»Jetzt zuhören!«

Verdienste um Wolfskinder und Vertriebene: LO-Kulturpreisträger 2019, Christopher Spatz, im Interview

11.04.19
Aussiedlerinnen in Friedland 1957/58: Ein Lagermitarbeiter hat der jüngeren Frau (l.) eine Elchschaufelnadel an der Jacke befestigt. Auf diese persönliche  Weise begrüßte der selbst aus Ostpreußen stammende Mann in Friedland über 25000 ostpreußische Landsleute Bild: Fritz Paul

Auf dem Jahrestreffen der Landsmannschaft Ostpreußen (LO) in Wolfsburg am 11. Mai erhält Christopher Spatz den Ostpreußischen Kulturpreis verliehen. Der Bundesvorstand würdigt mit seiner Entscheidung den langjährigen Einsatz, mit dem Spatz die Schicksale der Wolfskinder erforscht hat. PAZ-Redakteurin Manuela Rosenthal-Kappi sprach mit dem promovierten Historiker über seine Arbeit, den aktuellen Stand der Entschädigungsverfahren und sein neues Buch zum Grenzdurchgangslager Friedland.

PAZ: Herr Spatz, was bedeutet es für unsere Erinnerung, wenn es in absehbarer Zeit niemanden mehr gibt, der Flucht und Vertreibung aus dem Osten selbst erlebt hat?
Christopher Spatz: Noch gibt es Zeugen der Kriegs- und Nachkriegsereignisse in Ostpreußen. Wir sollten ihnen jetzt zuhören. Ihre Schilderungen lassen das abstrakte Grauen von Zerstörung und Heimatverlust anschaulich werden. Wenn die Betroffenen eines Tages nicht mehr unter uns sind, schließt sich für uns ein wichtiger Zugang zu einer Vergangenheit, von deren Folgen unsere Gesellschaft bis heute geprägt ist.

PAZ: Für Ihre Doktorarbeit über die Wolfskinder haben Sie sich mit mehr als 50 Personen unterhalten, die zwischen 1930 und 1940 geboren wurden und die Nachkriegszeit im Königsberger Gebiet erlebten. Wie haben Sie es geschafft, so viele Mitwirkende zu finden?
Spatz: Mehrere Monate habe ich dafür benötigt, denn die infrage kommenden Menschen leben ja über die gesamte Bundesrepublik verstreut und haben in den meisten Fällen die Verbindung zu ihren Schicksalsgefährten verloren. Da sie in keiner besonderen Kartei verzeichnet sind, habe ich mithilfe regionaler Tageszeitungen und Heimatbriefen nach ihnen gesucht. Oft meldeten sich Dritte, die für mich den Kontakt zu einem Zeitzeugen herstellten. Ohne die Hilfe dieser engagierten Menschen wäre meine Arbeit nicht möglich gewesen.

PAZ: Ihre Interviewpartner mussten als Kinder viele schmerzliche Erlebnisse überstehen. Wie konnten Sie die Betroffenen überzeugen, ihre persönlichen und leidvollen Geschichten zu erzählen?
Spatz: Die meisten hatten vorher nie ausführlich von ihren Nachkriegserfahrungen berichtet. Als Heranwachsende haben sie seelischen Abstand zum Erlebten gesucht. Im hohen Alter verspüren jedoch viele einen zunehmenden Mitteilungsdruck, nicht zuletzt, um für ihre früh verstummten Schicksalsgefährten Zeugnis abzulegen. Außerdem hat sich die öffentliche Akzeptanz erhöht. Heute ist es etwas leichter als vor 20 oder 30 Jahren, über die Nachkriegsereignisse in Ostpreußen zu sprechen. Es droht nur noch selten schroffe Zurückweisung.

PAZ: Bei all dem Elend und der Demütigung haben Ihre Interviewpartner in jungen Jahren den dramatischen Wegfall aller Gewissheiten erfahren. Wie konnten sie dies als Kinder und Jugendliche überstehen?
Spatz: Ehrlicherweise muss man sagen, dass viele ihrer Gefährten daran zerbrochen sind. Unzählige Kinder sind in den Ruinen Königsbergs oder auf den zu Sowchosen umfunktionierten Gütern verhungert, andere beim Überqueren der Memel ertrunken oder beim Aufspringen auf Güterzüge abgerutscht und überfahren worden. Das Überleben hing oft vom Zufall ab. Mut, Durchhaltevermögen und Anpassungsfähigkeit waren aber in jedem Fall zwingend. Manche Betroffenen haben sich nach dem Abfallen der größten Anspannung, als sie endlich in Sicherheit waren, das Leben genommen. Die anderen entwickelten sich scheinbar normal, arbeiteten und gründeten eigene Familien. Erst im Laufe der Zeit wurden sie von ihren traumatischen Nachkriegserlebnissen eingeholt, etwa in Form unklarer Ängste oder immer wiederkehrender Kopf- und Rückenschmerzen.

PAZ: Haben Sie sich wiederholende Verhaltensmuster bei Ihren Gesprächspartnern bemerkt?
Spatz: Alle Gesprächspartner haben die einschneidende Erfahrung gemacht, sehr früh auf sich alleine gestellt gewesen zu sein. Infolgedessen sind sie bis heute hart im Nehmen, leistungsbereit, bescheiden, vorsichtig und zurückhaltend. Ausnahmslos alle Menschen, die ich für das Projekt interviewt habe, sind mental starke Persönlichkeiten.

PAZ: Eine finanzielle Unterstützung durch die Bundesrepublik Deutschland erhalten die Wolfskinder nicht. Immerhin hatten sie bis zum 31. Dezember 2017 die Möglichkeit, einen Antrag auf Entschädigung zu stellen, die PAZ berichtete mehrfach hierüber. Wie steht es um diese Verfahren?
Spatz: Sie haben recht, es gibt keine besondere Förderung für die ehemaligen Hungerüberlebenden aus Ostpreußen. Eine Entschädigung hat man ihnen lange verwehrt. Erst im Sommer 2017 hat die Bundesregierung den Betroffenen eine einmalige Zahlung von 2500 Euro in Aussicht gestellt. Voraussetzung für eine Anerkennung war individuell nachzuweisende Arbeit, die für eine ausländische Macht unter Zwang geleistet wurde. Obwohl die infrage kommenden Personen nur wenige Monate Zeit für die Antragstellung hatten, haben viele ehemalige Hungerkinder diese Möglichkeit genutzt. In den vergangenen Monaten sind die ersten von der Bundesrepublik Deutschland offiziell als Zwangsarbeiter anerkannt worden.      

PAZ: Es gibt allerdings auch Wolfskinder, deren Anträge vom Bundesverwaltungsamt abgelehnt worden sind. Andere beklagen sich darüber, dass sie ihre Anträge vor anderthalb Jahren gestellt haben, aber noch immer keinen Bescheid in ihren Händen halten. Wie verhält es sich mit diesen Fällen?
Spatz: Ich weiß von einigen wenigen negativen Bescheiden. Jene Antragsteller wollten sich nicht noch einmal der ganzen Wucht ihrer Erinnerungen aussetzen und haben deshalb besonders peinigende Tätigkeiten unerwähnt gelassen. Die Ablehnung dieser Anträge war korrekt, weil die Sachbearbeiter nur auf Grundlage der ihnen vorliegenden Angaben entscheiden können. Die Gesellschaft für bedrohte Völker rät hier allerdings zum Widerspruch, denn bei genauerem Hinsehen haben nahezu alle Mädchen und Jungen in den ersten Nachkriegsjahren in Ostpreußen Zwangsarbeiten leisten müssen; Arbeiten, die sie als Kinder in körperlicher und in seelischer Hinsicht über jedes durchschnittliche und vertretbare Maß hinaus geschädigt haben. Die lange Verfahrensdauer hat ihre Ursache in der unerwartet hohen Zahl eingegangener Anträge, über 46000, darunter befinden sich auch andere Schicksalsgruppen, etwa die Deutschen aus Russland, und zu knapp bemessene Sachbearbeiterstellen.

PAZ: Sie haben die Wolfskinder-Kampagne der Gesellschaft für bedrohte Völker im Jahr 2017 wissenschaftlich begleitet. Der Bundesvorstand der LO hat Ihnen den Ostpreußischen Kulturpreis unter anderem auch für Ihr Mitwirken am Zustandekommen der Entschädigungsregelung zugesprochen. Was bedeutet Ihnen diese Entscheidung?
Spatz: Die Entscheidung des Bundesvorstands erfüllt mich mit Dank, denn sie würdigt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Thema, das inhaltlich fordert und kein Selbstläufer war. Wenn ich den Preis am 11. Mai in Wolfsburg entgegennehme, werde ich an alle denken, die sich seit 1991 mit den Wolfskindern beschäftigt haben: als Wissenschaftler, Politiker, Publizisten, Filmemacher, Künstler, Heimatforscher oder Privatleute. Erst durch das Zusammenwirken dieser Kräfte sind die Schicksale der ostpreußischen Hungerüberlebenden ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen.

PAZ: Inzwischen haben Sie sich weiteren Themen zugewandt. Im Oktober 2018 ist Ihr neues Buch „Heimatlos. Friedland und die langen Schatten von Krieg und Vertreibung“ erschienen. Worum geht es bei diesem Projekt?
Spatz: „Heimatlos“ blickt auf das niedersächsische Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen. Der Ort erlangte Berühmtheit, als dort nach der Moskaureise Adenauers im Herbst 1955 die letzten Heimkehrer aus sowjetischer Gefangenschaft begrüßt wurden. Als westdeutscher Nachkriegsmythos strahlte Friedland fortan in alle Teile der Bundesrepublik. Es folgten Hunderttausende Aussiedler aus Schlesien, Pommern, dem südlichen Ostpreußen und dem Memelland. Über deren Nachkriegserlebnisse ist jedoch kaum etwas bekannt. Ich versuche dem Leser eine Ahnung davon zu vermitteln, was es für diese ostdeutschen Menschen bedeutete, sich viele Jahre nach Kriegsende zwischen Heimat und Nation entscheiden zu müssen.

PAZ: Wie sind Sie auf diese vernachlässigten Schicksale aufmerksam geworden?
Spatz: Im Stadtarchiv Göttingen bin ich auf Friedland-Fotos gestoßen, in denen ich einen besonderen Respekt für die abgebildeten Heimatlosen erkannte. Der Urheber dieser Bilder ist Fritz Paul, ein 1919 im Kreis Sensburg geborener Fotoreporter. Er lebt nicht mehr, doch seinen Sohn Christian habe ich kennengelernt. Auf dessen Dachboden in Braunschweig lagerte der eigentliche fotografische Nachlass seines Vaters. In alten Filmdosen entdeckten wir rund 6000 Negative, die im Lager Friedland aufgenommen, größtenteils aber nicht entwickelt und veröffentlicht worden waren. Mein Buch „Heimatlos“ enthält rund 85 dieser Aufnahmen. Sie bieten dem Betrachter überraschende Ansichten und nehmen ihn auf eine Zeitreise in die 50er Jahre mit.

PAZ: Das Lager Friedland ist bis heute in Betrieb. Über vier Millionen Menschen sind dort inzwischen registriert worden. Wie erinnert man ihrer angemessen?
Spatz: Wer in den Vertriebenen und Aussiedlern nur bedürftige Opfer sieht, verkennt, dass der Weg in den Westen keinesfalls ohne Durchhaltevermögen und festen Willen zu schaffen war. Statt Mitleid erscheint Würdigung angebracht. Sie schließt mit ein, dass man den Betroffenen die Deutungsgewalt über ihre Geschichten nicht entzieht. Denn Migrationsgeschichte, die von Eingesessenen geschrieben wird, klingt in der Regel immer anders als die von den Entwurzelten selbst erfahrene und festgehaltene. In vielen Teilen der Welt sind Menschen nach wie vor gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Wir dürfen uns daran nicht gewöhnen. Dass Menschen genötigt sind, ihr vertrautes Umfeld aufzugeben, ist kein Fortschritt. Es ist ein untragbarer Entwurzelungsprozess, der vielen bis an ihr Lebensende zu schaffen macht.


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