Mit einem ironischen Blick

Lachen mit dem Autor – Karl Solger: Ein Philosoph des deutschen Idealismus aus der Uckermark

01.11.19
Hinterließ als Denker einige Spuren: Karl Solger Bild: Archiv

Die romantische Ironie ist einer der Kernbegriffe in der ästhetischen Theorie von Friedrich Schlegel. Einer, der in dieselbe Kerbe schlug, war der vor
200 Jahren in Berlin gestorbene Philosoph Karl Wilhelm Ferdinand Solger.

An Philosophen hat es dem Land der Dichter und Denker nie gemangelt. Besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Philosophie groß in Mode. Nach Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Schleiermacher und Georg Wilhelm Friedrich Hegel erklomm Ludwig Feuerbach den philosophischen Olymp. Wer hier mit aufsteigen wollte, brauchte viel geistiges Stehvermögen.
Einem jungen Philosophen aus der Uckermark hat die Zeit dafür nicht ganz ausgereicht: Karl Wilhelm Ferdinand Solger wollte den Olymp der Denker mit erklimmen. Aber sein hoffnungsvoll begonnener Schaffensweg wurde schon vor 200 Jahren jäh beendet. Da zählte er gerade 38 Jahre. Außer als Übersetzer und Ästhetiker glänzte er bis dahin vor allem mit seinen philosophischen Denkansätzen in der Geisteswelt und erntete sogar das Lob des Dichterfürsten Goethe. Allerdings blieben viele seiner Arbeiten unvollendet. Deshalb ist er heute weitgehend vergessen.
Allein seine früh begonnenen Übersetzungen aus dem Griechischen und seine „Vorlesungen über Ästhetik“ haben in der Wissenschaftswelt überlebt. Andererseits gibt es in der aktuellen Forschung Bemühungen, um seine vielgestaltigen philosophischen Denkansätze zur Religion, Metaphysik und auch über die „Theorie des Dialogs“ wissenschaftlich aufzuarbeiten.
Solger wurde am 28. November 1780 in Schwedt in der Uckermark geboren. Seine Eltern ermöglichten ihm einen weiterführenden Bildungsweg und den Besuch des Gymnasiums zum Grauen Kloster, an dem viele Geistesgrößen ihre erste Ausprägung erhielten.
Ab 1798 studierte er nacheinander in Halle und Jena vor allem Jura, klassische Philologie und im wachsenden Maße auch Philosophie. In Halle war er Mitglied der Freitag-Gesellschaft, die regelmäßig aktuelle Wissenschaftsthemen diskutierte. In Jena bildeten die Vorlesungen von Fried­rich Wilhelm Joseph Schelling einen Höhepunkt. Schelling hatte durch Vermittlung Goethes in Jena eine Professur erhalten, entwickelte sich hier zum philosophischen Hauptvertreter der deutschen Romantik und beförderte die philosophischen Neigungen von Solger maßgeblich. Unter dem  Einfluss Schlegels sollte Solger die Auffassung der „romantischen Ironie“, gemäß welcher der Autor über sein eigenes Werk lacht, weiterentwickeln.
Dazu gesellte sich in Jena die Mitgliedschaft in der Griechischen Gesellschaft von Johann Heinrich Voss, der durch die Übersetzungen von Homer und Vergil seinen Ruhm als unsterblicher Klassiker erworben hatte und auf dieser Grundlage engen Kontakt zu Goethe unterhielt. Voss und Solger wurden Freunde. Durch ihn wurde der Uckermärker zu seinen eigenen Übersetzungen aus dem Griechischen angeregt.
Solger unternahm ab 1802 Studienreisen in die Schweiz und nach Frankreich, wo er sich weiter vervollkommnete, und wurde an­schließend in den preußischen Staatsdienst übernommen. Er fungierte in der Kriegs- und Domänenkammer in Berlin als Referendar, betrieb weiterführende Studien und besuchte Lehrveranstaltungen von Johann Gottlieb Fichte. Später veröffentlichte der junge Gelehrte erste Übersetzungen des Pindar, promovierte 1808 über die sophokleischen Tragödien und brachte im selben Jahr seine zweibändige Übersetzung des Sophokles heraus, die ihm erste Bekanntheit in der Gelehrtenwelt und die Beachtung Goethes eintrug. Nun ging es Schlag auf Schlag.
Solger übernahm eine Lehrtätigkeit an der Universität in Frankfurt an der Oder, be­gann ein umfangreiches Werk über die Mythologie, das ihn über Jahre beschäftigte und unvollendet blieb, und wurde 1811 als aufgehender Gelehrtenstern, der mit vielen anderen Geistesgrößen einen re­gen Gedankenaustausch auf Augenhöhe be­trieb, an die junge Universität nach Berlin berufen, wo er sich mit seinen Erkenntnissen, Lehrveranstaltungen und Veröffentlichungen schnell zu einem geistigen Eckpfeiler der Bildungsstätte entwickelte.
Zwischendurch heiratete der Aufsteiger aus der Uckermark 1813 Henriette von der Groeben, Tochter eines preußischen Ma­jors. Dazu gesellte sich die enge Freundschaft zu Ludwig Tieck, der als Dichter deutsche Bekanntheit erlangte, später von Berlin nach Dresden wechselte und neben den Brüdern Schlegel als „Haupt der Romantischen Schule“ überliefert ist. In die Tieck- Freundschaft war auch Frau Solger eingebunden, die dem Dichter nach dem Tod ihres Mannes nach Dresden folgte.
Solger veröffentlichte seinen „Erwin. Vier Gespräche über das Schöne und die Kunst“, was aber nur in der Fachwelt Beachtung fand, betrieb mit Tieck einen engen Gedankenaustausch über die Shakespeare-Philologie sowie Fragen der Religion und der Ironie und brachte 1817 seine „Philosophischen Gespräche“ heraus, die ihm endgültig einen Platz in der ersten Reihe des deutschen Idealismus sicherten.
Er fungierte mehrere Jahre als Rektor der Berliner Universität und sorgte für die Berufung anderer berühmter Geister. Doch um die Gesundheit des philosophischen Hoffnungsträgers war es offenbar nicht gut bestellt. Er rezensierte noch die Vorlesungen August Wilhelm Schlegels über die dramatische Kunst und Literatur und starb am 25. Oktober 1819 mitten in der schöpferischen Arbeit. Er wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße beigesetzt und hinterließ neben seiner jungen Witwe und drei überlebenden Kindern mehrere unvollendete Schriften sowie einen umfangreichen Briefwechsel, der später von Karl Wilhelm Ludwig Heyse, dem Vater des Literaturnobelpreisträgers Paul Heyse, und Ludwig Tieck sowie Friedrich von Raumer herausgegeben wurden. 2008 gab es eine Neuedition seiner Sophokles-Übersetzung. Wenigstens so bleibt er uns in Er­innerung.    Martin Stolzenau/tws


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