Zurück im Terror-Geschäft

Erdogan öffnet mit Syrienoffensive eine Büchse der Pandora – IS-Kämpfer mit neuen Aussichten

24.10.19
Neue Hoffnung für IS-Bräute: Vollverschleierte Insassinnen des syrischen Gefangenenlagers al-Haul Bild: imago images/AAP

Im von syrischen Kurden kontrollierten Lager al-Haul, in dem 70000 Angehörige von IS-Mitgliedern interniert sind, starteten kurz nach der türkischen Militärintervention Dutzende Frauen einen zweiten Befreiungsversuch.

Bereits einen Tag nach dem Einmarsch türkischer Truppen im Nordostsyrien haben Frauen im syrischen Lager al-Haul, in dem auch Tausende europäischer Dschihadisten inhaftiert sind, einen zweiten Ausbruchsversuch unternommen. Beim ersten Versuch Ende September, bei dem Anhängerinnen des Islamischen Staats (IS) das Feuer auf Wachen eröffnet hatten, waren vier Frauen erschossen worden. Schon damals hatte Mustafa Bali von der syrisch-kurdischen Regierung in einem Tweet die Situation im Lager als „stark verschlechtert“ bezeichnet, da IS-Kämpfer innerhalb des Camps eine neue Gruppierung durch Frauen gebildet hätten.
Die Gewalt fand in einem „Nebengelände“ des Lagers statt, in dem etwa 10000 als besonders gefährlich eingestufte Ausländerinnen leben und dort illegale Scharia-Gerichte betreiben, denen die vier ermordeten Frauen wegen „unislamischen Verhaltens“ zum Opfer gefallen waren. Hier sind nach Aussagen des Polizeichefs des Lagers, Lawand Ali, noch 95 Prozent der Bewohnerinnen glühende Anhänger des IS. Nur etwa fünf Prozent hätten ihre Einstellung ein wenig geändert. Diese müssten fürchten, dass ihre Zelte niedergebrannt und ihre Kinder umgebracht werden. Wie die Kriegsfarbe des IS sind auch die Frauen im Lager schwarz gekleidet und vollverschleiert.
Schon vor dem türkischen Einmarsch war die kurdische Verwaltung hoffnungslos überfordert. Das ganze Lager wurde beim ersten Aufstandsversuch nur von 400 kurdischen Wachleuten bewacht. Deshalb konnte dieser Aufstandsversuch erst nach mehreren Stunden mit dem Einsatz gepanzerter Fahrzeuge aus anderen Orten beendet werden.
Da die aktiven IS-Kämpfer in anderen, besser gesicherten Lagern inhaftiert werden und einige der größten Gefährder zu Beginn des türkischen Einmarsches von US-Soldaten in den benachbarten Irak überführt wurden, führen jetzt weibliche Anhänger der Dschihadisten im Lager al-Haul eine Terrorherrschaft, berichten Menschenrechtler.
IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi, der während seiner Territorialherrschaft von Frauen als Kämpferinnen nicht viel gehalten hat, betrachtet die Insassen als wertvolle Verstärkung. Er ruft seine Gefolgsleute in den Lagern auf durchzuhalten und verspricht ihnen die Befreiung. Sollte der IS, wie von al-Baghdadi befohlen, einen großangelegten Befreiungsversuch starten, wären die Kurden kaum in der Lage, diesen zurück­zuschlagen.
Nach dem Einmarsch der Türken im Norden haben die Kurden die Mehrheit der 400 Bewacher abgezogen und an die Front verlegt. Auch die bislang dort tätigen Hilfsorganisationen, wie „Ärzte ohne Grenzen“, haben sich in den nahen Irak zurückgezogen.
Die Lager-Insassinnen, darunter auch schätzungsweise 200 Frauen und Kinder mit deutscher Staatsangehörigkeit, warten jetzt noch, bis sich die türkischen Truppen noch mehr dem Lager, das 70 Kilometer weit von der türkischen Grenze entfernt liegt, genähert haben. Spätestens dann werden sie ihren türkischen und dschihadistischen Befreiern entgegeneilen, denn mit den Türken kämpft eine als „Nationale Armee“ bezeichnete radikalislamische Miliz, die ein kaum anderes Gedankengut als der IS hat. Diese dürften dann die befreiten Frauen und IS-Anhänger in die Region Idleb bringen, wo der Dschihad unter der al-Kaida Führung weitergeht.
Das ehemalige Dorf al-Haul mit seinen 3000 Einwohnern war über Nacht zum Massenlager für die bei Baghus gefangengenommenen IS-Kämpfer umfunktioniert worden. Die kurdischen demokratischen Kräfte, die die Hauptlast des Kampfes gegen den IS trugen, glaubten vorher nicht, dass ihnen so viele IS-Kämpfer lebend in die Hände fallen würden, hatten diese doch vorher unisono alle behauptet, dass sie bis zum Tode kämpfen würden.
Die Zusammenführung so vieler extrem radikalisierter und enthemmter Menschen auf engsten Raum bietet einen idealen Nährboden für eine „Akademie“ für den „Islamischen Staat“, die im Aufbau ist, sagte ein kurdischer Geheimdienstler der US-Zeitung „Washington Post“.
Einen sehr schädlichen Einfluss auf die Lagerinsassen übt auch weiterhin „Kalif“ al-Baghdadi aus, der nach wie vor auf freiem Fuß ist und nicht aus dem Islam ausgestoßen wurde. Al-Baghdadi forderte seine Gefolgsleute in einer Audio-Botschaft vor wenigen Wochen auf, die IS-Gefangenen in Syrien und im Irak zu befreien. Das Gebiet, wo sich das Lager befindet, ist die Siedlungsgrenze zwischen der kurdischen und arabischen Bevölkerung in Syrien.
Mehr als zwei Jahre hatte der IS selbst das Gebiet um al-Haul unter seiner Kontrolle und konnte unter der dortigen arabischen Bevölkerung, die ihr Land schon immer auf Kosten der Kurden erweitern wollten, viele hochmotivierte Anhänger finden. Die Vorstöße in das christlichbesiedelte Chabour Tal in Nordost Syrien sind von al-Haul aus unternommen worden. Auch die christlichen IS-Geiseln, die sich nach Lösegeldzahlungen in Millionenhöhe jetzt größtenteils im Saarland und in Australien befinden, wurden monatelang in al-Haul vom IS festgehalten.
Deshalb verdichten sich die Anzeichen, dass al-Baghdadi einen zweiten Anlauf unternehmen könnte für ein Territorialkalifat. In Syrien gibt es östlich von Palmyra im Herrschaftsgebiet Assads sogar noch kleinere Wüstengebiete, die der IS territorial beherrscht. Das Lager al-Haul mit seinen hochmotivierten extrem radikalisierten Frauen könnte in dieser Taktik eine wichtige Rolle spielen.
Erdogan ist jetzt für die Dschihadisten zum neuen Verbündeten geworden, wie schon vor 2013 als er Zehntausende IS-Anhänger aus aller Herren Länder durch die Türkei ins Schlachtgebiet des Heiligen Krieges reisen ließ. Erdogan schickt jetzt erst einmal Verbündete des Westens im Kampf gegen den IS. Er ignoriert nach wie vor, wer die wirklichen Terroristen im Nahen Osten sind.
    Bodo Bost


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Der freie Mensch:
26.10.2019, 15:44 Uhr

@Johann Ohneland,
selten so einen Blödsinn gelesen, wie kommen Sie auf so krude Einfälle?
Gar nichts dergleichen passiert, is nicht wegen fällt aus.
Es gibt einen Wirtschaftscrash und das reicht auch schon, der Rest wurde verhindert.


Johann Ohneland:
25.10.2019, 00:29 Uhr

@Hans Emik-Wurst
Es stimmt, dahinter steckt mehr:
Die USA haben mit dem Großtürken einen Pakt geschlossen:
Der Großtürke soll den WK III lostreten, dafür darf er annektieren.
Der Großtürke ist damit zum gefährlichen Feind geworden, nicht nur des Friedens allgemein, sondern ganz konkret Chinas. Denn China ist Hauptangriffsziel der USA.


Johann Ohneland:
25.10.2019, 00:15 Uhr

Der Großtürke ist nun auch Chinas Feind

Putin hat dem Großtürken in Sotschi ordentlich eingeheizt:
Heraus kam eine weitere Woche Waffenstillstand, der Großtürke muss nun GEMEINSAM mit den Russen patrouillieren. Die Russen zu provozieren wird da schwierig.

Auch AKK versucht, den Deal der USA mit dem Großtürken zu durchkreuzen,
und spricht ein wahres Wort gelassen aus:
“Annexion”.

Natürlich will der Großtürke annektieren. Was denn sonst?
Er soll den WK III lostreten, dafür darf er annektieren.
Und er sorgt für noch mehr Flucht und Vertreibung.
Der Großtürke und bestimmte Politiker können AKK darum nicht leiden.
Außerhalb des Westens sieht man es aber genauso:
Auch China nennt die Annexion eine Annexion.
Die USA können sich nicht mehr lange auf den Beinen halten.
China und Russland versuchen daher, den Beginn des WK III hinauszuzögern.
Aber den Gefallen werden die USA ihnen nicht tun.
Sie dürften bald losschlagen, unter welchem Vorwand auch immer.

China ist Hauptangriffsziel der USA.
+ Deutschland soll Schlachtfeld werden.
= Freund (China) und Feind sind damit bekannt.


pol. Hans Emik-Wurst:
24.10.2019, 16:26 Uhr

Warum wurden türkische Soldaten in Nordsyrien aktiv? Das war ein abgestimmter Schachzug mit Kollateralschäden, um Bewegung in die europäischen Änderungen zu bringen. So wird ein Bürgerkrieg in der BRD ganz schnell plausibel. Zwischen Hendek und Düzce wird eine Grenzstation gebaut. Die NATO wird aufgelöst, während zusätzlich mit der Hilfe von russischen Soldaten das Gebiet der BRD wieder befriedet wird.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.