Kiew trotzt Russland mit eigener Kirche

Zusammenschluss zur Autokephalen Orthodoxen Kirche – Unterstützung von Kiew und Konstantinopel

07.01.19
Beim Festakt in der Kiewer Sophienkathedrale: Der neue Metropolit Epiphanius und Präsident Petro Poroschenko sprechen zu den anwesenden Gläubigen Foto: Imago

Mitte Dezember wurde in der Kiewer Sophienkathedrale mit staatlicher Unterstützung die dritte  Ukrainisch-Orthodoxe Kirche gegründet. Ob sie allerdings die Mehrheit der in der Ukraine lebenden orthodoxen Gläubigen und Kirchengemeinden hinter sich vereinen wird, ist ungewiss, da Mos­kau diese Kirche ablehnt.

Anders als im Westen, wo Religion und Kirche vom Staat getrennt sind, herrscht im Bereich der byzantinischen Kirche das Prinzip des Staatskirchentums. Deshalb hat jedes Land Osteuropas eine eigenständige, vom Ehrenoberhaupt in Konstantinopel anerkannte orthodoxe Kirche, mit einer Ausnahme: die Ukraine. Moskau hatte beim Patriarchen von Konstantinopel beim Zusammenbruch der Sowjetunion darauf hingewirkt, ein eigenständiges Kiewer Patriarchat, das sich 1992 gebildet hatte, nicht anzuerkennen. Moskau betrachtet die Ukraine als immer noch kirchenrechtlich russisches Territorium, denn das Russische Reich war einst 986 in Kiew mit der Taufe der Rus entstanden. Jetzt hat sich der Patriarch von Konstantinopel über Moskaus Einspruch hinweggesetzt und eine in Kiew in einer Synode gegründete Ukrainisch-Orthodoxe Kirche anerkannt. Die beiden bereits bestehenden ukrainisch-orthodoxen Kirchen fusionierten.
Die gemeinsame orthodoxe Kirche ist das letzte Band, das die Ukraine mit Russland verbindet. Beim Zerfall der UdSSR 1991 hatte sich die orthodoxe Kirche der Ukraine im Zuge der Unabhängigkeitserklärung des Landes bereits gespalten. Seither ringen die dem Moskauer Patriarchat unterstehende Ukrainisch-Orthodoxe Kirche und das 1992 gegründete Kiewer Patriarchat um die Vormachtstellung in dem Land. Mit  Staatspräsident Petro Poroschenko war auch der Staatspräsident dabei, um die neue Kirche aus der Taufe zu heben.
Die Synode beschloss die Vereinigung der 1992 von der Russisch-Orthodoxen Kirche getrennten Kirche des Kiewer Patriarchats (KP) mit der schon 1919 gegründeten selbstständigen ukrainischen Kirche (UAOK) zur Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche. Neues Kirchenoberhaupt wurde der erst 40 Jahre alte Bischof Epiphanius, Metropolit von Perejaslaw und Bila Zerkwa. Allerdings führt er nicht den Titel Patriarch, sondern weiterhin Metropolit. Der ehemalige Rektor und Professor der Kiewer Orthodoxen Theologischen Akademie (bürgerlicher Name: Sergej Dumenko) war bislang Sekretär und enger Vertrauter des bisherigen Oberhauptes des Kiewer Patriarchats, Patriarch Filaret. Der Patriarch von Konstantinopel bestand jedoch darauf, dass nicht Filaret selbst die neue vereinigte Kirche führen sollte, möglicherweise, um eine spätere Wiederannäherung an die russische Kirche nicht auszuschließen. Der bisherige Kiewer Patriarch dürfte allerdings auch in der neuen Konstellation faktisch die erste Autorität der Kirche bleiben, er gilt als der starke Mann hinter der jetzigen dritten Kirchengründung in Kiew. Seinen Titel Patriarch abgegeben hat der auch wegen seines Lebenswandels umstrittene Kirchenmann jedenfalls nicht, auch wenn es die Kirche, der er vorstand, jetzt offiziell nicht mehr gibt. Der neue Kirchenführer Epiphanius hat – anders als viele ältere ukrainische orthodoxe Kirchenführer – nicht in Russland studiert, sondern in der Ukraine und in Griechenland. Die neue ukrainische Kirche bleibt bis Januar unter nomineller Aufsicht des Patriarchen von Konstantinopel. Dann soll am orthodoxen Weihnachtsfest am 6. Januar in Konstantinopel die endgültige Schaffung der neuen Kirche durch einen Tomos (kirchlicher Unabhängigkeitserlass) vollzogen werden.
Die Ukraine will sich mit der Gründung einer eigenen orthodoxen Landeskirche nun auch im religiösen Bereich stärker von Russland abgrenzen. Der Konflikt in der Ukraine ist ein politischer und religiöser gleichzeitig. Die Ukraine galt schon in der Sowjetunion als die gläubigste aller Sowjetrepubliken. Obwohl dort nur 15 Prozent aller Sowjetbürger lebten, gab es in der Ukraine mehr orthodoxe Pfarreien und Gläubige als im ganzen Rest der Sowjetunion. Fast alle alt-russischen Wallfahrtsorte und die Mehrheit der Klöster liegen in der Ukraine.
Spätestens seit Beginn des militärischen Konfliktes mit Russland und dem Anschluss der Krim 2014 drängt die ukrainische Regierung auf eine eigenständige orthodoxe Kirche, unabhängig von Russland.  Die Gründung der Kirche gilt als bedeutender Schritt für die Unabhängigkeit des Landes. Ob die 12000 ukrainischen Pfarreien und rund 200 Klöster des orthodoxen Moskauer Patriarchats in die neue Kirche wechseln, ist jedoch mehr als fraglich. Nur zwei Bischöfe der 90, die die russische Kirche in der Ukraine hat, haben die Synode besucht. Das Moskauer Patriarchat hat aus Protest gegen die Gründung der eigenständigen ukrainischen Landeskirche seine Kontakte zum Ökumenischen Patriarchat vom Konstantinopel abgebrochen. Zudem verbot die russisch-orthodoxe Kirche ihren Gläubigen die Teilnahme an Gottesdiensten in dessen Kirchen.    Bodo Bost


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