»In meinem Reich geht die Sonne niemals unter«

Vor einem halben Jahrtausend wurde der Habsburger Karl V. zum römisch-deutschen König gewählt

01.07.19
Karl V.: Vornehmlich noch ein mittelalterlicher Herrscher mit Ritter-Leitbild oder eher ein Wegbereiter der Moderne? Bild: Alte Pinakothek

Die Sonne ging in seinem Reich tatsächlich niemals unter. Die Herrschaft Karls V., der dies selbst gesagt haben soll, erstreckte sich über einen großen Teil Europas, die amerikanischen Eroberungen und bis weit in den pazifischen Raum. Vehement trat er der konfessionellen Spaltung des Christentums entgegen, verhindern konnte er sie letztendlich aber nicht.

Das Erbe des im Februar 1500 in Gent geborenen Habsburgers umfasste das Herzogtum Burgund, die Krone von Aragón, zu der unter anderem die Königreiche Neapel und Sizilien zählten, sowie Kastilien und Leòn. Hinzu kamen die wirtschaftlich relevanten Überseegebiete, die von den Spaniern seit dem Ende des 15. Jahrhunderts erobert wurden. Mit dem Tod seines Großvaters väterlicherseits, Kaiser Maximilian I., im Januar 1519 kamen schließlich auch die österreichischen Erblande an ihn. Sein Vater, Philipp der Schöne, war bereits 1506 gestorben.
Die Mutter, Johanna die Wahnsinnige, war frühzeitig nicht mehr in der Lage, selbstständig zu agieren. Karl wuchs bei Margarethe von Österreich, einer Schwester seines Vaters, in der Umgebung von Brüssel auf. Großen Einfluss auf die Erziehung hatte der Hofmeister Guillaume de Croy, Herr von Chièvres. Dieser machte den künftigen Herrscher auch mit den Lebensregeln des Ordens vom Goldenen Vlies vertraut, dessen Oberhaupt Karl als Herzog von Burgund war. Ritterliche Ideale galten ihm stets als Orientierung. Als weitere Vertraute wären Adrian von Utrecht, der später als Hadrian IV. Papst wurde, sowie Mercurino Arborio di Gattinara zu nennen. Gattinara war von 1520 bis 1530 Großkanzler Karls. Als solcher machte er sich vor allem um die Verwaltung der spanischen Gebiete verdient, deren Zentralisierung in dieser Zeit eingeleitet wurde.
Am 28. Juni 1519 wurde Karl von den Kurfürsten in Frankfurt als Karl V. zum König des Heiligen Römischen Reiches gewählt. Die Fugger hatten ihn mit immensen Geldbeträgen unterstützt. Gekrönt wurde er im Oktober 1520 in Aachen, er führte den Titel eines „erwählten Römischen Kaisers“. Die Kaiserkrönung in Rom sollte erst zehn Jahre später erfolgen. Es war das letzte Mal, dass ein Papst einem König des Alten Reiches die Krone aufsetzte.
Karl V. stand an der Spitze, ließ sich aber von seinen Familienmitgliedern tatkräftig unterstützen. So wirkte seine Tante Margarethe als Statthalterin im burgundischen Teil seines Herrschaftsgebietes. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Ferdinand wurde 1522 Statthalter im Reich. 1531 erfolgte die Wahl Ferdinands zum römisch-deutschen König. Auch Karls Ehefrau, Isabella von Portugal, und seine Schwester Maria übten politische Funktionen aus. Umstritten ist in der Forschung, ob die Mitwirkung zahlreicher Frauen aus dem eigenen Haus als Besonderheit betrachtet werden muss oder ob dies damals als selbstverständlich galt.
Der Wahlspruch des jungen Karl V. lautete „plus ultra“, was sinngemäß mit „über alles andere hinaus strebend“ übersetzt werden kann. Grundlegend war für ihn der Gedanke der Universalmonarchie, die ihn in seinem Selbstverständnis über alle anderen Könige stellte. Seine Persönlichkeit beschrieb ein venezianischer Gesandter im Jahr 1525 wie folgt: „Im Grunde seines Wesens ist er schwermütig, aber nicht temperamentlos … Er ist ein sehr religiöser Mensch, sehr gerecht, frei von jedem Laster.“
Geprägt ist die Herrschaftszeit Karls V. von vielfältigen, zum Teil miteinander verwobenen kriegerischen Auseinandersetzungen, vor allem mit Frankreich. Dessen König Franz I. war 1519 ebenfalls als Kandidat im Heiligen Römischen Reich angetreten, hatte sich aber nicht gegen den Habsburger durchsetzen können. Neben dem Streit um Burgund – Karl erhob Anspruch auf den gesamten Bereich, die südlichen Teile waren aber von Frankreich beherrscht – waren vor allem italienische Gebiete Mittelpunkt der einzelnen Feldzüge. Dahinter stand das Streben nach der Vorherrschaft. Die Vielzahl der immer wieder ausbrechenden Kämpfe wurde erst 1559, nach dem Tod Karls V., mit dem Frieden von Cateau-Cambrésis beendet.
Auf der Seite der Gegner Karls V. fand sich zeitweilig auch der Papst. Tragischer Höhepunkt war der „Sacco die Roma“, die Plünderung Roms, von 1527. Obwohl dies eine selbstständige Aktion von Söldnern war, die sich auf eigene Faust zu rächen gedachten, wurden die Exzesse dem Kaiser angelastet, da es sich um seine Truppen handelte. Auch die Abwehr der osmanischen Expansion fällt in Karls Herrschaftszeit. Als die Türken 1529 Wien belagerten, war der Kaiser nicht vor Ort. Am Tunisfeldzug von 1535, der zu seinen Gunsten ausging, nahm er persönlich teil.
Im Reich sah sich Karl V. mit den Ständen konfrontiert, die ihre Machtstellung ihm gegenüber auszubauen gedachten. Die ständischen Bestrebungen sind eng verwoben mit der Reformation. Die letztlich mit dem Auseinanderbrechen der Kirche verbundenen Vorgänge waren im Selbstverständnis Karls die wohl schwerste Hypothek seiner Herrschaft. Mit der von ihm angestrebten Universalmonarchie waren sie nicht vereinbar. 1521 war er beim Reichstag selbst auf Martin Luther getroffen. Mittels des „Wormser Edikts“ verhängte er die Reichsacht über ihn. Innerlich überzeugt verteidigte er den Katholizismus. Den durch protestantische Fürsten geformten Schmalkaldischen Bund konnte er zwar 1547 in der Schlacht bei Mühlberg schlagen, rückgängig zu machen war die Reformation jedoch nicht.
Den Augsburger Religionsfrieden von 1555, den sein Bruder Ferdinand mit ausgehandelt hatte und der die konfessionelle Spaltung besiegelte, mochte er nicht unterzeichnen. Völlig ungewöhnlich legte Karl V. 1555/56 seine Ämter nieder. Bis zu seinem Tod im September 1558 führte er ein abgeschiedenes Leben in Spanien, im Kloster von Yuste. Wie sehr ihn die Frage der Religion bewegte, zeigt sein letzter Brief an seinen ältesten Sohn und Nachfolger in Spanien, den Begründer der spanischen Linie des Hauses Habsburg Philipp II. Er befehle ihm „als sein liebender Vater … als Wichtigstes und Hauptsächliches, daß die Ketzer vernichtet und bestraft werden … ohne Ausnahme und ohne Barmherzigkeit“. Karls Nachfolger als Kaiser wurde sein Bruder, der  Herrscher in den habsburgischen Erblanden und Begründer der öster­rei­chi­schen Linie des Hauses Habsburg Ferdinand I. Der unter Karl V. in einer Hand vereinte umfassende Machtbereich der Dynastie war wieder zerfallen.
Obwohl nicht selten Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten, sind bis heute viele Fragen im Zusammenhang mit Karl V. offen. Umstritten ist allein schon die Frage, ob der Habsburger vornehmlich noch als mittelalterlicher Herrscher mit Ritter-Leitbild oder – unter ihm entstand unter anderem das erste deutsche Strafgesetzbuch, die Constitutio Criminalis Carolina – eher als Wegbereiter der Moderne gesehen werden muss.    Erik Lommatzsch


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