Ein Leben gegen das SED-Regime

Der engagierte Journalist und DDR-Experte Karl Wilhelm Fricke wird 90

04.09.19
Warner vor der Diktatur: Karl Wilhelm Fricke 2015 in Berlin Bild: pa

Als Kenner der DDR hat Karl Wilhelm Fricke einen Namen. Mittels einer Vielzahl von Beiträgen setzte sich der Journalist, dessen Wort auch in der Wissenschaft erhebliches Gewicht gewann, immer wieder mit dem Repressionssystem und der Opposition in der zweiten deutschen Diktatur auseinander. Erfahren hat er diese auch am eigenen Leibe. In den 1950er Jahren wurde er entführt und vier Jahre inhaftiert.

Fricke kam am 3. September 1929 im Harzvorland, im anhaltischen Hoym zur Welt. Prägendes Erlebnis sollte die Verhaftung und Aburteilung seines Vaters während der „Waldheimer Prozesse“ werden. Nach kurzer amerikanischer Kriegsgefangenschaft war dieser in seine Heimat, die in der sowjetisch besetzten Zone lag, zurück­gekehrt.
Karl Wilhelm Fricke schrieb später, sein Vater habe sich nichts vorzuwerfen gehabt, „was Schuld im Sinne von Nazi- und Kriegsverbrechen hieß“. Denunziert worden sei er durch eine „Genossin der SED“, die Anzeige habe allerdings „keineswegs auf politischen, sondern auf eigensüchtigen Motiven“ beruht. Im Juni 1946 festgenommen, durchlitt der Vater mehrere sowjetische Internierungslager. Die DDR stellte ihn 1950 vor Gericht.
Das Verfahren entbehrte nahezu jeder Rechtsförmlichkeit. Nur eine Vernehmung hatte stattgefunden, Ergebnis war ein 37 Zeilen umfassendes Protokoll. Verurteilt wurde er aufgrund seiner Tätigkeit während der NS-Zeit. In der NSDAP-Ortsgruppe hatte er Ämter inne, ein Vorwurf lautete, als Volksschullehrer habe er die Jugend „ideologisch vergiftet“. Wegen seiner Parteimitgliedschaft war ihm ohnehin die Weiterbeschäftigung als Lehrer verwehrt. In Waldheim wurde er nun, in keinerlei Verhältnis zu seinem Wirken stehend, zu einer zwölfjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. 1952 starb Frickes Vater in Gefangenschaft an einer Ruhr- und Grippeepidemie.
In einem Feature des Deutschlandfunks von 2009 erklärt Fricke, ohne die Verhaftung des Vaters hätte er wohl die gängige politische Sozialisierung der Nachkriegszeit in der sowjetischen Zone und der DDR durchlaufen und wäre wahrscheinlich auch Mitglied der FDJ geworden. So aber sei er „immun gegen alle ‚fortschrittlichen‘ Einflüsse“ gewesen.
Seine Verweigerungshaltung hatte zur Folge, dass ihm ein Studienplatz verwehrt blieb. Der noch nicht 20-jährige Fricke wirkte als Aushilfslehrer für Russisch, bis diese Tätigkeit mit seiner Verhaftung im Februar 1949 ihr Ende fand. Grund waren seine ironischen Bemerkungen über den sozialistischen Eifer einer Kollegin.
Fricke konnte fliehen, allerdings blieb ihm nun nur noch der Weg in die westlichen Besatzungszonen. Zunächst studierte er Politikwissenschaft, vor allem aber begann er, in West-Berlin journalistisch zu arbeiten. Über die DDR, deren Justiz und die Staatssicherheit. Materialien, welches die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU) und der „Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen“ (UFA) gesammelt hatten, flossen in seine Arbeiten ein. Er veröffentlichte Artikel mit Titeln wie „Zur Phänomenologie des Sowjet-Terrors“ oder „Die rote Freis­ler“. Hier charakterisierte er Hilde Benjamin, Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der DDR und ab 1953 Justizministerin.
Im Rückblick schreibt Fricke: „Man mag es für ‚unjournalistisch‘ halten, aber ich räume ohne Zögern ein, dass meine Arbeit von Anfang an von der Absicht bestimmt war, als Journalist ‚gegen das Regime der SED anzuschreiben‘. Ich wollte mit journalistischen Mitteln politisch wirken.“ Ebenfalls retrospektiv bemerkt er, dass es nun als „ridiküle Illusion“ erscheinen möge, aber damals habe er geglaubt, mit seinen Veröffentlichungen im „Rheinischen Merkur“ könne er vielleicht das Denken Adenauers, der diese Zeitung las, beeinflussen.
Durch seine einerseits leidenschaftlichen, andererseits faktenreichen Beiträge geriet Fricke bald ins Visier des DDR-Geheimdienstes. Im April 1955 wurde er in eine West-Berliner Wohnung ge­lockt und betäubt. Wenig später befand er sich im Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen.
Unterstellt wurde ihm vieles, unter anderem glaubte man, er habe sich Informationen illegal aus der DDR beschafft, was nicht der Fall war. An eine 15-monatige Untersuchungshaft schlossen sich weitere gut zweieinhalb Jahre Einzelhaft an. Er verbrachte sie in Brandenburg-Görden, später gehörte der zur ersten „Belegung“ der Sonderhaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit „Bautzen II“. Angeklagt wurde Fricke, weil er „die Grundlagen unseres Arbeiter- und Bauernstaates angegriffen“ habe, unter anderem habe er „verleumderische und erlogene Artikel“ gegen die DDR geschrieben und er sei „hauptamtlicher Mitarbeiter“ des BND-Vorläufers „Organisation Gehlen“, was jeder Grundlage entbehrte.
Wäre das Urteil nicht im zeitlichen Umfeld des 20. Parteitages der KPdSU gefallen, auf dem die Sowjets auf Distanz zum Stalinismus gingen, was auch Auswirkungen auf die DDR hatte, wäre die Zuchthausstrafe noch wesentlich höher gewesen. Auch Frickes nach wie vor in der DDR lebende Mutter war verhaftet worden, der Vorwurf lautete „Mittäterschaft“. Schließlich wurde sie wegen „Staatsverleumdung“ und „Ausfuhr von DM der deutschen Notenbank aus dem Gebiet der DDR“ – es handelte sich um insgesamt 370 Mark, welche sie 1953 und 1954 in West-Berlin getauscht und ausgegeben hatte – zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.
Fricke verbüßte die Haft bis zum letzten Tag. Ohne sich Erholung zu gönnen, nahm er seine journalistische Arbeit unmittelbar nach seiner Entlassung wieder auf, unbeirrt konzentriert auf das DDR-Regime. Eine Enttäuschung bedeutete, dass er von einer geplanten Pressekonferenz über seine Entführung seitens der Bundesregierung abgebracht wurde. Im Vorfeld der Genfer Außenministerkonferenz von 1959 war man bestrebt, die Fronten des Kalten Krieges nicht noch zusätzlich zu verhärten. Seine Erlebnisse schilderte er dann in der Broschüre „Menschenraub in Berlin“.
Fricke wirkte zunächst in Hamburg, von 1970 bis zu seinem Ruhestand 1994 dann als leitender Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln. Er selbst sagt, nach der Haftzeit sei er zwar bezüglich der Sicht auf die DDR unerbittlich geblieben, im Ton seiner Publikationen allerdings wesentlich moderater geworden, wovon er sich eine größere politische Wirksamkeit versprochen habe. Das bescheinigte ihm sogar die Staatssicherheit, die ihn, vor allem als einflussreichen Hörfunkjournalisten, weiter beobachtete. In einer Akte von 1982 heißt es: „Eine Analyse der seit 1970 vorliegenden Arbeiten des Fricke lässt auf eine detaillierte Sachkenntnis … über die DDR schließen. Dabei verfällt Fricke nicht in wüste Ausfälle, sondern betreibt eine hintergründige, auf analytische Arbeit schließende, ideologische Einmischung, die vorwiegend an Hörer in der DDR gerichtet ist.“
Gemocht hat man ihn selbstredend nicht, einige Jahre später heißt es: „Bei Fricke handelt es sich um einen der aktivsten und aggressivsten rechtsstehenden Exponenten der politisch-ideologischen Diversion gegen die DDR.“ Sich selbst bezeichnet Fricke übrigens als „aufgeklärt-konservativ“.
Nach der deutschen Vereinigung – von der auch er lange nicht glaubte, dass sie noch zu seinen Lebzeiten stattfinden würde – wirkte er unter anderem als Mitglied der Enquête-Kommission des Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Freie Universität Berlin verlieh ihm die Ehrendoktorwürde. Seit 2017 wird ein nach ihm benannter Preis vergeben.
Hinzuweisen ist, neben anderen Büchern, insbesondere auf das erstmals 1995 veröffentlichte Werk „Akten-Einsicht“. Unter Wiedergabe einer Vielzahl von Dokumenten zeigt Fricke, der sich ein Leben lang intensiv mit der zweiten deutschen Diktatur beschäftigt hat, anhand seiner Verfolgung sowie der seiner Eltern, wie die „unsägliche Überwachungs- und Unterdrückungsmaschinerie“ funktionierte. Zu verstehen ist das Buch auch als Warnung vor totalitären Zuständen.
Am kommenden Dienstag begeht Karl Wilhelm Fricke seinen 90. Geburtstag.     Erik Lommatzsch


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