Pyrrhussieg im Vietnamkrieg

Das Gefecht am Hamburger Hill trug maßgeblich zur Demoralisierung der US-Amerikaner bei

27.05.19
Hohe Verluste auf beiden Seiten: US-Soldaten bringen einen verwundeten Kameraden zu einem Rettungshubschrauber Bild: Imago

Im Mai 1969 fand die letzte größere US-amerikanische Bodenoffensive während des Vietnamkrieges statt. Sie endete mit einem Pyrrhussieg der US-Truppen und ihrer Verbündeten und verstärkte die Kriegsmüdigkeit in den Vereinigten Staaten.

Während ihrer spektakulären Tet-Offensive von 1968 hatten die nordvietnamesischen Streitkräfte und die Guerillakämpfer der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams (FNL) das A-Shau-Tal im Grenzgebiet zwischen Laos und Südvietnam als Aufmarschgebiet genutzt. Von hier aus attackierten sie unter anderem die US-Stützpunkte in Hue und Da Nang. Deshalb führten die US-Amerikaner sowie Truppenverbände der Armee der Republik Vietnam (ARVN) zwischen April 1968 und März 1969 zwei „Säuberungsaktionen“ durch, um die Kontrolle über das Tal zu erlangen. Diese jedoch misslangen. Deshalb gab der Kommandeur des XXIV. US-Korps, General Richard G. Stilwell, schließlich den Befehl zu einer weiteren großangelegten Bodenoffensive in der Region. Im Rahmen dieser Operation Apache Snow sollten drei Infanteriebataillone der 101. Luftlandedivision „Screaming Eagles“ und zwei Bataillone der 1. ARVN-Infanteriedivision zum Einsatz kommen – alles in allem rund 1800 Mann.
Eine zentrale Rolle bei dem Angriff spielte die Hügelgruppe Dong Ap Bia. Sie besteht aus verschiedenen, fast 1000 Meter hohen Bergrücken, die von Regenwald und Bambusdickicht be­deckt sind. Dort vermutete die US-Aufklärung starke Feindkräfte. Und tatsächlich lauerten rund 1500 Soldaten des 29. nordvietnamesischen Infanterieregiments „Stolz von Ho Tschi-minh“ in den zahlreichen, gut ausgebauten und getarnten Stellungen oberhalb der Sohle des A-Shau-Tales. Die Elitetruppe unter dem Kommando von Oberst Ma Vinh Lan hatte am Angriff auf Hue teilgenommen und besaß große Erfahrungen im Nahkampf. Trotzdem glaubte Lieutenant Colonel Weldon Honeycutt, der Kommandeur des 3. Bataillons des 187. Infanterieregiments, er könne den als strategisch besonders wichtig geltenden Hügel 937 mit seinen Männern ohne weitere Unterstützung einnehmen und den Feind vor dessen Rück­zug nach Laos vernichten.
Also entsandte der Protegé von General William Westmoreland, dem früheren Oberbefehlshaber der US-Truppen in Vietnam, am 11. Mai 1969 alle vier Kompanien unter seinem Befehl mit Hubschraubern in Richtung der Anhöhe. Diese gerieten indes schon beim Erreichen der vorgesehenen Landezonen unter schweren Beschuss der Nordvietnamesen. Die Folge war ein heftiges mehrtägiges Feuergefecht. In dieses griffen bald auch die anderen vier Bataillone der US-Streitkräfte und der ARVN ein, während die Nordvietnamesen über den Ho-Chi-Minh-Pfad aus Laos Verstärkung erhielten.
Aufgrund des äußerst schwierigen Geländes und des hervorragend organisierten Widerstandes ihrer Gegner gerieten die GI immer mehr ins Hintertreffen. Viele ihrer Hubschrauber wurden mit Lenkraketen oder panzerbrechender Munition abgeschossen. Dagegen blieb der Einsatz der US-Artillerie und -Luftwaffe weitgehend wirkungslos oder führte gar wegen der Kleinräumigkeit des Operationsgebietes zu Verlusten unter den eigenen Leuten. So wurde Honeycutts Bataillon nicht weniger als fünf Mal von Kampfhubschraubern des Typs Bell AH-1 „Cobra“ angegriffen, wobei es sieben Tote und 53 Verwundete gab.
Am schlimmsten wüteten jedoch die nordvietnamesischen Mörser, deren Splittergranaten die Körper der Angreifer zerfetzten, also quasi in „Hackfleisch“ verwandelten. Deshalb nannten die US-amerikanischen Soldaten den Hügel 937 schließlich entnervt „Hamburger Hill“. Dieser Begriff ging dann auch durch die Presse, die ab dem 18. Mai in höchst kritischer Weise über das Abnutzungsgefecht berichtete.
Der überaus ehrgeizige Honeycutt, auf dessen Kopf die Soldaten-Untergrundzeitung „GI Says“ später eine Belohnung von 10000 US-Dollar aussetzte, wollte den Kampf selbst dann noch fortführen, als bereits 60 Prozent seiner Untergebenen gefallen waren oder Verwundungen erlitten hatten, darunter zwei der vier Kompaniechefs und acht der zwölf Zugführer. Das bewog den Kommandeur der 101. Luftlandedivision, Major General Melvin Zais, Honeycutt zu einer Reserveabteilung zu versetzen. Trotzdem nahm dessen stark dezimiertes 3. Bataillon am finalen Sturm auf den Hamburger Hill teil. Der erfolgte am 20. Mai 1969. Bis heute ist unklar, wer die Bergspitze nun eigentlich eroberte. Der offiziellen Darstellung zufolge waren das die Überlebenden von Honeycutts Verband. Gemäß späteren Aussagen von General Creighton W. Abrams, Nachfolger Westmorelands als Oberbefehlshaber der US-Truppen im Vietnamkrieg und Namensgeber des Kampfpanzers M1 „Abrams“, erreichte ein ARVN-Trupp den Gipfel bereits zwei Stunden vor den Amerikanern, wurde aber unter dem Vorwand zurückbeordert, dass ein nächster Artilleriebeschuss unmittelbar bevorstehe. Diese Aussage nährt den Verdacht, dass die US-Militärs den vermeintlich prestigeträchtigen Sieg notfalls auch ungerechtfertigt partout für sich beanspruchen wollten.
Prestigegewinn und Propagandaerfolg blieben jedoch auf ganzer Linie aus. Zwar war es den US-amerikanischen und südvietnamesischen Streitkräften in dem zehntägigen Gefecht gelungen, mindestens 630 Gegner zu töten, aber um den Preis von über 100 gefallenen und mehr als 400 zumeist schwer verwundeten GI und ARVN-Soldaten. Außerdem hatte die US Air Force 272 Kampfeinsätze zur Unterstützung fliegen müssen, in deren Verlauf 450 Tonnen Bomben und 69 Tonnen Napalm abgeworfen wurden. Und das alles, um – abgesehen von den dem Gegner beigebrachten Verlusten – einen Hügel einzunehmen, den Zais’ Nachfolger schon wenige Wochen später, am 5. Juni des Jahres 1969, wieder räumen ließ. Auch aus dem restlichen A-Shau-Tal zogen sich die US-Fallschirmjäger bald wieder zurück. Ebenso geriet die im Folgejahr durchgeführte Operation Texas Star zur finalen Erlangung der Kontrolle über die Region zu einem kompletten Fiasko. Daraufhin wagten es die Nordvietnamesen sogar, eine befestigte Straße durch das Tal anzulegen, die dann während der erfolgreichen Osteroffensive von 1972 besondere strategische Bedeutung erlangte.
Wenn das Gefecht am Hamburger Hill auch militärisch ausging wie das Hornberger Schießen, hatte es doch umso größere politische Folgen. Nach dem Bekanntwerden der Verluste nahm die Abneigung gegen den Krieg in Vietnam in der US-Öffentlichkeit erheblich zu. Die zunehmende Kriegsmüdigkeit in den USA führte schließlich zu deren Rückzug aus Vietnam, der sogenannten Vietnamisierung des Vietnamkrieges, dem Zusammenbruch des südvietnamesischen Regimes und der Vereinigung Vietnams. So wurde das Gemetzel vom Mai 1969 letztlich zu einem wichtigen Wendepunkt im Vietnamkonflikt.        
    Wolfgang Kaufmann


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