Auf Rettungskurs

In Stockholm kämpft man gegen den Verfall der »Vasa« an – Erhalt des Schiffes erscheint vorerst gesichert

08.02.19
Gammelt vor sich hin: Die „Vasa“ in dem nach ihr benannten Museum Bild: Vasamuseet

Das Stockholmer Vasa-Museum beherbergt einen seltenen Schatz: eine nahezu vollständig erhaltene Galeone aus dem 17. Jahrhundert. Restauratoren kämpfen ge­gen den Verfall dieses Schiffes.

Das Stockholmer Museumsschiff „Vasa“ gilt als eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Skandinaviens und sogar weltweit. 1628 war das königlich-schwedische Kriegsschiff im Ha­fen von Stockholm gesunken. 1961, 333 Jahre später, konnte es fast unversehrt geborgen werden. Nach jahrzehntelanger Konservierung ist die „Vasa“ seit 1990 in einem eigens dafür entworfenen Museumsbau auf der Insel Djurgården ausgestellt.
Wissenschaftler forschen nach geeigneten Methoden, um das einzige verbliebene Schiff aus dem 17. Jahrhundert auch für zukünftige Generationen zu er­halten. So wurden bis April dieses Jahres die gerosteten Eisenbolzen aus dem Holz entfernt und durch 5000 Stahlbolzen ersetzt.
Die „Vasa“ war eines der größten und am stärksten bewaffneten Schlachtschiffe ihrer Zeit. Mit über 95 Prozent erhaltenen Originalteilen und der prächtigen Verzierung an Heck und Bug ist das imposante Bauwerk ein einzigartiger Kunstschatz. Mehr als
25 Millionen Besucher haben die „Vasa“ bisher in der kühlen, halbdunklen Ausstellungshalle be­sichtigt. Die drei Untermasten reichen bis zur Hallendecke, während die rekonstruierten höheren Teile weithin sichtbar aus dem Dach hervor ragen.
Man kann sich die 61 Meter lange und 11,7 Meter breite Galeone auf sechs verschiedenen Etagen aus der Nähe ansehen. Ganz unten laufen die Besucher direkt am Kiel vorbei. Nur für Experten ist erkennbar, dass der Eichenrumpf durch einen schleichenden Verfall bereits leicht deformiert ist. Im Inneren des Holzes haben Schwefelsäure, Eisen und andere Säuren einen aggressiven Cocktail gebildet, der die Zellulose an­greift. Jahrelang wurden diese chemischen Prozesse durch das schwankende Klima im Museum noch gefördert. Inzwischen scheinen die Klima-Maßnahmen Wirkung zu zeigen. Der Verfallsprozess hat sich verlangsamt. Durch die Entfernung der Eisenbolzen ist auch die Katalysatorwirkung des Eisens eliminiert.
Die Forscher von der Königlich-Technischen Hochschule in Stock­holm sind der Ansicht, dass der Verfall des Holzes durch das Konservierungsmittel, mit dem die „Vasa“ nach ihrer Bergung jahrelang eingesprüht wurde, aufgehalten wird. Aber wie lange noch? Diese Frage lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten.
Eigentlich müsste der Schiffsrumpf erneut mit Chemikalien besprüht werden. Das Vorhaben hält man jedoch für zu teuer und zu aufwendig, auch bliebe das Museum für Jahrzehnte geschlossen. Daher wird diese Option ausgeschlossen. Ersatzweise ist ein Stützkorsett für die Gesamtkonstruktion in Planung. Damit soll vermieden werden, dass die „Vasa“ in sich zusammensinkt.
Von den Fenstern des Vasa-Museums kann man den Ort se­hen, an dem das Schlachtschiff von 1625 bis 1628 aus dem Holz von 1000 Eichen gebaut wurde. Von dort bis zur Stelle, wo es unterging, sind es nur einige hundert Meter. Mit der „Vasa“ wollte der schwedische König Gustav II. Adolf den polnischen König Sigismund III., seinen katholischen Cousin, bedrohen, der Ansprüche auf den schwedischen Thron erhob. 1621 hatte Gustav II. Adolf eine neue Offensive gegen Polen-Litauen gestartet. Dem Ausbau der Seestreitkräfte schrieb er höchste Bedeutung zu.
Die „Vasa“ war dazu bestimmt, bei ihrem ersten Einsatz die Weichselmündung bei Danzig zu blockieren. Dann aber versank das stolze Kriegsschiff zum Entsetzen der Zuschauer im Stock­holmer Hafen, als es am 12. Au­gust 1628 zur Jungfernfahrt auslief. Es war nur 1300 Meter weit gesegelt.
Schuld daran waren die unausgewogenen Proportionen. Auf Geheiß des Königs hatte der holländische Baumeister Henrik Hybertsson der rank gebauten „Vasa“ zuletzt noch ein zweites Kanonendeck aufgesetzt, um die Feuerkraft zu erhöhen. Wie der Kapitän später beim Verhör aussagte, reichte eine schwache Windböe aus, um das instabile Schiff zum Kentern zu bringen. Wasser stürzte in die offenen, zu tief liegenden Geschützpforten des unteren Batteriedecks. Mit stehenden Segeln ging die „Vasa“ binnen weniger Minuten unter. Von den 145 Personen an Bord wurden fast 50 mit in die Tiefe gerissen, darunter auch Frauen und Kinder, die ihren Vätern und Ehemännern in die Schären folgen wollten.
1956 fand ein schwedischer Marinehistoriker das Wrack in 30 Metern Tiefe im Schlick vor der Insel Beckenholm. Der überraschend gute Erhaltungszustand verdankt sich dem salzarmen Brackwasser der Stockholmer Bucht. Hier findet der Schiffsbohrwurm Teredo navalis keinen Lebensraum, der im Salzwasser Holzwracks zerstört.
Nach mehrjährigen Vorbereitungen konnte die „Vasa“ 1961 endlich mit dicken Stahltrossen zu einem Trockendock geschleppt werden. Wie in einer Zeitmaschine fanden die Archäologen in dem metertiefen Schlamm der unteren Decks mehr als 3000 Gegenstände, die vom Leben an Bord im frühen 17. Jahrhundert erzählen. Die Kisten der Seeleute waren noch voll mit Proviant und Kleidung. Im untersten Zwischendeck standen die mit Pökelfleisch gefüllten Fässer. Im Achterdeck wurden das wertvolle Porzellan, Glaswaren und Zinngeschirr der Offiziere geborgen, außerdem Bronzeleuchter, Schiffslaternen, sechs Segel und sogar die Überreste der Bordkatze. 25 menschliche Skelette entdeckte man in der Nähe des Schiffs.
Ein Team von Spezialisten nahm sich der Aufgabe an, die über 13500 losen Teile zusam­menzusetzen, darunter 700 Figuren und Reliefs. Aus der Werkstatt sogenannter Puppchenschneider stammen die drallen Putten, römischen Kaiser, grotesken Meerwesen und ein Herkules, sämtlich geschaffen, um Heck und Bug der „Vasa“ so prachtvoll zu schmücken, wie es dem Flaggschiff der schwedischen Kriegsflotte gebührte. Hoch oben am Heck prangt das bekrönte Reichswappen, an beiden Seiten be­wacht von brüllenden Löwen, weiter unten das Wappen des Königshauses Vasa. Wie prachtvoll sich die bunte und goldfarbene Bemalung ursprünglich ausnahm, ist durch einige bemalte Figurenfriese erkennbar.
Filmisch und in verschiedenen Ausstellungen wird im Vasa-Mu­seum die Geschichte der „Vasa“ anschaulich dargestellt. Mit dem Museumsladen und einem guten Restaurant ist fernerhin dafür gesorgt, dass der Besuch des Museums zu einem unvergesslichen Erlebnis wird. Das Vasa-Museum liegt benachbart zum Nordiska Museum und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut zu erreichen.    D. Jestrzemski

Vasa Museet, Galärvarvsvägen 14, Stockholm/Djurgarden, An­fahrt: zum Beispiel mit der Djurgarden-Fähre von Gamla Stan. Internet: www.vasamuseet.se


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