Als die Franzosen im Memelland das Sagen hatten

Vor 100 Jahren traf der französische General Dominique-Joseph Odry mit einem Bataillon Alpenjäger in Memel ein, um als Hochkommissar die Verwaltung zu übernehmen

10.02.20
An der Luisenbrücke in Tilsit um 1920: Ein französischer und ein deutscher Posten (von links) Foto: pa

Von Bodo Bost

Im am 28. Juni 1919 unterzeichneten Frieden von Versailles verzichtete das Deutsche Reich zugunsten der Sieger des Ersten Weltkrieges auf das Memelgebiet. Am 9. Januar 1920 schlossen Deutschland und die alliierten Mächte einen Vertrag, der das Memelgebiet wie das Saargebiet und die Stadt Danzig übergangsweise der Verwaltung des Völkerbundes unterstellte. Am 12. Februar 1920 verließen die letzten deutschen Truppen das Memelgebiet. Bereits vier Tage vorher war der französische General Dominique-Joseph Odry mit einem Bataillon Alpenjäger in Memel eingetroffen und hatte als Hochkommissar die Verwaltung des Memelgebiets übernommen.
Alpenjäger an der Ostseeküste
Die Franzosen sahen sich als Sachwalter der Interessen ihres Verbündeten Polen. Am 17. Februar setzte Odry ein siebenköpfiges Direktorium aus Vertretern der deutschen Ortsbevölkerung ein. Nach Protesten von litauischer Seite nahm er noch zwei preußische Kleinlitauer, Erdmonas Simonaitis (Erdmann Simoneit) und Pfarrer Mikelis Reidys (Hugo Reidys), zusätzlich in das nun neunköpfige Direktorium auf.
Am 27. März 1920 erlaubte Odry, dass litauischsprachige Kinder in ihrer Sprache in Religionskunde unterrichtet werden können, der Schulunterricht erfolgte jedoch weiter in deutscher Sprache. Die im Memelgebiet lebenden Klein-Litauer waren evangelisch, während ihre großlitauischen Landsleute zu 98 Prozent katholisch waren. Am 27. April 1920 wurde die Zollgrenze nach Deutschland errichtet. Die Zollgrenze nach Litauen blieb aber vorerst bestehen, und die Währung blieb weiter die Mark. Am 10. August 1922 wurde Litauisch neben Deutsch zweite Amtssprache.
Die litauische Regierung in Kaunas warf dem französischen Hochkommissar eine deutschfreundliche Politik vor. Am 1. Mai 1921 verließ Odry Memel und der französische Zivilbeamte Gabriel Petisné übernahm seinen Posten.
Polens Verhalten machte Schule
Seit 1921 kam es zu einem Zuzug vieler polnischer Händler und Spekulanten ins Memelgebiet, die viele Häuser und Grundstücke erwarben, in der Erwartung, dass das Gebiet Polen zugeschlagen würde. Der polnische Gesandte in Memel erklärte Pestiné, „wenn es keine Polen in Memel gibt, dann werden wir welche bringen“. Am 6. April 1922 wurde zwischen Polen und den Alliierten ein Abkommen bezüglich Memel geschlossen, das den Polen bevorzugte Kaufbedingungen für Liegenschaften und im Hafen garantierte.
Da die Gefahr, dass das Memelgebiet zu Polen oder Litauen kam, ungleich größer schien als die Aussicht auf eine Rückkehr zum Deutschen Reich, fand das Modell eines Freistaates, wie er im Falle Danzigs Anwendung fand, in der deutschen Bevölkerung des Memelgebietes immer mehr Zustimmung. Handelskammerpräsident Joseph Kraus übereichte Petisné eine dementsprechende Petition. Auch die reichsdeutsche Presse begann sich mit dieser Idee anzufreunden.
Für die litauische Regierung in Kaunas war vor allem die am 24. März 1922 vom polnischen Parlament beschlossene Annexion der bereits seit 1920 polnisch besetzten litauischen Hauptstadt Wilna, ohne dass der Völkerbund dagegen protestiert hätte, ein starkes Warnsignal. Sie fürchtete, dass die Polen die Memelfrage ebenfalls durch eine Annexion in ihrem Sinne lösen könnten. Am 22. September 1922 fiel auf einer Geheimsitzung des litauischen Kabinetts die Entscheidung, den Polen bei der militärischen Besetzung des Memelgebietes zuvorzukommen. Geheimunterhändler Vincas Kreve holte sich in Berlin die Zustimmung der deutschen Reichsregierung und erhielt sogar von Generaloberst Hans von Seeckt 1500 Gewehre mitsamt Patronen als Geschenk und die Versicherung, dass „kein Deutscher auf die Litauer schießen wird“.
Litauisch-deutsches Einvernehmen
Am 9. Januar 1923 marschierten etwa 1000 von Jonas Polovinskas kommandierte litauische Freikorpsangehörige, die ihre Uniformen im Zug von Kaunas nach Memel gegen Zivilkleidung ausgetauscht hatten, über Krettingen und Tauroggen ins Memelland ein. Der Zeitpunkt war günstig, denn am folgenden Tag besetzten die Franzosen das Rheinland. Ein selbsternanntes „Komitee zur Rettung Kleinlitauens“ rief die französischen Soldaten auf, in ihren Kasernen zu bleiben. Pestiné bat Paris um Verstärkung. Schnell meldeten sich 2000 einheimische Freiwillige, um auf Seiten der Franzosen gegen die Eindringlinge zu kämpfen. Da aber nur 40 dieser Freiwilligen bewaffnet werden konnten, weil es plötzlich an Waffen fehlte, hatten die Aufständischen leichtes Spiel. Sie errichteten in Heydekrug eine neue Landesregierung unter Simonaitis, die jedoch von Frankreich nicht anerkannt wurde. Am 14. Januar hatten die Aufständischen die Stadt Memel eingekreist, wobei 300 Ortsansässige sich ihnen anschlossen. Gekämpft wurde nur um die Eisenbahnlinie zwischen Heydekrug und Memel. Dabei verloren zwölf Aufständische und zwei Franzosen ihr Leben. Als die Aufständischen am 15. Januar das Stadtzentrum erreichten, hisste der Hochkommissar die weiße Flagge und unterzeichnete einen Waffenstillstand. Pestiné zog sich ins Hotel Victoria zurück und wies die französischen Truppen an, in ihren Kasernen zu bleiben. Am 23. Januar kam schließlich das französische Linienschiff „Voltaire“ in Memel an, um Verstärkung zu bringen. Mit diesem verließen Pestiné und die französischen Soldaten am 18. Februar 1923 sang- und klanglos das Memelgebiet. Die unrühmliche Franzosenzeit im Memelgebiet war zu Ende.


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