Gretas Rache

Warum Savonarola so sauer ist, weshalb die Kleinen besser das Urmel gucken, und wieso wir die »Tagesthemen« aushalten sollen / Der satirische Wochenrückblick mit Hans Heckel

02.02.19

Im Jenseits hören wir Savonarola wütend mit den Füßen stampfen. Der florentinische Religionsfanatiker ist außer sich vor Gram, wenn er die begeisterten Huldigungen für Greta Thunberg liest: „Mit diesem Schweden-Mädel an meiner Seite wäre ich niemals im Feuer gelandet. Aber zu spät, 500 Jahre zu spät, Teufel auch!“
Der Kleriker riss im blühenden Florenz des frühen 16. Jahrhunderts kurzzeitig die Macht an sich und errichtete ein Tugendterror-Regime. Seine Waffe: Fanatisierte Kinder, die seiner Lehre blind ergeben waren und die die Bürger der Stadt in seinem Auftrag malträtierten, bedrohten, ausplünderten und in helle Panik versetzten. Alles im Namen unwiderlegbarer, weil angeblich göttlicher Moral. Es galt, die ewige Verdammnis abzuwenden, da war jedes Mittel recht.
Warum Kinder? Weil sie sich in ihrem Ringen um Anerkennung leichter vor den Karren spannen lassen als Ältere. Und weil sie in ihrem Hang zum unüberlegten Revoluzzertum viel besser aufzuwiegeln sind. Unbedingte Gefolgschaft zur „Sache“ und zu ihrem Führer einerseits und totale Ablehnung des „Feindes“ andererseits kann man bei keiner Altersgruppe in solcher Reinheit herbeizüchten wie bei den Gören. Und zu guter Letzt macht der Heiligenschein ihrer kindlichen Unschuld so ziemlich jede Anmaßung unangreifbar.
Am Ende ging’s dann doch schief für den Mann. Der Papst und andere Mächtige machten solchen Druck, dass die Florentiner den Savonarola erhängten und verbrannten.
Heute stehen die Eliten zum Glück auf der anderen Seite. Greta kann sich ihrer Unterstützung sicher sein. Sie ist zwar schon 16, ginge mit ihrem starren Puppengesicht aber auch gut als 13-Jährige durch. Bei der Klimakonferenz in Kattowitz und auf dem Wirtschaftsgipfel von Davos hielt sie den Erwachsenen der ganzen Welt eine flammende Bußpredigt. Ihr Fegefeuer heißt zwar „Klimakatastrophe“, ihre Botschaft aber ist ganz nach Savonarolas Melodie: Fürchtet euch, das Ende ist nah, eure Sündhaftigkeit wird schrecklich bestraft werden, denn die Strafe der höchsten Macht, des Klimas, wird auf euch niederfahren, oh ihr Verderbten!
„Klimaaktivistin Greta Thunberg sieht unsere Welt brennen“ titelt der Deutschlandfunk gierig gruselnd und zitiert aus der Davoser Predigt der jungen Schwedin: „Die Erwachsenen sagen immer, wir müssen den jungen Menschen Hoffnung machen, aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich möchte nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich möchte, dass ihr in Panik geratet. Ihr sollt die Angst spüren, die ich jeden Tag spüre.“
Woher hat sie diese Angst? Das ging früh los. Als sie noch ein wirklich kleines Mädchen war, sah sie einen Film über die Plastikverschmutzung der Weltmeere. Der hat sie nie mehr losgelassen. Der Verfasser dieser Zeilen war auch mal klein. Die „Weltmeere“ kannte er da aus den Geschichten über „Urmel aus dem Eis“ von der Augsburger Puppenkiste, die sie im Kinderfernsehen gesendet haben. Wahnsinnig aufregend, aber wunderschön und am Ende wurde immer alles gut.
Bei Greta lief es anders, nichts wurde gut. Mit elf hörte das Mädchen, das am Asperger Syndrom leidet (laut Lexikon eine Variante des Autismus), wegen der Beschäftigung mit dem Klimawandel auf zu reden und zu essen und wurde depressiv. Ihre Eltern sind selbst linksgrün-aktivistisch unterwegs, beruflich aber nicht sonderlich erfolgreich. Bislang jedenfalls, denn mit Klima-Greta haben sie endlich ein Produkt platziert, mit dem sie am Markt so richtig durchstarten können.
Vielleicht liegt hier der tiefere Grund für Gretas düsteren Wunsch, dass wir, die Erwachsenen, alle Hoffnung fahren lassen und in Panik geraten mögen. Das Mädel will Rache für seine ökotraumatisierte, verkorkste Kindheit. Wer will es ihm verdenken?
Rachedurst ist leider kaum zu stillen, zäh wie der Nachdurst am Morgen nach der Party: Man trinkt und trinkt bis einem fast schlecht wird, doch der blöde Brand vom Vorabend geht einfach nicht weg.
Mit Greta werden wir es also noch länger zu tun haben. Sie leidet unter diesem nie verlöschenden Rachedurst wie wir Westdeutsche, die wir bis heute von grimmiger Rachsucht erfüllt sind gegen unsere Landsleute, die uns vor fast 30 Jahren die DDR weggenommen haben mit ihrer „friedlichen Revolution“. Der jüngste Rache-Ausbruch schoss den Ossis am Montag aus der „Welt“ entgegen.
Auslöser der Attacke: In einer Allensbach-Umfrage haben nur 40 Prozent der Neufünfländer der Aussage zugestimmt, dass die Demokratie, „wie wir sie in Deutschland haben“, die „beste Staatsform“ sei. Nur die Hälfte von ihnen halte zudem die Meinungsfreiheit in unserem Staat für wirksam geschützt.
Was die denn sonst wollen, will die „Welt“-Kollegin wissen und kann sich nur zwei Alternativen vorstellen zur „Demokratie, wie wir sie in Deutschland haben“, nämlich die rote Räterepublik oder eine Art Fascho-Diktatur. Die Meinungsfreiheit sei nämlich sehr wohl wirksam geschützt, auch wenn der politische Standpunkt von Sendungen wie den „Tagesthemen“ immer der gleiche sei. Aber das sei eben Pluralismus, das müsse man aushalten.
Nun ja, Meinungsfreiheit. Meint sie damit etwa, dass fast jede regierungskritische Demo in Windeseile von gewaltgierigen Antifa-Horden umstellt ist, Demonstranten ins Krankenhaus geprügelt werden? Dass Politiker und Einrichtungen einer gewissen Partei ständigen Übergriffen ausgesetzt sind? Genau: Das muss man entweder hinnehmen als Ausdrücke der besten Staatsform, oder man ist irgendwie Nazi oder Kommunist.
Der Hinweis mit den „Tagesthemen“ ist übrigens aufschlussreich. Der „Pluralismus“, den die „Welt“-Kommentatorin da hochleben lässt, ist offenbar so ein Oben-Unten-Pluralismus. Die unten können reden und ins Internet setzen, was sie wollen. Sie sollen aber nicht glauben, dass sie damit jemals nach „oben“, also etwa in die zwangsfinanzierten Staatssender, vordringen − außer als abschreckendes Beispiel. Wenn ihnen das so nicht gefällt, sind sie vermutlich keine Demokraten.
Dieser Pluralismus, mit dem viele Ossis ihre Probleme haben, ist der eines aufgeklärten, aber absolut herrschenden Barockfürsten. Bei dem durften auch alle sagen, was sie wollten. Nur sollten sie das nicht mit politischem Einfluss verwechseln. Der stand selbstverständlich nur einer kleinen Clique um den Thron herum zu, welche die „Themen“ des „Tages“ ganz allein bestimmte.
Darf man das so offen sagen? Eigentlich nicht, lieber üben wir uns darin, diesen Zustand kunstvoll zu verhängen. Also tun wir besser so, als sei das Volk sowieso auf der Seite der Hofclique, dann sieht es demokratischer aus. So behauptet die „Süddeutsche Zeitung“ tapfer: „Die meisten Deutschen wollen eine Willkommenskultur.“ Das gehe aus einer Studie hervor.
Laut der Publikation, auf welche sich die „Süddeutsche“ stützt, sagten 37,2 Prozent der Befragten, dass sie sich über eine „stärkere Willkommenskultur für Migranten in Deutschland“ freuen würden, gut ein Drittel also. 31 Prozent würde eine „stärkere Willkommenskultur“ nicht freuen, weitere 30 blieben neutral.
Gut ein Drittel sind also „die meisten“? Rein mathematisch mag das sogar hinhauen. Doch Medienmacher wissen, dass der Normalleser unter „die meisten“ spontan „die absolute Mehrheit“ versteht. Und genau das ist sicherlich auch gewollt.
Nein, die „meisten“ Ossis wollen gewiss nicht in die DDR-Zeit zurück. Es könnte aber sein, dass sich der eine oder andere ein ganz klein bisschen in jene graue Epoche zurückversetzt fühlt, wenn er solche Überschriften liest wie die erwähnte. Schon zu Erichs Zeiten war den Herrschenden sehr daran gelegen, aller Welt zu zeigen, wie unverbrüchlich die „Einheit zwischen der Partei und den werktätigen Massen“ geschmiedet sei. Das Ende dieser Legende ist Geschichte.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

sitra achra:
2.02.2019, 18:12 Uhr

Ja, dann warten wir mal schön ab, wie es weitergeht. Ruhe ist die erste
(Spieß-)Bürgerpflicht!


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.