»Der Sieg ist unvermeidbar!«

Zum Tode des Journalisten und Schriftstellers Ulrich Schacht

10.10.18
Ein Leben für die Freiheit: Ulrich Schacht (1951−2018) Bild: pa

Einprägsam war die Begegnung mit Ulrich Schacht. Angenehmes Selbstbewusstsein und eine klare, nicht sonderlich leise Stimme zeichneten den Journalisten, Essayisten, Schriftsteller und – sensiblen –  Dichter mit Vorliebe für die nordischen Gefilde aus. Anlässlich einer Lesung aus einem Gedichtband wie „Bell Island im Eismeer“ konnte er schon einmal durch den Saal donnern: „Kultur ist Differenz!“
Geboren wurde er 1951 im erzgebirgischen Stollberg – nicht, weil dies seine Heimat gewesen wäre, sondern weil seine Mutter dort im Frauengefängnis Hoheneck inhaftiert war. Mit seinem Vater, einem sowjetischen Offizier, hatte sie in den anderen Teil Deutschlands fliehen wollen. Aufgewachsen in Wismar, in der damaligen DDR, studierte Schacht zunächst Theologie. Wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilte ihn das SED-Regime 1973 zu sieben Jahren Freiheitsentzug. 1976 wurde er durch die Bundesrepublik freigekauft.
Politikwissenschaft und Philosophie studierte er in Hamburg und arbeitete als Chefreporter bei der „Welt“ und der „Welt am Sonntag“, vor allem im Bereich Kultur. Als schriftstellerischer Durchbruch gilt der 1989 erschienene Erzählband „Brandenburgische Konzerte“. Seit 1998 lebte er als freischaffender Journalist und Autor, tätig war er auch für die PAZ, und siedelte nach Schweden über.
Der SPD gehörte er an, allerdings nur bis 1992. „Seine“ Sozialdemokratie war die Partei, die Freiheit und zugleich soziale Sicherheit verkörperte, keine Ideologie, es war die Partei des Godesberger Programms von 1959, welches ihm – ein Kuriosum – in der DDR-Haft zugänglich war und für welches er sich begeisterte. Linken Gesellschaftsexperimenten stand er, schon aufgrund eigener Erfahrung, mehr als skeptisch gegenüber. Vor drastischen Worten nicht zurückschreckend, formulierte er: „Ich bin gegen jeden Faschismus. Also auch gegen Antifaschismus.“
Bekannt geworden ist er nicht zuletzt durch den Sammelband „Die selbstbewusste Nation“, den er 1994 mit Heimo Schwilk herausgab. Spätestens ab diesem Zeitpunkt galt er immer mehr als „Rechter“, ein mittlerweile oft diffamierend gemeintes und gerade im publizistischen Bereich mitunter existenzgefährdendes Stigma. Schacht hielt stand, noch im letzten Jahr signierte er eine Ausgabe dieses Buches mit den Worten: „Der Sieg ist unvermeidbar!“
Die Liste seiner Auszeichnungen ist lang. Im journalistischen Bereich gehört der Theodor-Wolff-Preis dazu, im literarischen der Eichendorff-Preis. „Dresdner Stadtschreiber“ war Schacht 2007, doch er galt als politisch „verdächtig“. Herzlich amüsieren konnte er sich darüber, dass er des Abends in dem einen oder anderen Lokal der sächsischen Hauptstadt unbekannterweise mit so manchem Gast ins Gespräch kam, der am Ende irritiert feststellen musste, dass er lange und gut mit dem „bösen, rechten“ Schacht gesprochen hatte, der doch etwas anders war als sein linksmediengemachter Ruf.
Im Frühjahr war er einer der Erstunterzeichner der „Gemeinsamen Erklärung 2018“, die sich gegen illegale Masseneinwanderung ausspricht und zur Wiederherstellung der rechtsstaatlichen Ordnung an den deutschen Grenzen aufruft.
2017 veröffentlichte Schacht einen Roman unter dem andeutungsreichen Titel „Notre Dame“. Gemeint ist nicht nur die Pariser Kathedrale. Erzählt wird vom Journalisten Torben Berg, in dem sich unverkennbar die Biografie Schachts spiegelt. Im Vordergrund handelt es sich um eine heftige, gefühlvolle, aber nicht dauerhafte Beziehung, die nach dem Mauerfall 1989 im noch in der DDR befindlichen Leipzig        beginnt.
Orte der Handlung sind die Pressemetropole Hamburg, das Berlin am Abend der Wiedervereinigung, die Färöer-Inseln, Schottland und eben auch Paris. Mittels Rückblende oder einer unmittelbar nach der „Wende“ realisierten Dokumentation wird die Geschichte Bergs beziehungsweise Schachts im Mecklenburgischen und in der Haftzeit in der DDR und der Ausreise erzählt. Nach dem Fall der SED-Machthaber dann das Bestreben, den inzwischen bekannten Hamburger Journalisten einzuladen, auch ins Ausland, „seine Geschichte“ wird zum Thema.
Die großen biografisch-zeithistorischen Linien, die auch hervorragend die deutsch-deutsche Atmosphäre der Jahre um 1990 vermitteln, sind immer wieder durchsetzt von sehr persönlichen Schilderungen vom Versuch, das Liebesglück festzuhalten.
Ulrich Schacht, der mit diesem Werk poetisch-feinfühlig noch einmal tiefe Einblicke in sein Leben und Erleben gewährt, ist am 16. September in seiner schwedischen Wahlheimat gestorben.
    Erik Lommatzsch


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