Das Finanzmonstrum wankt

Die Weltwirtschaft zeigt Anzeichen eines bevorstehenden Absturzes – Jetzt wird die Geldblase gefährlich

08.12.15
Saat der Notenbanken geht auf: Windige Kredite aus billigem Geld gefährden die Weltwirtschaft Bild: Mauritius

Frankreich schwächelt weiter, selbst China zeigt bedenkliche Wirtschaftsdaten, jüngste Zahlen zeigen einen dramatischen Einbruch des Welthandels. Wird 2016 zum Jahr des Schreckens für die Weltwirtschaft?


Wer nur einmal hinblickt, versteht die Welt nicht. Seit Monaten raunen Experten von immer dunkleren Wolken am Horizont der Weltwirtschaft. Chinas Industrieproduktion breche ein, der Welthandel schrumpfe dramatisch, die verzweifelten Versuche der Notenbanken, mit immer neuen, aus dem Nichts geschaffenen Milliardensummen die Konjunktur in Schwung zu bringen, verpufften allesamt.
Finsternis allüberall, doch dann das: Die 30 größten Unternehmen an der deutschen Börse, die Dax-Konzerne, verzeichnen für das Sommerquartal (Juli bis September) Rekordumsätze. Die robuste Konjunktur und entsprechend steigende Gehälter ermöglichen 2016 vermutlich eine Erhöhung der gesetzlichen Renten um im Schnitt mehr als 4,5 Prozent, so viel wie seit Jahrzehnten nicht.
Wie passt das zusammen? Ist Deutschland abermals die „Insel der Stabilität“, als die es sich schon während des vorerst letzten Höhepunkts der Euro-Krise 2012 vorkam?
Im Euro steckt zumindest ein Teil der Erklärung für den deutschen Sonderweg. Allerdings ist es eine, die für die weitere Zukunft nicht Gutes erwarten lässt. Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young wollen errechnet haben, dass in jenem Sommerquartal mehr als die Hälfte des deutschen Umsatzzuwachses im Ausland allein auf den eingebrochenen Euro-Kurs zurückzuführen ist. So notierte die Einheitswährung im Sommer 2014 noch bei rund 1,25 US-Dollar, ein Jahr später waren es nur noch 1,10 Dollar. Kein Wunder also, dass über 50 Prozent des Umsatzzuwachses per Export in Nordamerika erzielt wurden, vermutlich aufgrund des günstigen Wechselkurses also, nicht originärer deutscher Stärke.  In Asien seien die deutschen Umsätze denn auch gar nicht gestiegen, sondern sogar um drei Prozent zurückgegangen.
An diesen Zahlen entzünden sich ernsthafte Zweifel, wie tragfähig das deutsche „Exportwunder“ überhaupt ist. Das Beispiel Frankreichs erlaubt einen Blick in die Zukunft. Der Nachbar hat stets darauf gesetzt, mit einer schwachen Währung seinen Export zu beflügeln. Was auf kurze Sicht durchaus Vorteile brachte, ließ die französische Wirtschaft, die Industrie vor allem, aber immer weiter zurückfallen. Verführt von leichten Gewinnen durch die billige Währung, die beim Export Preisvorteile bescherte, fiel die tatsächliche Wettbewerbsfähigkeit stetig zurück.
Daher kann Frankreich jetzt auch nicht mehr vom billigen Euro profitieren: Es hat die Vorteile der Weichwährung längst über Gebühr ausgekostet. Dies dürfte Deutschland eines Tages auch bevorstehen. Die seit Jahren sinkenden Investitionsausgaben der deutschen Industrie lassen befürchten, dass viele Unternehmen bequem werden von dem per Billigwährung leicht verdienten Geld im Euro-Ausland.
Derweil arbeitet die Europäische Zentralbank (EZB) emsig an einer weiteren Schwächung des Euro. Sie pumpt per Anleihekauf Monat für Monat Milliarden an Inflationsgeld in den Markt. Wo so viel Geld hereinfließt, sinkt sein Marktwert, also der Zins. Er ist für Sparer bei nahe Null angelangt und auch Firmenkredite sind günstig wie nie. Das billige Geld verleitet Unternehmen nicht bloß zur Nachlässigkeit bei der Wettbewerbsfähigkeit.
Es verlockt Investoren überdies zu leichtsinnigen Entscheidungen auf Kredit. Da es auch die anderen großen Notenbanken der EZB gleichtun in einem perversen Abwertungswettlauf, warnen Experten vor einer globalen Pleitewelle, denn selbst bei niedrigsten Zinsen muss sich jede Investition irgendwann rechnen.
Diese Pleitewelle scheint nun anzurollen: Zahllosen Rohstoffunternehmen, etwa Förderern von Öl oder Industriemetallen wie Kupfer, Eisen oder Nickel, steht das Wasser schon bis zum Hals. Hier wird ein Massensterben erwartet. Insbesondere die schwächelnde chinesische Industrie gilt als Auslöser der Probleme, die ohne das viele billige Notenbankgeld jedoch nie diese Dimensionen erreicht hätten. Die Profite der Handelsschifffahrt befinden sich, wie Kennziffern belegen, teilweise auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Das ist auch ein Anzeichen dafür, dass China immer weniger ausführt, weil seine Industrie die Produktion zurückfahren muss, und daher auch immer weniger Industrierohstoffe einführt.
Eine solche Pleitewelle besonders schwacher Marktteilnehmer dürfte sich schnell auf weitere Bereiche ausdehnen. Durch die Zinsen nahe Null haben sich Anleger, darunter vor allem Banken und Versicherer, gezwungen gesehen, in riskante Anlagen zu investieren, weil sichere Investitionen, etwa in stabile Zinspapiere, nichts mehr abwerfen. Damit steckt ihr Geld nun in Firmen, die mit maximalem Risiko belastet sind und so bei jeder konjunkturellen Delle kollabieren können.
So provoziert die „lockere Geldpolitik“ der Notenbanken am Ende das Gegenteil dessen, was sie angeblich erreichen sollte. Ziel sei es gewesen, der Weltwirtschaft nach der Weltfinanzkrise per Geldspritzen wieder auf die Beine zu helfen.
Stattdessen haben die Notenbanken ein Monstrum aus wackeligen Krediten für windige Investitionen geschaffen, in das bislang vorsichtige Anleger ihr Geld stecken mussten, weil es sonst überhaupt keine Rendite mehr gegeben hätte – wegen der Zinspolitik der Notenbanken.
Nun, da sich die Konjunkturdaten rund um den Erdball einzutrüben beginnen, könnte der gesamte faule Zauber in die Luft gehen – womit das Geld von Abermillionen von Sparern in Gefahr geriete.     Hans Heckel


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Kommentare

sitra achra:
8.12.2015, 19:05 Uhr

Und wenn die Rohstoffproduzenten pleitegehen, werden sie billigst aufgekauft.
Von wem wohl?
Dreimal darf geraten werden: nein, auch nicht, ja!!!
Die werden immer FEDder!


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