Mehr als nur eine rheinische Frohnatur

Vor 100 Jahren wurde Walter Scheel geboren – Unter seiner Führung vollzog die FDP den Wechsel von der Union zur SPD

15.07.19
Singend auf einer Parteiveranstaltung: Altbundespräsident Walter Scheel im Jahre 1985 Bild: Imago/Jürgen Ritter

Im allgemeinen Gedächtnis geblieben ist Walter Scheel wohl am ehesten als kraftvoller Interpret des Volksliedes „Hoch auf dem gelben Wagen“. Als Höhepunkt seiner Karriere gilt die Amtszeit als vierter Bundespräsident. Sein langes politisches Wirken war allerdings wesentlich facettenreicher.

Walter Scheel, der am 8. Juli 1919 im bergischen Höhscheid, das heute zur Stadt Solingen gehört, geboren wurde, stammte aus eher einfachen Verhältnissen. Sein Vater war Stellmacher. Nach dem Abitur absolvierte er eine Lehre bei der Volksbank. Geplant war ein anschließendes Studium der Wirtschaftswissenschaften. Scheel wurde allerdings mit Beginn des Zweiten Weltkrieges eingezogen. Er diente bei der Luftwaffe, zuletzt als Oberleutnant. Die NSDAP führte ihn in ihrer Mitgliederkartei.
Nach kurzer britischer Kriegsgefangenschaft stieg er in die Rasierklingenfirma seines Schwiegervaters ein. Später war er Teilhaber und Geschäftsführer der Düsseldorfer Firmen „Intermarket“ und „Interfinanz“, die in den Bereichen Marktforschung und Unternehmenstransaktionen tätig waren.
Vor allem anderen aber prägte das Leben Scheels die Politik. Bereits 1946 war er der FDP beigetreten. Für den Protestanten spielten hierbei wohl auch konfessionelle Gründe eine Rolle. Zwei Jahre später saß er im Solinger Stadtrat. 1950 wurde er Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen, wo er wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion war. 1956 gehörte er zu den sogenannten Jungtürken, die in Düsseldorf den Koalitionswechsel der Liberalen von der CDU zur SPD betrieben. Anlass war das drohende Grabenwahlsystem, das Bundeskanzler Konrad Adenauer und die Union gern installiert hätten und das für die FDP mit einem massiven Mandatsverlust verbunden gewesen wäre. Der Koalitionswechsel in Nordrhein-Westfalen hatte zur Folge, dass eine Reihe von FDP-Bundestagsabgeordneten, darunter alle Bundesminister, ihrer Partei den Rücken kehrten und Adenauer im Bundesrat die Mehrheit verlor.
Scheel hielt es nicht in der Landespolitik. Seit 1953 verfügte er über einen Sitz im Bundestag. Im Unterschied zu den meisten anderen Liberalen hatte er Europa im Blick. Von 1955 an war er Mitglied der „Gemeinsamen Versammlung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“. Als er 1961 dort ausschied, fungierte die Institution bereits unter dem Namen „Europäisches Parlament“.
In jenem Jahr erfolgte für Scheel ein Karrieresprung. Nach der Bundestagswahl musste Adenauer wieder mit der FDP koalieren. Scheel wurde ins Kabinett berufen. Er übernahm das neu errichtete „Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit“. Bis auf die Unterbrechung durch die „Spiegelaffäre“ Ende 1962 – damals verließen die FDP-Minister kurzzeitig die Regierung – blieb er bis 1966 im Amt, also auch unter Adenauers Nachfolger Ludwig Erhard. Am Ende von dessen Kanzlerschaft hatte Scheel entscheidenden Anteil, verweigerte er doch mit den anderen Liberalen die Zustimmung zu Steuererhöhungen. Die FDP schied aus der Regierung aus. Erhards Nachfolger Georg Kiesinger bildete eine Große Koalition, die FDP fand sich in der Opposition wieder.
Scheel war damit zwar nicht mehr Bundesminister, von einem Karrierebruch kann allerdings kaum die Rede sein. Er amtierte als Bundestagsvizepräsident. 1968 übernahm er in der Nachfolge von Erich Mende den Vorsitz der FDP. Dies gilt als Wegmarke in der Parteigeschichte. Der nationalliberale Flügel war zurückgedrängt, dominierend wurde in der Folgezeit eine sozialliberale Ausrichtung.
Scheel zeigte seine Präferenzen bei der Bundespräsidentenwahl vom März 1969. Dort unterstützte er den SPD-Kandidaten Gustav Heinemann. Das äußerst schlechte FDP-Bundestagswahlergebnis vom September jenes Jahres – die Partei kam lediglich auf 5,8 Prozent – quittierte er mit dem Satz: „Die Verantwortung trage ich allein.“ Die knapp sechs Prozent reichten jedoch, um als Königsmacher zu fungieren. Gemeinsam verfügten die Liberalen und die SPD über die absolute Mehrheit im Bundestag. Mit dieser Mehrheit wurde Willy Brandt im Ok­tober 1969 zum Bundeskanzler gewählt.
Scheel übernahm das Außenministerium und die Vizekanzlerschaft. In seine Amtszeit fällt die Umsetzung der Neuen Ostpolitik, etwa mit dem Moskauer und dem Warschauer Vertrag von 1970 sowie dem Prager Vertrag von 1973. Durch das Überreichen des etwas hilflos wirkenden „Briefes zur deutschen Einheit“ an die Sowjets wollte Scheel demonstrieren, dass man trotz allem an diesem Ziel festhalte. Der Brief hatte nicht zuletzt die Funktion, einem Einspruch des Bundesverfassungsgerichts gegen die in der Bundesrepublik umstrittenen Verträge vorzubeugen.
Nach dem Rücktritt Brandts als Bundeskanzler im Mai 1974, der Scheel in seiner Funktion als Vizekanzler für knapp zehn Tage zum Regierungschef der Bundesrepublik machte, kam es zum Postenwechsel. Sozial- und Freidemokraten wählten im Bundestag Helmut Schmidt von der SPD zum Kanzler und in der Bundesversammlung, wie schon länger geplant, den FDP-Kandidaten Scheel zum Bundespräsidenten.
In Abgrenzung zu seinem Amtsvorgänger, dem ernsten, pu­ri­tanischen, tief religiösen, moralisch anspruchsvollen, intellektuellen Gustav Heinemann, der sich bewusst als „Bürgerpräsident“ verstand, versah die Frohnatur, als die sich der „Krawattenmann des Jahres 1969“ mit seinem Mut zur Extravaganz und den zwar wenigen, aber dennoch schwer zu bändigenden Haaren gerne präsentierte, das Amt mit größerem äußeren Glanz. Trotzdem sagte er selbst, die Aufgabenzuschreibung „Hüter der Verfassung“ habe ihm immer besser gefallen als die Bezeichnung „Repräsentant“.
Er äußerte durchaus eigene Vorstellungen. So ließ er etwa nach der Bundestagswahl von 1976 erkennen, dass er eine Kanzlerschaft Helmut Kohls zu dieser Zeit favorisiert hätte. Als „politischer“ Präsident, der seinen Spielraum ausgeschöpft hat, gilt er jedoch nicht.
Der Terror der Rote Armee Fraktion (RAF) erreichte 1977 mit dem „Deutschen Herbst“ einen Höhepunkt. Scheels Ansprache für den ermordeten Hanns Martin Schleyer gilt vielen als Ausweis seiner Fähigkeit, den richtigen Ton zu treffen. Er selbst hätte gern für eine zweite Amtszeit kandidiert, doch er war kein Träumer. Einen Tag nachdem die Union, die in der siebten Bundesversammlung eine klare Mehrheit hatte, mit Karl Carstens einen eigenen Kandidaten aufgestellt hatte, gab er seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur bekannt.
Der Bonner Journalist Walter Henkels sagte über Scheel, man müsse „in seinen unzähligen Reden nach der Stelle suchen, wo er einen Menschen verletzte“. Unkonventionell wirkte der bis dahin jüngste Bundespräsident, nicht zuletzt wegen seiner Familienverhältnisse. Ein zu der Zeit schon erwachsener Sohn stammte aus erster Ehe. Seine zweite Frau, die Ärztin Mildred Scheel, hatte eine Tochter mit in die Beziehung gebracht. Zusammen bekamen sie eine weitere Tochter und adoptierten schließlich noch ein bolivianisches Waisenkind. Im Unterschied zu seinen Vorgängern verbat sich Scheel Briefmarken mit seinem Porträt.
Schon als Außenminister hatte er 1973 zugunsten der Behindertenhilfsorganisation „Aktion Sorgenkind“ mit musikalischer Unterstützung von Düsseldorfer Männergesangsvereinen für einen guten Zweck das Lied „Hoch auf dem gelben Wagen“ aufgenommen. Doch auch später gab Scheel das Volkslied bei öffentlichen Auftritten oftmals zum Besten. Das Stück erreichte in der Interpretation durch Scheel Platz fünf in den Single­charts, und bei einem Besuch des FDP-Politikers in Mali spielten die Gastgeber es als vermeintliche deutsche Nationalhymne. Scheel ertrug es mit Fassung.
Nach dem Ende seiner Amtszeit bekleidete er eine große Zahl von Ehrenämtern wie das des Vorsitzes in der Bilderberg-Konferenz. Im Alter von 97 Jahren ist Walter Scheel am 24. August 2016 in Bad Krozingen gestorben.    Erik Lommatzsch


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