes Modell braucht, nutze lieber Wikipedia. „Kultautos“ ist eher dafür geeignet, um sich damit auf ein Sofa oder in einen Ohrensessel zurückzuziehen und etwas zu blättern und zu schmökern.
Die gut zu lesenden Texte sind mit schön anzuschauenden Fotos bebildert. Es handelt sich durch die Bank um zeitgenössische Werbefotos der Automobilproduzenten, was wohl auch eine Erklärung für den niedrigen Preis des Buches ist. Abgesehen von der günstigen Beschaffung bieten zeitgenössische Werbeaufnahmen noch weitere Vorteile. Sie sind technisch gut, weil in der Werbung schon damals das Geld lockerer saß als anderswo. Sie spiegeln den Zeitgeist der Bauzeit der Automodelle wider. Sie versprühen Lebensfreude. Und sie lassen den schmökernden Autofreund träumen von vergangenen Zeiten und wundervollen Klassikern.
Als Zugabe zu den Autovorstellungen gibt es zu Beginn der beiden Buchhälften über die 70er und die 80er Jahre eine mehrseitige Einführung in der das jeweilige Jahrzehnt und dessen Zeitgeist unter der Überschrift „Aufbruch in die Moderne“ beziehungsweise „Mit Wucht ins Informationszeitalter“ vorgestellt werden. Wirklich ärgerlich an diesem Buch ist nur, dass die Seiten gepunktet sind, was die Lektüre völlig unnötig erschwert.    Manuel Ruoff


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