Beate Zschäpe belastet sich selbst

Da, wo die Anklage widersprüchlich ist, hat die Angeklagte mit ihrer Erklärung ausgeholfen

18.12.15
Die Angeklagte und der ihre Erklärung verlesende Anwalt: Beate Zschäpe und Mathias Grasele Bild: pa

Zweieinhalb Jahre hat die Hauptangeklagte im Münchner NSU-Prozess Beate Zschäpe beharrlich geschwiegen. Ihre nun erfolgte Aussage vor Gericht wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Sollte die 53-seitige Erklärung, die Zschäpes Anwalt Mathias Grasel vor dem Oberlandesgericht verlesen hat, der Versuch einer Entlastung gewesen sein, dann kann er als gescheitert angesehen werden. Faktisch hat Zschäpe nämlich das Konstrukt der Anklage übernommen.


Trotz 500 Seiten Anklageschrift und rund 600 geladenen Zeugen sind wichtige Punkte im NSU-Komplex immer noch ungeklärt sind und gravierende Widersprüche in der etablierten Darstellung nicht ausgeräumt. Wie aus den mittlerweile öffentlich gewordenen Ermittlungsakten hervorgeht, finden sich etwa 60 Spuren mit Fremd-DNA an Mordwaffen und den zu den Bankrauben verwendeten Waffen. Was völlig fehlt, sind indessen Fingerabdrücke der beiden NSU-Mitglieder Uwe Böhnhard und Uwe Mundlos an Tatwaffen und Munition. Vor dem Hintergrund dieser Indizienlage wirkt die bislang verfolgte Verteidigungsstrategie der Anwälte Zschäpes mehr als zurückhaltend. Es sind dermaßen viele Widersprüche in der Darstellung der Anklage vorhanden, dass sie geradezu darauf zu warten scheinen, von der Verteidigung zerpflückt zu werden.
Mit ihrer nun erfolgten Aussage untermauert die Angeklagte Zschäpe die Darstellung der Bundesanwaltschaft an Punkten, wo diese bislang nicht sonderlich überzeugend wirkte. Deutlich wird dies etwa am Fall der am 25. April 2007 in Heilbronn ermordeten Polizistin Michele Kiesewetter. So war bislang kein plausibles Motiv erkennbar, warum der NSU zusätzlich zu der ihm zur Last gelegten Mordserie an neun türkisch- und griechischstämmigen Männern in Heilbronn eine deutsche Polizistin ermordet haben soll. Keines der mit Hilfe von Zeugen entstandenen zwölf Phantombilder der Täter ähnelte auch nur im Entferntesten den beiden NSU-Mitgliedern.
Die durch zahlreiche Medien wiedergegebene Behauptung, das Kennzeichen eines von Böhnhard und Mundlos angemieteten Wohnmobils sei kurz nach der Tat bei einer Ringfahndung unweit von Heilbronn erfasst wurde, ist ebenso wenig stichhaltig. Wie aus den Unterlagen des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestages hervorgeht, wurde das entsprechende Kennzeichen nicht erfasst.
Verdächtig ist auch, dass sich die Ermittlungen des Landeskriminalamtes (LKA) Baden-Württemberg auf Täter aus der Organisierten Kriminalität der Balkanregion konzentrierten, bis mit dem Auffliegen des NSU derartige Spuren nicht mehr verfolgt wurden. Nicht weiterverfolgt wurde auch eine weitere, womöglich noch brisanterer Ermittlungsrichtung. Wie aus den Ermittlungsakten hervorgeht, ging man im Spätsommer 2011 aufgrund sichergestellter DNA-Spuren der Frage nach, ob möglicherweise Polizeibeamte in den Fall verwickelt waren. Auch diese Ermittlungsrichtung war vom Tisch, als man mit den toten Mundlos und Böhnhard der Öffentlichkeit die angeblichen Täter präsentieren konnte.
Gemäß der nun vorliegenden Darstellung Zschäpes zum Heilbronner Mord ist es Böhnhardt und Mundlos bei der Tat um die Pistolen der beiden Polizisten gegangen. Die bis zu diesem Zeitpunkt verwendete Tatwaffe der sogenannten Dönermord-Serie habe Ladehemmungen aufgewiesen. Laut der Asservatenlisten konnten Mundlos und Böhnhardt aus einem ganzen Arsenal von Pistolen und Gewehren auswählen, hätten die beiden zusätzlichen Polizistenpistolen also gar nicht gebraucht. Die Beute aus einer Bankraubserie hätte zudem die Möglichkeit geboten, mit deutlich weniger Risiko und ohne einen Polizistenmord an zusätzliche Waffen zu gelangen.
Fragen werfen auch weitere Details aus der Erklärung Zschäpes auf. So will sie vom Tod Böhnhardts und Mundlos durch eine Radiomeldung erfahren haben und daraufhin ihr Versprechen eingelöst haben, die gemeinsame Wohnung anzuzünden. Die Auswertung ihres Computers ergeben, dass sie sich im Internet noch über Belanglosigkeiten informierte, als ihre Kompagnons längst tot in Eisenach in einem Wohnmobil lagen.
Noch mehr Fragen werfen Anrufe an Zschäpe auf, die am 4. November 2011 von einer Telefonnummer erfolgten, die auf das sächsische Innenministerium zugelassen war. Nicht nur im Zusammenhang mit diesen Telefonaten ist die Frage aufgetaucht, ob es sich bei Zschäpe möglicherweise um eine sogenannte Vertrauensperson einer staatlichen Sicherheitsbehörde gehandelt haben könnte. So hat der Blogger „Fatalist“, einer der profundesten Kenner der NSU-Ermittlungsakten, den Verdacht geäußert, bei dem NSU-Trio könnte es sich um eine „Spitzelzelle“ gehandelt haben, die zuerst auf rechtsradikale Gruppierungen wie „Blood & Honour“ und „Combat 18“, später dann auf die Rockerszene angesetzt gewesen sei.    
    Norman Hanert


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Kommentare

sebastian knoth:
26.12.2015, 20:17 Uhr

Das ganze NSU Maerchen begann mit der Ruslungenluege von BKA Chef Ziercke.

Da stimmt hinten und vorne nichts.

Wird Deutschland damit erpresst um die Grenzen offen zu halten?

Das koennte Merkel zu Fall bringen.

Man muss nur mehr Leute fuer den Fall begeistern.


Andreas Müller:
18.12.2015, 15:21 Uhr

Was sie sagt ist doch völlig egal, nur die Wahrheit darf es nicht, sonst hat sie den nächsten einen "tötlichen Unfall" oder "Selbstmord".

Der Deal ist doch sonnenklar. Sie labbert jetzt ein wenig Blödsinn zur Volksverdummung. Dafür gibts noch mal max. 1 Jahr. Und dann ist sie draußen.


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