Zwei auf einen Streich

Kosmopolitisches Brüderpaar – Das Deutsche Historische Museum in Berlin feiert Wilhelm und Alexander von Humboldt

07.02.20
Wichtiges Reisegepäck: Winkelmessgerät (Ramsden-Sextant) aus dem Besitz von Alexander von Humboldt Foto: Région Grand Est – Inventaire général/Claude Menninger

Von Norman Hanert

Erstaunlich spät ist in Deutschland derzeit eine große Ausstellung zu sehen, die den beiden Humboldt-Brüdern gewidmet ist. Die im Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigte Ausstellung „Wilhelm und Alexander von Humboldt“ kann nicht nur mit erstaunlichen Leihgaben aus aller Welt punkten, sondern auch mit einer Entdeckung.
Anspruch der Ausstellungskuratoren, des Kunsthistorikers und Humboldt-Forschers David Blankenstein und seiner Kollegin Bénédicte Savoy, war es, die Brüder auch in ihrer Widersprüchlichkeit und im Kontext ihrer Epoche zu zeigen. Beide Kunsthistoriker beschäftigen sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Zeitalter des preußischen Brüderpaars und waren bereits für die Ausstellung „Les Frères Humboldt – l’Europe de l’Esprit“ verantwortlich, die 2014 in Paris gezeigt wurde.
In der aktuellen Berliner Ausstellung verzichteten die Kuratoren weitgehend darauf, die Biografien der Humboldt-Brüder chronologisch darzustellen. Stattdessen wird der Versuch unternommen, die Einbettung der beiden in die Zeit um 1800 anhand von sieben zentralen Themenbereichen zu zeigen. Im Themenraum „Ausweitung der Denkzone“ werden beispielsweise die Reisen der Brüder behandelt. Dies geschieht nicht nur anhand der kostbaren amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts aus der Staatsbibliothek. Zu sehen sind auch Messgeräte oder Mineralien, die der Forscher in den Weiten Russlands sammelte.
Schnappschuss von den Pyrenäen
Bei der Darstellung von Wilhelm von Humboldts Reise ins Baskenland gelang den Ausstellungsmachern sogar eine erstaunliche kunsthistorische Entdeckung: Angestoßen von dem Tagebucheintrag eines französischen Malers, entdeckten Bénédicte Savoy und ihr Co-Kurator David Blankenstein mit fast detektivischem Gespür in einem Museum im Baskenland ein Landschaftsgemälde, das als kleine Randfiguren zufällig auch die Familie Wilhelm von Humboldts auf ihrer damaligen Pyrenäen-Reise zeigte.
In anderen Bereichen der Ausstellung geht es um Themen wie „Kindheit ohne Gott“, „offene Beziehungen“, „globale Interessen“, „Bildungskapital“, „Kräftemessen“ und auch um „politische Schlachtfelder“. Durch diese Ausstellungskonzeption gelingt zum einen, den Besuchern die Entwicklung der beiden Brüder über die Kindheit im Tegeler Schloss der Familie bis hin zu den Reisen und Aufenthalten in den politischen Machtzentren Europas aufzuzeigen.
Eine ganze Wand voller Lehrbücher gibt zum Beispiel einen Eindruck, welches anspruchsvolle Bildungsprogramm die beiden Humboldt-Kinder im Zuge ihres Privatunterrichts absolvierten. Denn weder der spätere preußische Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt noch sein jüngerer Bruder Alexander hatten es aufgrund ihres Adelsstands nötig, jemals eine reguläre öffentliche Schule zu besuchen.
Gleichzeitig wird über die Gliederung in Themenbereiche anschaulich, wie breit gefächert die Interessen Wilhelm von Humboldts als Bildungsreformer, Diplomat, Sprach- und Kulturwissenschaftler sowie Alexander von Humboldts als Naturforscher, Weltreisender und Schriftsteller waren.
Sehr zugute kommt der Ausstellung dabei, dass aus aller Welt zum Teil sehr erstaunliche Leihgaben zur Verfügung gestellt wurden. Unter den rund 350 Originalobjekten befindet sich etwa der Schreibtisch, den Alexander von Humboldt über 30 Jahre lang bis zu seinem Tod 1859 nutzte. Das Möbelstück aus Birkenholz spürten die Kuratoren in Paris auf.
Keine Abrechnung
Der Vatikan wiederum stellte aus seinen Sammlungen ein Krokodil aus Marmor zur Verfügung. Alexander von Humboldt hatte genau dieses Marmorkrokodil aus den Vatikanischen Museen mit eigenen Erkenntnissen von seinen Reisen verglichen.
Zu den Leihgaben zählt ebenso der Stuhl mit gesticktem Familienwappen, auf dem Wilhelm von Humboldt als preußischer Gesandter beim Wiener Kongress im Jahr 1815 gesessen hat. Diesen Stuhl fanden die Ausstellungsmacher in Nordirland.
Kostbarer Teil der Ausstellung sind auch Humboldt-Porträts aus dem Besitz der britischen Königin. Aus einem baskischen Museum stammt ein Reiseutensil der damaligen Zeit, ein sogenannter Cacolet. Einen solchen Tragsattel mit zwei Sitzen nutzten Caroline und Wilhelm von Humboldt auf ihrer Pyrenäen-Reise im Jahr 1799.
In der Ausstellung ist auch das berühmte Berlin-Panorama von Eduard Gaertner wieder öffentlich zu sehen. Auf dem Bild mit 360-Grad-Sicht über das Berliner Stadtzentrum von 1834 stellte der Architekturmaler nicht nur sich selbst an die Balustrade der damals gerade fertiggestellten Friedrichswerderschen Kirche, sondern auch Schinkel, Beuth und Alexander von Humboldt.
Aus ethischen Gründen haben die beiden Kuratoren darauf verzichtet, den Atures-Schädel auszustellen, den Alexander von Humboldt aus einer Grabhöhle am Orinoco mitnahm. Insbesondere durch einen Artikel im „Spiegel“ war bereits im Vorfeld der Ausstellung der Eindruck entstanden, über die kritisch-historische Einordnung sollten die beiden Gelehrten „vom Sockel geholt“ und als preußische Idole demontiert werden.
Tatsächlich ist der Versuch einer postkolonialen Abrechnung mit den Humboldt-Brüdern und ihrer Epoche in der Ausstellung nur in Spuren zu bemerken, etwas deutlicher allerdings im Katalog zur Ausstellung. Dort heißt es etwa in einem der Aufsätze: „Die Tatsache, dass sowohl Alexander als auch Wilhelm von Humboldt klar Position bezogen gegen die Sklaverei“, dürfe „nicht vergessen machen, dass die hochgehaltenen Begriffe des Fortschritts, der Zivilisation und der wirtschaftlichen Entwicklung von Europa aus definiert“ waren.

Die Ausstellung „Wilhelm und Alexander von Humboldt“ läuft bis 19. April täglich von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zudem bis 20 Uhr, im PEI-Bau des DHM, Unter den Linden 2, Eintritt: 8 Euro. Der Ausstellungskatalog mit 296 Seiten und 200 Abbildungen kostet 28 Euro. Internet: www.dhm.de


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