Stürmische Ostseemusiker

Die Baltic Sea Philharmonic spielt konzertantisch unkorrekt – Zu erleben im September auf Usedom

13.09.19
Werfen alle Konventionen über Bord: Dirigent Kristjan Järvi und seine jungen Philharmoniker Bild: BMEF/Peter Adamik

Frisch, frei, einzigartig. Junge Musiker aus dem Ostseeraum beflügeln mit einer musikalischen Revolution im Konzertsaal den Frieden unter den Nationen.

Stehende Ovationen wie auf Zuruf. Das Publikum feierte den Dirigenten Kristjan Järvi und das Baltic Sea Philharmonic auf ihrer „Midnight Sun“-Tour diesen Sommer in der Hamburger Elbphilharmonie genauso wie eine Wo­che zuvor schon in der Berliner Philharmonie. Die Musiker sind ein derart begeistertes Publikum inzwischen zwar gewohnt, doch selbstverständlich ist es nicht. Denn das Baltic Sea Philharmonic ist kein Orchester wie andere. Seine Konzerte sind modern und experimentell, überraschend und mit jeder neuen Produktion eine Reise in eine andere Welt. Kurzum: Der Baltic-Sea-Philharmonic-Stil ist einzigartig.
Irgendwann lagen lackschwarze Pumps unter dem Stuhl des ersten Cellisten. Die Konzertmeisterin hatte sich bei ihrem Auftritt in der Elbphilharmonie ihrer entledigt. Denn außer den sechs Cellisten hatten nur noch die Harfenistin und die Pianistin Platz ge­nommen. Alle anderen der insgesamt 63 Musiker standen. Solistin Mari Samuelsen trug zum Abendkleid gleich gar keine Schuhe, obwohl es für die norwegische Geigerin sogar Pausen zwischen den Auftritten gab. Das Orchester spielte ohne Unterbrechung, zwei Stunden lang, als wäre das Konzert ein einziger mitreißender musikalischer Strom.
Gründungsdirigent Kristjan Järvi wirbelt nicht nur die klassische Sitzordnung durcheinander. Auch die Kleiderordnung ist ge­lockert. Modern und farbenfroh soll es sein. Dazu gehört, dass sich der Klangkörper bewegt, rhythmisch über die Bühne tänzelt oder durch den Zuschauerraum schreitet. Am ausdrucksvollsten bewegt sich Järvi selber. Aus der Hocke schnellt er in die Höhe, seine Arme wirbeln nach rechts und links, seine Körpersprache ersetzt den Taktstock.
Notenständer stehen dabei nicht im Wege. Seit 2017 wird auswendig gespielt. „Auswendig zu spielen intensiviert die Kommunikation, schafft Leichtigkeit und ein großes Gefühl von Freiheit“, sagt Maximilian Procop, 28, aus Berlin. Der Bratschist ist seit 2016 dabei. Järvi entdeckte ihn beim MDR-Sinfonieorchester Leipzig, dessen Chefdirigent er von 2012 bis 2018 war. Procop machte dort ein siebenmonatiges Praktikum. Momentan hat er ei­nen Zeitvertrag bei der Magdeburgischen Philharmonie und noch ein Studiensemester vor sich.
Wie Procop sind auch die anderen Musiker in der Regel noch Studenten, alle so zwischen Anfang und Ende 20. Und obwohl ihnen kein Honorar gezahlt wird, sind sie mit voller Hingabe bei der Sache. Der große Spaß, den sie beim gemeinsamen Musizieren haben, steht ihnen ins Gesicht geschrieben.
Musik ist international. Schon Daniel Barenboim hatte mit seinem 1999 gegründeten West-Eastern Divan Orchestra, das zu gleichen Teilen aus israelischen und arabischen Musikern besteht, das Ziel, sich mittels Musik für friedliche Lösungen im Nahostkonflikt einzusetzen. Der Nahostkonflikt ist bis heute nicht gelöst. Doch durch gemeinsames Musizieren die Völkerverständigung zu fördern gehört zweifellos zu den erfreulichsten Mitteln.
Die Gründung eines neuen multinationalen Orchesters bewegte auch Thomas Hummel, Intendant des Usedomer Musikfestivals. Mit seiner Idee, der „Baltic See Pipeline“, der Gaspipeline durch die Ostsee, ein Baltic Sea Philharmonic Orchestra zur Seite zu stellen, konnte er die Nord Stream AG überzeugen. Seitdem stehen die besten jungen Musiker aus Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen, Russland und Schweden für die Zusammenarbeit und Verständigung der Ostseeländer.
„Schon mit dem ersten Konzert des neu gegründeten Baltic Sea Youth Philharmonic in Riga 2008 war klar, dass wir es hier mit einem Orchester mit einer un­glaublich starken Botschaft zu tun haben“, sagt Hummel rückblickend. Bis heute ist er Geschäftsführer und Nord Stream der Finanzier. Dass der Orchesterwelt dabei gleichzeitig frischer Wind um die Ohren weht, ist dem charismatisch-jungenhaften Gründungsdirigenten und Musikdirektor Järvi zu verdanken.
Der estnischstämmige Järvi kommt aus einer Dirigentenfamilie. Vater Neeme und Bruder Paavo gehören beide zu den Großen ihres Fachs. Kristjan, so kreativ wie geschäftstüchtig, ist neben Dirigent auch Produzent, Komponist, Arrangeur. Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, seine Aufführungen zu energiegeladenen, leidenschaftlichen Klangspektakeln zu machen, immer choreografisch angereichert, manchmal ergänzt durch Lichteffekte. Oder, wie Procop treffend bemerkt: „Es entsteht ein Hauch von Band auf der Bühne.“ Järvi hat sich den Ruf erworben, einer der „geschicktesten und innovativsten Programmgestalter der klassischen Szene“ zu sein. Seit den „Waterworks“ aus der Vorsaison verbindet sich sein Name eindeutig mit dem Begriff „Konzertshow“.
2016 umbenannt in „Baltic Sea Philharmonic“, realisierte das Orchester inzwischen über 100 Konzerte vor über 115000 Konzertbesuchern in 15 Ländern von Europa bis zu den Vereinigten Arabischen Emiraten. Zu der von Kristjan Järvi gerne als Bewegung begriffenen Orchesterfamilie ge­hören inzwischen an die 700 junge Musiker aus dem gesamten Ostseeraum.
Die nächste Orchester-Tournee „Divine Geometry“ konfrontiert barocke Meister mit den Riesen des amerikanischen Minimalismus. Mit dabei ist die US-Pianistin Simone Dinnerstein. Die Deutschlandpremiere eines großen neuen Werks von Steve Reich, einer der wichtigsten Komponisten der USA, ist einer der Höhepunkte der Tournee, die am
20. September bei den Meraner Musikwochen und am 21. September zur Eröffnung des Usedomer Musikfestivals in Peenemünde stattfinden wird. In die Elbphilharmonie werden das Baltic Sea Philharmonic und Kristjan Järvi mit einem weiteren neuen Programm am 5. September 2020 zurückkehren.    Helga Schnehagen


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