»Das Risiko steigt von Jahr zu Jahr«

Weltkriegsbomben: Oranienburg wird Modellprojekt zur forcierten Entschärfungskampagne

11.08.19
Allein auf diese Stadt wurden 21000 Brand- und Spreng­bomben abgeworfen: Bombenentschärfer bei seiner gefährlichen Arbeit in Oranienburg Bild: Imago/Jürgen Heinrich

Bis heute spüren die Bewohner der brandenburgischen Stadt Oranienburg die Folgen des Zweiten Weltkriegs bis in den Alltag. Wie viele andere deutsche Städte ist der Ort nördlich von Berlin im Krieg massiv bombardiert worden. Viele der damals abgeworfenen Großbomben waren allerdings mit besonderen Zündern ausgerüstet.

Als Standort der Auer-Werke und des Flugzeugbauers Heinkel war Oranienburg im Zweiten Weltkrieg ein wichtiges Ziel alliierter Luftangriffe. Schätzungen gehen davon aus, dass auf die Stadt nördlich von Berlin 21000 Spreng- und Brandbomben abgeworfen wurden.
Allein am 15. März 1945 warfen mehr als 600 Bomber der US Air Force bei einem der verheerendsten Luftangriffe auf Oranienburg innerhalb einer Stunde 4000 Bomben ab. Die Folgen spürt die Stadt bis in die Gegenwart. Beinah regelmäßig werden Straßen abgesperrt und müssen tausende Bewohner ihre Häuser zeitweise verlassen, weil wieder einmal eine Bombenentschärfung ansteht.
Im Fall Oranienburgs spielt nicht nur die intensive Bombardierung des Stadtgebiets eine Rolle. Die Alliierten haben einen ungewöhnlich hohen Anteil der seinerzeit abgeworfenen Großbomben mit chemisch-mechanischen Langzeitzündern ausrüstetet. Angenommen wird, dass etwa die Hälfte der über Oranienburg abgeworfenen Bomben Langzeitzünder besaßen, die Lösch- und Bergungsarbeiten nach den Bombardierungen behindern sollten.
Als nicht detonierte Blindgänger befinden sich diese Sprengkörper nach Jahrzehnten im Boden mitunter in einem solchen Zustand, dass schon kleinste Einwirkungen eine Explosion auslösen können. Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) warnt: „Es hat in Oranienburg bereits Selbstdetonationen gegeben, und das Risiko steigt von Jahr zu Jahr.“
Tatsächlich ist es im gesamten Bundesgebiet und auch in Österreich in den vergangenen Jahren immer wieder zu Selbstdetonationen von alten Fliegerbomben mit Langzeitzündern gekommen. Auch die Entschärfung gilt als ausgesprochen schwierig. Mehrere Angehörige von Kampfmittelräumdiensten haben seit 1990 ihr Leben lassen müssen, als sie versuchten, die tückischen Altlasten zu entschärfen.
Oranienburg mit seinen gut 45000 Einwohnern steht damit gleich vor zwei Problemen durch alte Weltkriegsbomben: Im Boden liegen zum einen noch immer sehr viele nicht detonierte Bomben, dabei ist auch noch der Anteil der gefährlichen Langzeitzünder-Exemplare hier besonders hoch. Im Gebiet der Stadt wurden seit 1990 bereits mehr als 200 Bomben unschädlich gemacht. Nach Angaben des brandenburgischen Innenministeriums werden in Oranienburg im Durchschnitt jedes Jahr 7,4 Bomben entschärft. Bleibt es bei diesem Tempo, dann ist die Stadt erst in einigen Jahrzehnten frei von Weltkriegsbomben.  Experten der BTU Cottbus gingen im Jahr 2008 in einem Gutachten davon aus, dass noch immer mehr als 300 Blindgänger im Boden Oranienburgs liegen. Dabei muss davon ausgegangen werden, dass es sich bei einem Teil der Blindgänger um Bomben mit Langzeitzündern handelt.
Die Beseitigung dieser Weltkriegslasten ist mit hohen Kosten verbunden. Der Bund fühlte sich lange Zeit nur für die Bergung reichseigener Munition verantwortlich. Den Ländern und  Kommunen blieb es überlassen, die Belastungen durch alliierte Weltkriegsmunition und Bomben zu tragen. Allein das Land Brandenburg mit dem höchsten Anteil an munitionsbelasteten Flächen hat seit dem Jahr 1991 bereits etwa 400 Millionen Euro für Kampfmittelbeseitigung aufwenden müssen.
Inzwischen hat die Bundesregierung in der Kostenfrage allerdings ihre bisherige Haltung aufgegeben. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sagte zu, dass sich der Bund bis zum Jahr 2021 mit 60 Millionen Euro an der Beseitigung von Kampfmitteln in ganz Deutschland beteiligen will. Für Oranienburg eröffnet sich damit eine besondere Chance: In der Region soll in den kommenden drei Jahren ein Modellprojekt erprobt werden, um die Bombenentschärfung zu forcieren. Dazu soll der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) zu einer Sonderordnungsbehörde aufgewertet werden.
Der Dienst erhält dazu 13 zusätzliche Personalstellen und auch mehr Aufgaben und Rechte. Künftig soll der Dienst neben der Suche nach Kampfmitteln auch die Freigabe von Grundstücken kontrollieren. Die Stadt Oranienburg wird mit Geld vom Land  Flächen mit niedrigerer Gefahrenlage zudem auch selbst absuchen können. Innenminister Schröter stellte zum Start des Projekts „Modellregion Oranienburg“ in Aussicht, dass es bei einem Erfolg auf das ganze Land ausgeweitet wird.      Norman Hanert


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Kommentare

Hein ten Hof:
16.08.2019, 14:09 Uhr

In Oranienburg befanden sich die zum Degussa Konzern gehörenden Auer Werke, Uran- und Atomforschung, der dortige Forschungsleiter Dr. Riehl, eine Schlüsselfigur für die Herstellung der ersten sowjetischen Atombombe (Zitat Internet: UmweltFairaendern).
Also kein Kleinkram.

Aus diesem Grund wurde Oranienburg mit Bomben zugepflastert.

Fatal und irgendwie richtig perfide ist der Umstand, dass die Alliierten serienweise Luftaufnahmen von ihrem gesamten Wirkungsgebiet besitzen, VOR und NACH den Bombenangriffen. Aus diesen Bildern geht deutlich hervor welche Bombe gleich detonierte und welche noch scharf im Boden liegt."Blindgänger" aufzufinden wäre erheblich einfacher gewesen.

M.W. wurden diese Bilder bis Mitte der 1980er Jahre nicht weitergegeben, trotz mehrfacher Anfragen, seit Mitte der 1980er Jahre kann die Bundesrepublik diese Fotos angeblich kaufen.
Wenn das stimmt sind wir alle richtig begeistert.


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