Teure Nieten

Ausbleibende Konsequenzen für Fehler von Vorständen oder Aufsichtsräten kosten Volkswirtschaft Milliarden

03.01.13
„Trio infernale“: Der Vorstand und der Aufsichtsrat des Berliner Großflughafens, Rainer Schwarz, Matthias Platzeck und Klaus Wowereit (v.l.), lassen den Steuerzahler die Rechnung für ihre Fehler übernehmen. Bild: M. Urban/dapd

Mittlerweile ist es über 20 Jahre her, dass Günter Oggers Manager-Schelte „Nieten in Nadelstreifen“ den Nerv der Zeit getroffen hatte und zum Bestseller wurde. Deutschlands Konzernzentralen als Sammelpunkt von „Versagern, Anpassern, Duckmäusern und Blendern“, so der damalige Tenor. Verfolgt man die aktuelle Diskussion um die Qualität der deutschen Führungskräfte, dann scheinen sich in den letzten 20 Jahren nur zwei Dinge geändert zu haben: das Management-Versagen hat noch größere Dimensionen erreicht und die Vergütungen sind weiter angestiegen.

So recht will die Entwicklung nicht zusammenpassen. Während Deutschlands Arbeitnehmer seit der Einführung des Euro stagnierende Reallöhne in Kauf nehmen mussten, haben sich die Bezüge der Vorstände der Dax-Unternehmen allein zwischen 2003 und 2011 verdoppelt. Gleich nach ihren britischen Kollegen zählen Deutschlands Konzernchefs mittlerweile zu den Top-Verdienern in Europa. Im Jahr 2011 wurden im Schnitt 4,3 Millionen Euro an Vergütungen gezahlt, so das Ergebnis einer Untersuchung des Beratungsdienstes Expert Corporate Governance Service (ECGS). Den Rekord-Vergütungen der Spitzenmanager stehen zwar oft auch sprudelnde Gewinne gegenüber, genauso aber auch oft Meldungen über krasses Versagen, die keine Auswirkungen auf die üppigen Vergütungen zu haben scheinen. Beredtes Beispiel war die Diskussion um Boni-Zahlungen bei Banken, die mit Steuergeldern gerettet werden mussten. Auch die Klassiker unternehmerischer Fehentscheidungen, die Engagements deutscher Konzerne in den USA wie Daimler, Deutsche Post und Telekom, hatten zwar Milliardenkosten zur Folge, selten aber personelle Konsequenzen. Dass die regelmäßig wiederkehrenden Mega-Flops systemische Gründe haben könnten, lässt die aktuelle Kritik des Bundesverbandes der Personalmanager erahnen.
„Viele Führungspositionen in deutschen Unternehmen werden mit den falschen Leuten besetzt“, so der Verbandspräsident Jo-achim Sauer gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Sauer sieht gleich mehrere Gründe. Zu häufig befördert werden Personen, die für Führungsposten nicht geeignet sind: reine Fachleute, besonders durchsetzungsstarke Persönlichkeiten oder aber diejenigen mit der längsten Firmenzugehörigkeit. Auf der Strecke bleiben dann oft genug Mitarbeiter, die eigentlich die bessere Besetzung wären. „Kompetenz, Empathie oder die Fähigkeit zur Reflexion spielen dabei kaum eine Rolle“, so Sauer.
Verschärft wird diese weit verbreitete Beförderungspraxis noch durch eine andere Entwicklung. Fehlentscheidungen und Versagen an der Spitze von Unternehmen ziehen oft keinerlei Konsequenzen nach sich. Werden zumindest die operativen Vorgaben erfüllt, dann ist schlechtes Führungsverhalten für 82 Prozent der Unternehmen kein Anlass, sich von dem betreffenden Mitarbeiter zu trennen, so das Ergebnis einer Studie der Hochschule Osnabrück. Im Zuge des demografischen Wandels und des drohenden Mangels an Fachkräften dürfte die Neigung vieler Firmen, „Arbeitgeberattraktivität“ zur Schau zu stellen, sogar noch weiter zunehmen. Noch mehr als jetzt dürften zumindest gegenüber der höheren Führungsebene selbst bei krassem Fehlverhalten beide Augen zugedrückt werden. Vor allem im Bankensektor scheinen bereits jetzt eklatante Fehlleistungen kein Grund für einen Karriereknick zu sein.
Die „Vollkasko-Mentalität“, die mittlerweile an der Spitze vieler größerer Konzerne um sich gegriffen hat, basiert auf einem einfachen Hintergrund. In der Praxis ist jegliches Korrektiv abhanden gekommen. Viele Aufsichtsräte, die eigentlich die Unternehmensvorstände beaufsichtigen und kontrollieren müssten, versagen in Deutschland regelmäßig. Und die Politik hat an der Entwicklung einen gewichtigen Anteil: Aufsichtsratsposten sind oft genug zu hochdotierten „Minijobs“ ohne jegliche Verantwortung mutiert. Mit der lukrativen Nebenverdienstmöglichkeit in Aufsichtsräten werden immer öfter auch Politiker versorgt. Entsprechend gering ist die Aussicht auf Änderungen der eingerissen Unsitten. In Reinkultur lässt sich das Zusammenspiel von versagendem Management und Absolution erteilenden Politikern derzeit im Aufsichtsrat von Deutschlands „peinlichster Baustelle“, dem Großflughafen Berlin-Brandenburg, beobachten. Weder eine Kostenexplosion um mehrere Milliarden Euro noch die mehrmalige Verschiebung des Eröffnungstermins haben der symbiotischen Beziehung zwischen dem Geschäftsführer der Flughafengesellschaft, Rainer Schwarz, und den „kontrollierenden“ Aufsichtsratsmitgliedern Klaus Wowereit und Matthias Platzeck bisher wirklich einen Abbruch tun können.
Die Problematik des regelmäßigen Versagens der Aufsichtsräte ist seit langem bekannt, eine Lösung allerdings kaum in Sicht. Zu hoch ist die Anzahl der Profiteure der jetzigen Zustände in den deutschen Aufsichtsräten, zu gering das Risiko, jemals für Versagen zur Verantwortung gezogen zu werden. Bis heute ist in Deutschland kein Mitglied eines Aufsichtsrats jemals für sein Versagen zur Verantwortung gezogen worden. Selbst die juristische Aufarbeitung der spektakulären Übernahme von Mannesmann Mobilfunk durch Vodafone im Jahre 2000 endet trotz einer Schadenssumme von rund 60 Millionen Euro für extrem hohe Abfindungen letztendlich mit einer Einstellung des Verfahrens gegen den Aufsichtsrat.  Norman Hanert


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Kommentare

Volker Hellige:
16.04.2013, 00:44 Uhr

Schon fasst 4Jahre arbeite ich auf der BER-BAUSTELLE für jetzt 7,50Euro und habe gesehen wie mit Steuergeldern umgegangen wurde(wie Steuergelder VERSCHWENDET WURDEN UND NOCH VERSCHWENDET WERDEN!!!! Ich werde bei den geringsten Fehler von meiner Firma ENTLASSEN,ohne eine SAFTIGE ABFINDUNG zu bekommen, und habe nachher schwierigkeiten einen neuen Job zu finden!!Warum wurden nicht alle VERANTWORTLICHEN DES BER-VIASKOS GEFEUERT ??? WERDEN ETWA VORHER NOCH ABFINDUNGEN AUSGEHANDELT,DAMIT DIE HERREN AUS POLITIK UND WIRTSCHAFT NOCH BELOHNT WERDEN FÜR DEN BER-SKANDAL???Dürfen in Deutschland diese HERRSCHAFTEN alles machen ohne für ihre Vergehen zur RECHENSCHAFT gezogen zu werden???Aber die JUSTIZ ist ja in so einen Fall Blind,weil DIE POLITIK MIT IN DEN FALL VERWICKELT IST(BUND U.LAND)Und hier zeigt sich mal wieder,daß unser Justiz diese MACHENSCHAFTEN DECKT UND SCHWEIGT!!!Man darf ja seine GÖNNER NICHT ZUR RECHENSCHAFT ZIEHEN,denn es lebt sich doch besser, WENN MAN NICHTS SIEHT,NICHTS WEISS und NICHTS HÖHRT!!!!Wann wacht die Justiz endlich auf und besraft den BER-LACHNUMMERNVORSTAND?? Aber das wird wohl nicht passieren,solange KORRUPTION IN POLITIK UND JUSTIZ besteht und nicht bekämpft wird??!!!Und solange werden noch weitere MILLIONEN STEUERGELDER AUF DER BER-BAUSTELLE IN DEN MÄRKISCHEN SAND GESETZ bzw VERSCHWENDET!!!!!


W. Scholz:
8.01.2013, 03:14 Uhr

Ganz meiner Meinung. Ich habe früher beim Dornier, München (damals Daimler zugehörig) an Sitzungen der 'Heeresleitung' teilgenommen. Was da an 'Ich weiß von Nix - und außerdem ist jemand anders schuld' gehört habe geht auf kein Pergament. Bis mir einmal der Kragen geplatzt ist und ich einem Oberfuzzi gesagt habe daß er genau wisse daß er etwas behauptet das so nicht stimmt. Darauf ist er vom Werksleiter angegangen worden. Der oberfuzzi hat mich darauf versucht zu mobben und ignorieren (beim Grüßen) aber das hat mich nur amüsiert. Meine Meinung über die Fähigkeiten des Managments ist nach diesen Teilnahmen auf NULL bis MINUS geschrumpft. Seither hat sich nichts gebessert (Ausnahmen bestätigen die Regel) - die Firma Dornier ist übrigens zu.
mfG W.S.
P.S. Nieten in der Personalabteilung sind noch tragbar aber nicht in Produktion und BWL!!! Und Finanz'wirtschaft' kann es per se nicht geben!


Kleiner Ketzer:
6.01.2013, 20:39 Uhr

Die im Artikel beschriebenen Mißstände werden auch dadurch verursacht, daß die größten Nieten oft in den Personalabteilungen anzutreffen sind.


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