»Spatz« in der Museumshand

Regensburg gönnt sich ein neues historisches Museum – Das Thema Vertreibung kommt dabei nicht zu kurz

23.08.19
Trutzburg bayerischer Geschichte aus Glas und Beton: Regensburgs neues Museum Bild: Bauer

Seit Anfang Juni ist es eröffnet: das Museum der Bayerischen Ge­schichte in Regensburg. Aber wo­zu ein solches Museum? Nun, Bayern ist kein gewöhnliches Bundesland, sondern Freistaat. Dieses seit gut 100 Jahren währende Spezifikum (mit dem vorangegangenen Königreich) will das Museum sozusagen als Klammer für Bayern und seine jüngste Geschichte darstellen.

Wohl das größte Exponat steht im Foyer. Hier begrüßt eine aus alten Oktoberfestfotos bestens bekannte Figur die Besucher: Der über vier Meter große Löwe der berühmten Münchner Traditionsbrauerei hebt seinen mit dem Museumslogo gezierten Krug in die Höhe. Apropos Bierkrüge: In der Dauerausstellung und im Museumswirtshaus sind viele weitere Maß- und Halbekrüge bayerischer Brauereien zu sehen.
Die Geschichte Bayerns seit Herbst 1918 steht im Fokus des Museums. Doch auch die Zeit davor wird nicht ausgeblendet. Im Panoramaraum (360-Grad-Blick­winkel) erläutert per Video der Moderator und Kabarettist Christoph Süß – unterstützt von seinem Kollegen Christian Springer – die Entwicklung Bayerns von 100 nach Christus bis 1800.
Die napoleonischen Kriege brachten die Entstehung des Königreiches Bayern mit sich, einer konstitutionellen Monarchie. Hier setzt die Dauerausstellung in der ersten Etage an – mit Bildern der bayerischen Könige, die auf die bayerische Verfassung schworen. Deutlich wird bereits hier, dass die Verfassung in Bayern eine besondere Bedeutung hatte und bis heute hat.
Aber nicht nur die politische und mit Personen verbundene bayerische Geschichte kommt zum Tragen. Auch das ab dem 19. Jahrhundert entstehende Vereinswesen mit dem Engagement des Bürgertums wird ebenso dargestellt wie Projekte im Verkehrswesen (Eisenbahn, Schifffahrt/ Ludwig-Donau-Main-Kanal). Nicht zu vergessen die Kriege von 1866 und 1870/71 mit ihren politischen Auswirkungen.
Denn 43 Jahre später brach der Erste Weltkrieg aus. Persönliche Schicksale vermitteln hier be­klemmend, wie Frauen und Männer diesen Krieg erlebten. Zum Beispiel mittels eines Tanzfächers einer Krankenschwester, auf dem die Namen der Männer, mit denen die Dame bei diversen Veranstaltungen tanzte, aufgeschrieben wurden. Die Eintragungen der Tanzpartner enden 1914, später hat sie hinter viele Namen junger Männer ein Kreuz gemalt. Und die heute meist unbedacht ausgesprochene Redewendung „08/15“ gewinnt durch das seinerzeit im Krieg eingesetzte Maschinengewehr mit eben dieser Typbezeichnung eine ganz andere Bedeutung.
Die Revolution nach dem Ersten Weltkrieg und die Proklamation des Freistaats Bayern bilden einen ersten wichtigen Punkt der Ausstellung: Flugblätter, Zeitungsberichte und weitere Exponate vertiefen diese Zeitspanne von Herbst 1918 bis Frühjahr 1919. Ebenso wichtig ist den Museumsmachern die NS-Zeit. Diese Abteilung liegt ganz zentral, jeder Weg führt daran vorbei. Da ist der Globus, der auf Fotos vom Münchner Abkommen zu sehen ist, ebenso ausgestellt wie Spendendosen für das Winterhilfswerk oder der Häftlingsanzug des französischen Kommunisten Auguste Pineau.
Ein Jeep der US-Army dokumentiert die Stunde Null und das Rednerpult sowie der Teppich des Bayerischen Landtags von 1948 den politischen Neubeginn in Bayern. Zur Wirtschaftswunderzeit, in der die Bevölkerung mobil wurde, gehören natürlich die Autos und der Urlaub beziehungsweise Tourismus. Bis heute bekannte Fahrzeuge aus bayerischer Produktion stehen sauber nebeneinander da. Aber auch der „Spatz“, ein Kleinstwagen, der Ende der 1950er Jahre in der Vertriebenenstadt Traunreut gebaut wurde, ist mit dabei.
Apropos „Vertreibung“: Exemplarisch werden einige der Vertriebenenstädte in Bayern mit ihren Spezifika beschrieben. Zu sehen gibt es in der Bühneninszenierung „Made in Bubenreuth“ fünf Gitarren, die hier gefertigt wurden und es angesichts von Stars wie Elvis Presley, Paul McCartney oder Bill Wyman, die diese Gitarren spiel(t)en, quasi zu Weltruhm gebracht haben.
Angedeutet ist damit der vielfältige Instrumentenbau in früherer Zeit im Sudetenland, der sich nach der Vertreibung zum Beispiel im mittelfränkischen Bubenreuth erfolgreich fortgesetzt hat. Und was wäre das Einkaufen in Supermärkten ohne Einkaufswagen (stapelbare Einkaufskörbe), entwickelt von der aus dem Sudetenland stammenden Firma Wanzl. Auch diese findet im Mu­seum Erwähnung.
Und schon kommen wir in die Gegenwart. Beleuchtet werden die Olympiade 1972 in München, der Streit um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf und die seit Jahrzehnten staatstragende Partei CSU mit ihrem Übervater Franz Josef Strauß bis hin zur Flucht von zwei Familien aus der DDR im Ballon nach Naila. Zum Abschluss kann man aus einem Panoramafenster gleichzeitig einen Blick werfen auf Gegenwart und Vergangeheit mit den Überresten des Römerkastells sowie dem Regensburger Dom.
Neben diesem historischen Rundgang vertiefen sogenannte Kulturkabinette weitere Aspekte und Themen. Dabei geht es um die bayerischen Dialekte, Feste und Brauchtum, prägende Bauwerke in Bayern, bekannte bayerische Sportler, Kirche und Religion, Kultur („Mama Bavaria“, Spider Murphy Gang, Augsburger Puppenkiste, Bayreuther Festspiele und anderes), die bayerischen Regionen bis hin zu den Gemeinden und die Umwelt beziehungsweise Artenvielfalt.
Es ist Geschichte direkt, oftmals aus der Sicht des Bürgers, die mit 1000 Objekten (und vielen multimedialen Präsentationen) auf 2500 Quadratmetern und 40 Ge­schichtsbühnen vermittelt wird. 88 Millionen Euro hat der Bau gekostet, dazu kommen sieben Millionen Euro für die Ausstattung. Täglich (außer Montag) ist das Museum von 9 bis 18 Uhr geöffnet, ab Juli kostet der Eintritt für Erwachsene fünf Euro. Und ab dem 27. September erwartet die Besucher ein weiterer Höhepunkt: die Bayerische Landesausstellung zum Thema „100 Schätze aus 1000 Jahren“.    Markus Bauer


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