Ehrlichkeit statt verquerer PISA-Exegese

Wieder einmal hat die umstrittene Studie Deutschland ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Erneut zeigt sich, dass die Schulen Probleme ausbaden müssen, die an ganz anderer Stelle entstehen

13.12.19
Beunruhigende Zahlen: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU, 2. v. r.) stellte vor der Bundespressekonferenz mit Vertretern von OECD und Kultusministerkonferenz die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie der OECD vor Foto: pa

Es gab mal wieder PISA – diesmal in der siebten Auflage. Politik, die Mehrzahl der Medien und linksgewirkte Nichtregierungsorganisationen überschlagen sich. Schließlich ist Deutschland wieder nur im vorderen Mittelfeld gelandet und gegenüber den Testungen 2009 bis 2015 leicht zurückgefallen. Zu den aktuellen PISA-Siegern Peking, Shanghai, Jiangsu, Zhejiang, Singapur, Macau, Honkong und Estland fehlt ein gutes Stück: In Lernjahren ausgedrückt fehlen dorthin ein- bis eineinhalb Schuljahre.
In der Folge werden – wie schon seit Jahren – mehr Lehrer, kleinere Klassen, neue Lehrpläne (Leerpläne?), mehr sozialer Ausgleich, mehr Computer im Unterricht und so weiter gefordert. Doch das Naheliegende will man nicht wissen. Hier drei Fakten, an denen es zu arbeiten gilt.
Erstens: PISA ist kein Bildungstest. Denn PISA nimmt nur das an schulischem Lernen in den Blick, was sich messen lässt. Im Falle von PISA ist das wahrscheinlich nur ein Zehntel dessen, was in der Schule geschieht: ein bisschen etwas von Informationsentnahmekompetenz, von mathematischem und von naturwissenschaftlichem Verständnis. Nicht erfasst von PISA werden: sprachliches Ausdrucksvermögen, Fremdsprachenkenntnisse, Wissen in den Bereichen Literatur, Geschichte, Geographie, Politik, Wirtschaft, Religion/Ethik, ästhetische Bildung in den Fächern Kunst und Musik und so weiter. Ein seltsames Verständnis von Bildung zur Mündigkeit!
Zweitens: In Deutschland lügt man sich seit Jahren in die Tasche. Denn in PISA bildet sich Deutschland nur insgesamt ab. Das verschleiert, dass es bestimmte deutsche Länder sind, die das Ergebnis drücken. Nach wie vor haben wir bei 15-Jährigen innerdeutsch ein Leistungsgefälle von fast zwei Jahren – etwa zwischen Sachsen/Bayern versus Bremen/Berlin/Brandenburg. Es kommt hinzu, dass man in den genannten „B“-Ländern gefälligkeits-populistisch die schulischen Anforderungen senkte, aber inflationär immer bessere Zeugnisse ausgibt.
Drittens: PISA vergleicht Systeme, die nicht vergleichbar sind. Die internationalen Vergleiche hinken allein deshalb, weil nicht alle Länder bereit sind, ihre schwachen Schulen einzubeziehen. Vor allem aber hinken die Vergleiche, weil die Anteile der Schüler mit Migrationshintergrund in den beteiligten Ländern extrem unterschiedlich sind. Finnland etwa hat weniger als fünf Prozent Schüler mit Migrationshintergrund. In Deutschland ist es oft das mehr als Zehnfache. Bei PISA 2009 waren es 28 Prozent, bei PISA 2018 38 Prozent. Ein weiterer deutscher Faktor dürften die seit der Flüchtlingskrise gestiegenen Verwerfungen innerhalb der Schulen sein.
Man scheint das in den Raumschiffen der „hohen“ Politik nicht wissen zu wollen. Dabei gibt es jede Menge Berichte mutiger Insider. Drei Beispiele:
Ende 2017 ist der Erfahrungsbericht der Leiterin der Berthold-Otto-Grundschule in Frankfurt-Griesheim mit einem Anteil von 90 bis 100 Prozent Migrantenkindern öffentlich geworden. Die Schulleiterin spricht von „schlimmsten sozialen Verhältnissen“; sie sagt, dass an regulären Unterricht nicht mehr zu denken sei. Lernstoff, der noch in den 1990er Jahren in der 2. Klasse bewältigt werden konnte, müsse heute in die 4. Klasse verschoben werden. Besonders beklagt die Schulleiterin, dass sich viele muslimische Familien völlig abgeschottet und in großem Umfang durch den Islam radikalisiert hätten. Diese Eltern würden ihre Kinder nicht zum Lernen anhalten und auch nicht dazu verpflichten, Lehrer zu respektieren.
Ebenfalls Ende 2017 ist ein Brief des Lehrerkollegiums der Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken bekannt geworden. In anschaulicher Weise ist von folgenden Zuständen die Rede: Physische und verbale Gewalt gegen Mitschüler und Lehrer, Messerattacken, schwere Körperverletzungen, gravierende Sachbeschädigungen, Drogen, Alkohol seien Alltag. Wörtlich: „Viele Kolleginnen haben Angst, bestimmte Schüler zu unterrichten.“ Es kommt hinzu, dass sich die saarländische Schulpolitik unter der damaligen Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer (CDU) obendrein der Ideologie der Totalinklusion verschrieb und damit Schüler mit extremem sonderpädagogischem Förderbedarf auf Regelklassen losgelassen hat.
Im August 2018 machte die Spreewald-Grundschule im Norden des Berliner Bezirks Schöneberg mit rund 80 Prozent Migrantenanteil von sich reden. Die dort seit 2014 tätige Schulleiterin Doris Unzeitig hatte gekündigt. Sie begründete dies mit mangelnder Unterstützung durch die Schulaufsicht. „Meine Kräfte reichen nicht aus, um eine nachhaltige Änderung der Arbeitsbedingungen der Lehrer und der Lernbedingungen der Schüler zu bewirken“, sagte Unzeitig öffentlich.
Das sind die Realitäten, nicht nur an einzelnen Schulen, sondern an Hunderten, womöglich Tausenden. Der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte übrigens im November 2015 vorgeschlagen, für Flüchtlinge die Bildungsstandards zu senken. „Vorübergehend“ fügte er hinzu, doch haben sich solche Absenkungen noch jedes Mal perpetuiert. Wie lächerlich klingen da die Sprüche der PISA-Exegeten, Deutschland müsse wieder zu einer führenden Bildungsnation werden. Nein, die Schulen sind mit einer Migrationspolitik, die nirgends auf der Welt so beliebig erfolgt wie in Deutschland, maßlos überfordert. In PISA bildet sich das ab.

Josef Kraus

Josef Kraus war von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Zuletzt erschien „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ (Herbig 2017).


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Kommentare

Jan Kerzel:
16.12.2019, 19:40 Uhr

Wer interessiert sich heute noch für die Pisa- Studie? Die Schulen sind weitgehend zu sozialpädagogischen Aufenthaltsräumen denaturiert. Leistung spielt eine untergeordnete Rolle. Kann sein, muss nicht sein. Die Lage kann nur dadurch gebessert werden, dass die sehr beliebigen Abschlussprüfungen ihre Bedeutung weiter verlieren und es vor allem die Aufnahmeprüfungen sind, die Zugänge zu qualifizierten Berufs- und Studiengängen ermöglichen. Eine andere Lösung gibt es nicht, theoretisch ja, aber praktisch nicht machbar. So würde auch ein gewisser Wettbewerb zwischen den Schulen bzgl.des Erfolgs ihrer Absolventen entstehen. Aber wer will denn so etwas? Heute messen sich die Schulen in der Öffentlichkeit gerne mit dem Notendurchschnitt ihrer selbst ausgestellten Papiere. Wobei die Ehrlichen oft die Dummen sind.


sitra achra:
15.12.2019, 13:04 Uhr

Wer es sich leisten kann, zieht in eine Gegend um, deren Schullandschaft noch einigermaßen intakt ist. Das ist jedoch nicht jeder Familie möglich.
Eine Alternative sind für Gutbetuchte Privatschulen mit einem schülerfreundlichen Gesamtkonzept. Lehrer werden dort weder angespuckt noch bedroht.


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