Noch eine Runde auf der Geisterbahn

Von der Unschuld der Parteien, dem Friedrich aus der Besenkammer und einer errötenden Greta

04.01.20

Von Klaus J. Groth

Nun glauben Sie nur nicht, ab jetzt werde alles anders. Mit einer gewissen Lebenserfahrung verabschiedet man sich von dem Kinderglauben. Aber Hand aufs Herz, ist ein Jahreswechsel nicht doch immer mit ein ganz klein wenig Hoffnung auf Veränderung verbunden? Mit Veränderung zum Besseren, selbstverständlich? Alle Kraft kommt aus der Hoffnung. Und die werden wir brauchen. Weil nämlich alles bleibt, wie es ist. Es ist wie auf der Geisterbahn, in der zweiten Runde kennt man jedes Gespenst.
Na ja, vielleicht nicht jedes. Weil einige dann doch mal ausgewechselt werden. Manche, weil sie die Nase voll haben von Stänkereien und Intrigen. So wie die Andrea Nahles von der SPD. Die war von jetzt auf gleich weg. Und hat sich seitdem nicht mehr gemuckst. Möglicherweise, weil sie sich ganz gut auskennt mit eigenen Stänkereien und Intrigen.
Was die Genossen nun davon haben, steht auf einem anderen Blatt, darauf kommen wir später. Oder der Heinz-Christian Strache, Großtöner der FPÖ und in Sissis Heimatland Vizekanzler. Jedenfalls bis zur Ibiza-Affäre. Danach war er nicht mehr Vizekanzler, nur noch Großtöner. Aber immer noch in der FPÖ. Bis die Partei ihn kurz vor dem Jahreswechsel rausgeschmissen hat. „Für uns ist das eine Befreiung“, sagte sein Erbe im Parteiamt, der neue FPÖ-Chef und Ex-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer. Und dann listete er Straches Sündenliste auf: Ibiza, Spesenbetrug, Casino und noch etliches mehr aus der Latrine. Wie eben eine Partei ihre Hände in Unschuld wäscht. Einer war der Täter, alle anderen nicht. Daran wird sich auch im neuen Jahr nichts ändern.
Na schön, die sind jetzt erstmal weg vom Fenster. Das heißt allerdings nicht, dass die Abgänge nicht irgendwann mal wieder Neuzugänge sein können. Da gab es im abgelaufenen Jahr ein ganz erstaunliches Beispiel. Auf einmal stand Friedrich Merz in der Tür. Kam aus der Besenkammer und wollte stracks ins Kanzleramt. Mit einem kleinen Umweg über den CDU-Vorsitz. Beinahe hätte das sogar geklappt, aber auch nur beinahe. Immerhin hat er die Parteijugend hinter sich.
Die ist bei der CDU zwar nicht ganz so rebellisch wie bei der SPD, aber auch nicht zu unterschätzen. Die Jusos haben ihre Kandidaten durchgeboxt, die, na, Sie wissen schon und den, na Sie wissen schon. Diese Namen sollte man sich merken, zumindest für den Anfang des nun beginnenden Jahres.
Auch Klima werden wir wieder haben, doch, ganz bestimmt. Davon kann man gar nicht genug bekommen, jetzt, wo wir doch alle endlich Klimaretter werden dürfen. Über kein Weihnachtsgeschenk haben wir uns so freuen dürfen wie über die erhöhte Kohlenstoffdioxyd-Abgabe. Da kam Jubel auf, weil wir mehr berappen dürfen, als man uns zutrauen wollte. Sehen Sie, so funktioniert Volkserziehung. Das Volk wird zur Kasse gebeten und das Volk jubelte, als es das Klimapaket auspacken durfte. Da können die Chinesen mit ihren Umerziehungslagern und permanenten Gesichtskontrollen noch eine Menge lernen.
Es ist ja nicht so, dass bei uns überall die Daumenschrauben angelegt werden. Wenn bei uns auch nur der Ansatz eines leichten Drucks erkennbar wird, dann gehört der abgeschafft. So wie jetzt bei Hartz IV. Das wollen die Frau Sowieso und der Herr Sowieso von der SPD (deren Namen sollten Sie sich nun doch mal wirklich merken) nicht mehr. Das ist vorausschauend, denn wenn wir alle erst unser Grundeinkommen haben, benötigt kein Mensch länger das Folterwerkzeug namens Hartz IV.
Wie beruhigend, dass immer jemand aufpasst, dass ein anderer nicht überfordert wird. Beispielsweise durch Integrationskurse, zu denen die bayrische Landesregierung verpflichten wollte. Gewissermaßen als Gegenleistung für eine umfassende Grundversorgung. Das, so hat das Verfassungsgericht des Landes entschieden, sei dem grundversorgten Immigranten nicht zuzumuten. Denn so ein Integrationskurs greife „in innerpsychische Vorgänge der Meinungsbildung ein“. Mit anderen Worten: Wer mit einem archaischen Weltbild kommt, hat ein Recht darauf, es auch künftig zu pflegen.
Um noch einmal auf das Klima zu kommen – von dem sollten wir uns von Nebensächlichkeiten wie Hartz IV und Integration nicht abbringen lassen – es besteht eine geringe Hoffnung auf Veränderung. Nicht weil das Klima sich verändert, nach dem Gipfel von Madrid besteht da eher wenig Hoffnung. Aber vielleicht ändern sich die Akteure. Greta hat nun ein Alter erreicht, da werden auch andere Dinge interessant, nicht nur das Klima, Besuche beim Papst, Ehrungen wie der Alternative Nobelpreis, als „Person des Jahres“, die Goldene Kamera oder ein Sit-in im Intercity. Zum Beispiel Jungs könnten interessanter werden, wäre ja möglich.
Aber vermutlich wird Greta ein leichtes Erröten auch für eine Folge des Klimawandels halten und verlangen, dass dieses Phänomen auf die Tagesordnung der nächsten Weltklimakonferenz gesetzt wird. Wir hören schon ihre Anklage: „Wie könnt ihr es wagen, mich so in Hitze geraten zu lassen …?“ Wer würde es da wagen, auf eine ganz natürliche Erwärmung des Herzens hinzuweisen? Bestimmt keiner von den 20 000 Klimafunktionären des Klimazirkus.
Bei den Vertretern der weltumspannenden Firma „Heiße Luft“ ist noch kein nachlassendes Interesse an ihrer aufreibenden Reisetätigkeit zu vermerken. Bei „Fridays for Future“ allerdings scheint so langsam die Luft raus zu sein. Die jüngsten Aufmärsche glichen mehr Gruppenspaziergängen.
Vermutlich wird man 2020 auf diversen Schmutzkübeln den Deckel lassen. Schließlich steht nur eine Landtagswahl an, die zur Hamburger Bürgerschaft. Die Kommunalwahlen in Bayern und Nordrhein-Westfalen zählen nicht. Und Hamburg entscheidet lediglich zwischen Rot oder Grün, da kommt man ohne die Schmutzkübel aus, die vor den Wahlen in Mitteldeutschland im vergangenen Jahr fleißig geleert wurden.
Nach den Wahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen drängte sich allerdings der Eindruck auf, als habe die reichlich ausgeschüttete Gülle düngend gewirkt. So hatte man sich das nicht gedacht, als man der „Aktion Zeckenbiss“ Glaubwürdigkeit bescheinigte und die Links-Rocker von „Feine Sahne Fischfilet“ zum deutschen Kulturgut erklärte. Das ging gründlich daneben.
So, wenn Sie sich nun das verflossene Jahr ansehen, dann wissen Sie, wie das neue Jahr aussehen wird. Dazu benötigen Sie keine Kristallkugel und dafür müssen Sie auch keine Zeichen im Kuhdung deuten. Es bleibt, wie es ist. Selbst wenn, wie diesmal, ein neues Jahrzehnt anbricht. Etwas Besseres wird nicht geboten. Leider.


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Kommentare

sitra achra:
7.01.2020, 14:23 Uhr

Aus welcher Klapse sind denn diese fürchterlichen Verfassungsrichter in Bayern entsprungen? Die bayerische Verfassung bietet mit Sicherheit keine Rückendeckung für solche Fehlinterpretationen.
Migranten ist der Spracherwerb des Landes, in das sie emigrieren wollen, höchste Integrationspflicht. Wer das anders sieht, hat im Staatsdienst nichts verloren!


R. Ingo ST.:
5.01.2020, 20:01 Uhr

"Selbst wenn, wie diesmal, ein neues Jahrzehnt anbricht."
Sorry, aber diesmal bricht kein neues Jahrzehnt an. Erst nächstes Jahr ist's soweit!


Karl o/s:
4.01.2020, 10:52 Uhr

Danke , werter Herr Groth. Auch, weil sie einer der wenigen sind, die sich in der deutschen Geographie auskennen. Frohes Neues und Glückauf.


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