Einkommensschere öffnet sich

DIW-Studie: Gerade die jungen Leute laufen Gefahr, in prekäre Verhältnisse abzurutschen

17.05.19
Drücken die Löhne angeblich nur statistisch: Asylsucher Bild: Imago

Von 1991 bis 2016 sind die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte in Deutschland zwar real um durchschnittlich 18 Prozent gestiegen. Dieser Zuwachs fällt aber je nach Einkommensposition unterschiedlich aus. So ist die Ungleichheit der verfügbaren Haushaltseinkommen seit der Finanzmarktkrise gestiegen. Das zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

„Die Armutsrisikoquote verbleibt im Jahr 2016 weiterhin bei einem Wert von 16,6 Prozent im Vergleich zu rund elf Prozent Mitte der 1990er Jahre. Erwerbstätigkeit allein ist nicht mehr ausreichend, um vor Einkommensarmut zu schützen. Denn geht in einem Haushalt nur eine Person einer Beschäftigung nach, so hat sich seit 1991 das Armutsrisiko für diesen Haushaltstyp verdoppelt“, stellen die Autoren der DIW-Studie fest.
Demgegenüber sei der Anstieg der Haushaltseinkommen grundsätzlich als positiv zu bewerten. Das Plus lag bei durchschnittlich 2,7 Prozent, was den höchsten Anstieg seit 15 Jahren bedeutet und mit der seit Jahren guten Konjunktur und einem Rekordstand der Beschäftigung zu tun hat. Weil Arbeitskräfte knapp werden, können Beschäftigte in der Tendenz mehr von ihren Arbeitgebern verlangen.
Über den gesamten Zeitraum von 1991 bis 2016 zeige sich seit der Jahrtausendwende eine sich öffnende Schere. So seien die Einkommen im oberen Bereich der Verteilung am stärksten gewachsen. Das verfügbare Realeinkommen der höchsten Einkommensgruppe ist demnach von 1991 bis 2016 um 35 Prozent gestiegen: „Für das dritte bis neunte Dezil fallen die Zuwächse mit einem Plus von acht Prozent bis 19 Prozent geringer aus. Im zweiten Dezil gab es zwar zwischenzeitlich Einkommenssteigerungen, an die sich aber eine längere Phase von Rückgängen anschloss. Im Ergebnis haben Personen aus dem zweiten Dezil 2016 nur geringfügig höhere Realeinkommen als 1991“, heißt es in der Studie. Dezile bedeuten dabei Zehntelwerte – die Verteilungskurve wurde in zehn gleiche Teile geteilt.
Die Entwicklung in der untersten Einkommensgruppe weicht nach Angaben der Autoren von der Entwicklung in den anderen Dezilen ab. Im Zeitraum 1991 bis 1994 gingen dort die Realeinkommen zurück, vor allem wegen der Zuwanderung vorrangig von Aussiedlern. Zwischen 1994 und 1999 seien die realen Einkommen des untersten Dezils deutlich angestiegen. Alle Einkommenssegmente hätten damals von einer insgesamt positiven Konjunktur profitiert. Dies habe sich aber in den Folgejahren geändert.
„Im Zeitraum 2000 bis 2005 gingen die Realeinkommen im ersten Dezil erneut zurück, einhergehend mit einem Zuwachs der Arbeitslosigkeit, die im Jahr 2005 einen Höchststand von fast zwölf Prozent erreichte. In den darauffolgenden Jahren bis 2009 stiegen die Einkommen im ersten Dezil vor dem Hintergrund starker BIP-Zuwächse von jährlich rund drei Prozent wieder an. Seit 2010 nehmen die realen Einkommen im ersten Dezil wieder ab, obwohl die Wirtschaft in einer guten Verfassung ist und die Arbeitslosigkeit deutlich zurückgegangen ist.“
Die Daten stammen aus der jährlichen Auswertung des „Sozio-ökonomischen Panels“ (SOEP). An dieser detaillierten Befragung nehmen jedes Jahr etwa 15000 Haushalte mit 30000 Personen teil. Interessant ist die Tatsache, dass die Forscher einen Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Einkommensentwick­lung herstellen. „Das sind Tatsachen“, erklärt die Studienleitung um DIW-Ökonom Markus Grabka: „Schon bis 1994 sanken die Realeinkommen deutlich, das lag damals am Zuzug vieler Aussiedler aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Ein ähnliches Phänomen zeigt sich ab 2010. Die Realeinkommen im 1. Dezil sind seitdem um neun Prozent gesunken“, was mit dem Zuzug von 3,3 Millionen Ausländern in den vergangenen Jahren zusammenhänge
Es sei dabei aber zu berücksichtigen, „dass sich dieser Rückgang nicht dadurch ergibt, dass durch den Zuzug von Immigranten etwa Löhne gedrückt werden. Die Einkommen der ärmsten zehn Prozent sinken im Schnitt, weil eine große Menge noch ärmerer Menschen hinzustößt“, erklärten die DIW-Wissenschaftler. Viele Zuwanderer würden in den ersten Monaten und Jahren nach ihrer Ankunft sprichwörtlich bei null anfangen. „Sie bilden dann oft die ärmste Gruppe, während die bis dahin Ärmsten zumindest teilweise eine Stufe höher rutschen werden.“
Insbesondere in städtischen Regionen habe so die Zahl der Niedrigeinkommensbezieher stark zugenommen. „Will man dem entgegensteuern, so bedarf es unter anderem höherer Lohnabschlüsse oder eines Zurückdrängens von Minijobs. Daneben fehlt es zunehmend an bezahlbarem Wohnraum, sodass auch der Bau von preiswertem Wohnraum in den Fokus der Politik rücken sollte“, bilanziert das DIW. Die bislang gute konjunkturelle Lage habe dazu geführt, dass es den Deutschen „gefühlt gut gehe“.
Aber im Vergleich zu den 90er Jahren laufe der jüngere Teil der Bevölkerung deutlich öfter Gefahr, in prekäre Verhältnisse abzurutschen. Die Armutsrisikoquote von Kindern unter zehn Jahren habe sich demnach seit 1996 fast verdoppelt, fast jedes vierte Kind wachse somit heute in einem armen Haushalt auf. Ähnlich drastisch falle der Anstieg bei der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen von 10,6 auf 22,4 Prozent und bei den 35- bis 44-Jährigen von 7,5 auf 15,7 Prozent aus.    Peter Entinger


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