Fahrt mehr Bahn!

Abenteuer Schiene: Erfahrungsberichte eines gebeutelten Passagiers der Deutschen Bahn

20.02.19
Glücksfall Sitzplatz: Überfüllter Personenzug Bild: pa

Zu voll, zu spät, und manchmal einfach ausgefallen: Wer sein Auto stehen lässt und auf die Dienste der Deutschen Bahn ausweicht, kann nach kurzer Zeit schon einiges erzählen.

In die Jahre gekommen, fallen mir längere Autoreisen immer schwerer. Meist steht man stundenlang im Stau, erduldet gefühlt alle 30 Kilometer eine hinderliche Baustelle, schwitzt im Sommer und kämpft mit Müdigkeit. Warum sich das antun? Gibt es keine Alternative? Schon aus ökologischen Gründen heißt es doch: „Fahrt mehr Bahn!“ Allerdings ist auch dies Paradies nur unvollkommen, wie folgende exemplarische Erlebnisse meiner jüngsten fünf Zugreisen illustrieren.
Auf der Fahrt von München nach Salzburg fiel ein ganzer Waggon aus, sodass ich bis kurz vor der Endstation auf der Einstiegs­plattform eingepfercht blieb. Wenigstens bestand bei so intensivem Körperkontakt keine Sturzgefahr. Auch zu atmen glückte noch. Lediglich der Rat meiner Gattin, viel zu trinken, erwies sich als unpraktikabel, weil ich schlechterdings nicht an die Flasche herankam.
Vergleichbares widerfuhr mir zwischen Fulda und Frankfurt, wo ich durch Umstieg in eine sonntägliche Rückreisewelle geriet. Solche Überbelegung, erfuhr ich von einer Leidensgenossin, sei zu dieser Zeit nicht unüblich. Eingequetscht verbrachte eine Stunde auf dem Gang, die in mir Assoziationen an eine Sardinenbüchse weckten.
In Mantel und Jackett zerfloss ich fast, während ich auf meinem hochgestellten Koffer eine Art Stehsitz fand.
In beiden Fällen nutzten mir übrigens Platzreservierungen nichts. Hätte es doch schon einer Schusswaffe bedurft, um samt Koffer und Tasche durch verstopfte Gänge an den gebuchten Bestimmungsort zu gelangen. Selbst der Schaffner unterließ jegliche Kontrolle. Als Additum diente die wortreiche Anmache eines betrunkenen Hertha-Fans, der einem Türken vergeblich einen Schluck aus seiner Bierdose anpries. Letzterer verhielt sich übrigens mustergültig und ließ sich von dem feisten Proleten nicht provozieren. Glücklicherweise gab es zur Keilerei ohnehin keinen Platz.
Die Segnungen der Regionalbahn erschlossen sich mir erneut auf der Fahrt von Saarbrücken nach Mainz, zur Weiterfahrt nach Wien. Da Gepäcknetze für Koffer generell nicht taugen, waren zahlreiche Gänge zugestellt. Das Gleiche galt für etliche, eigentlich Personen zustehende Sitzplätze. Herbst und Winter bieten als atmosphärische Zugabe noch den Segen, von überall beniest und behustet zu werden. Auch die verbreitete Sitte, völlig Fremde lautstark per Handy über Geschäfts-, Privat- beziehungsweise Intimverhältnisse in Kenntnis zu setzen, dient zeitgemäßer Gemütlichkeit.
Gänzlich Neues erlebte ich auf der Fahrt von Nürtingen nach Rottenburg. Dass man, falls nicht halbstündige Vakanzen eingeplant sind, vom Gedanken ans Erreichen des jeweiligen Anschlusszugs in Dauerspannung gehalten wird, gehört mittlerweile zur Bahnfolklore. Also registrierte ich von Haltestelle zu Haltestelle die ständig verminderte Umsteigezeit und hetzte im Bahnhof Tübingen wie ein Jungpanther zum Anschlusszug.
Ich tat gut daran. Denn schwer atmend auf einen Sitz gesunken, geschah etwas, was ich in gut 60-jähriger Bahnnutzung noch nie erlebt hatte: Der Zug fuhr zwei Minuten vor der fahrplanmäßigen Zeit ab – zumindest wenn die (elektronisch gestellte) Uhr im Waggon korrekt anzeigte. Im Gymnasium zitierte unser Direktor bei solchen Absonderlichkeiten stets: „Erkläret mir, Graf Örindur, diesen Zwiespalt der Natur.“
Damit zum jüngsten Beispiel meiner unfreiwilligen Bahnrecherche: der Fahrt von St. Ingbert nach Bad Godesberg. Der Zug bis Koblenz fiel aus. Eine früher übliche Bahnhofsauskunft, wie und wann ich jetzt weiterkäme, spart man sich heutzutage. Solches Herrschaftswissen bleibt Smartphone-Besitzern reserviert, als wäre die Bahn geschäftsstrategisch mit der Elektronikbranche verbunden. Ältere Passagiere, die sich durch Nutzungsverweigerung ihrer „Fortschritts“-Pflicht entziehen, stellt man aufs Abstellgleis.
Zum Glück fuhr der nächste Zug schon nach einer Stunde – Gelegenheit, mal wieder dem Schmuddelcharme unserer Bahnhöfe zu verfallen, deren wachsende Verkommenheit beispielhaft bundesrepublikanische Kulturgeschichte schreibt. Als die Wartezeit verkürzender Unterhaltungskünstler fungierte ein hypermobiler Bahnhofspenner, der im Suff lauthals Selbstgespräche führte, alle Reisenden anbettelte und schließlich, natürlich von keiner Ordnungskraft gehindert, im Zickzack über die Gleise stiefelte.
Bei gebührender Umsteigezeit verlief dann die Weiterfahrt von Koblenz aus ruhig. Zwar fehlte eine (deutlich erkennbare) Beschriftung des Zuges, was bei etlichen Passagieren auf dem Bahnsteig hektische Fragerei auslöste. Aber ein ortskundiger Mitfahrer half. Die bis Godesberg herausgefahrenen 15 Minuten Verspätung kümmerten mich nicht, da dies ja meine Endstation war. Bei Andernach wurde ich Zeuge einer aktuell nicht untypischen Szene, als ein „Willkommensgeschenk“ ohne Ticket gestellt wurde, was ihn nicht von selbstbewussten Tiraden abhielt.
Nachdem der Schaffner an der nächsten Station kurz ausgestiegen war, schien er bei seiner Rückkehr übrigens erleichtert, dass sich der Kontrollierte inzwischen verflüchtigt hatte. Generell fragt man sich, wie etwa eine Schaffnerin ohne Regina-Halmich-Talente solche Konfrontationen meistern sollte. Denn das klappt nur in Krimis gemäß dem Realitätsverständnis unseres Staatsfunks, wo die zierlichsten Kommissarinnen per Judogriff die stärksten Oschis auf die Bretter schicken.
Ach ja, auch die formschöne digitale Schrifttafel verdient Erwähnung, weil sie außer Datum und Uhrzeit nichts anzeigte, so dass ich jeweils raten musste, auf welchen Bahnhof wir gerade zufuhren.
Bei der Rückfahrt erblickte ich in der Unterführung auf der Suche zu Bahnsteig 1 einen Pfeil zu 4. Instinktiv wählte ich den nächsten Aufgang zu Bahnsteig 2, leichtfertig annehmend, 1 und 2 gehörten zusammen. Weit gefehlt! In Godesberg ist 4 mit 1 liiert. Also zurück im kofferbeschwerten Schweinsgalopp. Dabei hätte würdiges Schreiten genügt. Denn natürlich kam der Zug verspätet, wenn auch nur drei Minuten, das heißt nach heutigen Begriffen superpünktlich. Dafür startete der nächste in Koblenz neun Minuten später. Doch da ich nun bis zum Ausstieg auf meinem Platz bleiben würde, spielte das keine Rolle. Erwarteten mich doch – vermeintlich – drei Stunden entspannter Lektüre.
Bedauerlicherweise befand ich mich allerdings in einem Waggon, der in Trier abgekoppelt wurde. War ich doch beim Einstieg einem falschen „Experten“ gefolgt, der eine vergleichbare Sachkunde aufwies wie zahlreiche Gutachter oder Statistiker, die unsere Regierung zur Legitimation ihres Politkurses in Dienst stellt. Daher war ich nicht weit genug vorn eingestiegen. Im Gang das Versäumte nachzuholen, scheiterte, da der Durchgang zum nächsten Abteil versperrt war.
Es blieb nur der Weg über den Bahnsteig, spätestens ab Trier, falls ich nicht in Luxemburg nächtigen wollte. Vor diesem Schicksal bewahrte mich eine Schaffnerin, die mir sofortiges Umsteigen empfahl. Und da sie mir noch den Weg wies, gelangte ich in Rennpferd-Eile ins richtige Abteil, wobei sie mich noch ein wenig anspornte: Tempo müsse ich schon machen. Der Zug habe aufzuholen. Das tat er denn auch, und ich landete glücklich wieder im saarländischen „Heimathafen“.
Ziehen wir ein Fazit: Bahnfahren hält geistig frisch, um gewünschte Ziele zu erreichen, ersetzt also manches Sudoku-Gehirntraining. Höchstens Hassredner und Fake-News-Verfertiger behaupten, zwischen Straße und Schiene bestünde lediglich die Qualitätsdifferenz wie zwischen Pest und Cholera beziehungsweise zwischen Merkel, Nahles und Claudia Roth. In Wirklichkeit ist die Deutsche Bahn so alternativlos wie unser ganzes Regierungssystem.      Günter Scholdt


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