Ungesunde Dauer-Diät

Siemens spaltet weitere Geschäftsfelder ab – Das Unternehmen strebt weg vom Mischkonzern

21.05.19
Nach seinen Vorstellungen sollen die Bereiche „Digitale Fabrik“ und „Intelligente Infrastruktur“ den künftigen Kern des Geschäfts der Siemens AG bilden: Vorstands­vorsitzender Joe Kaeser Bild: Imago

Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser will die Unternehmenssparte für Energie- und Kraftwerkstechnik aus dem Konzern herauslösen und an die Börse bringen. Bei Siemens hat es bereits eine ganze Reihe solcher Abspaltungen gegeben. Allerdings trennt sich der Münchener Technologiekonzern nun sogar von der Kraftwerkstechnik, einem traditionellen Kernbereich des Unternehmens:

Bereits bis zum 20. September des kommenden Jahres will Siemens seine Sparte „Gas & Power“ ausgliedern und an die Börse bringen. Einbringen will der Konzern in das neue Unternehmen auch die Windkrafttochter Siemens Gamesa, an der Siemens bisher 59 Prozent hält. Entstehen soll dann ein Börsenschwergewicht mit vermutlich 30 Milliarden Euro Umsatz und rund 88000 Beschäftigten.
Der geplante Börsengang reiht sich in eine ganze Kette von Abspaltungen von Unternehmensteilen ein. Der Münchner Technologiekonzern hat sich bereits aus der Herstellung elektronischer Bauelementen (Epcos), der Speicherchip-Herstellung (Infineon), der Computerherstellung (Fujitsu-Siemens Computer) und als Autozulieferer (Siemens VDO) zurück­gezogen. Ebenso Geschichte ist Siemens als Hersteller von Atomkrafttechnik. Im Jahr 2013 kam die Trennung von der Telefon­sparte. Im Jahr 2015 stieg Siemens bei „Bosch und Siemens Hausgeräte“ (BSH) als Hersteller von Waschmaschinen und Staubsaugern aus. Auch vom Leuchtenhersteller Osram hat sich Siemens inzwischen getrennt.
Die Aktivitäten im Windkraftanlagenbau hat der Konzern mit dem spanischen Unternehmen Gamesa zusammengelegt, die wichtige Medizintechnik-Sparte wird bereits separat geführt. Allerdings ist der Konzern bei Siemens Healthineers noch immer Hauptaktionär.
Ins Bild passend wurde vor Kurzem auch bekannt gegeben, dass Siemens und Airbus ihre gemeinsame Forschung zu hybridelektrischen Antrieben in der Luftfahrt vorzeitig beenden werden. Am Veto der EU-Kommission gescheitert sind die Pläne, die Siemens-Bahnsparte mit dem französischen Zughersteller Alstom zu fusionieren.
Nach den Vorstellungen von Siemens-Chef Kaeser sollen die Bereiche „Digitale Fabrik“ und „Intelligente Infrastruktur“ den künftigen Kern des Geschäfts von Siemens bilden. Kaeser will sich mit diesen beiden Bereichen auf die Automatisierung von Fabriken und die digitale Vernetzung von Gebäuden, Städten und ganzen Ländern konzentrieren.
Kaeser verbindet mit diesem Konzept die Erwartung, dass Umsatz und Rendite im Industriegeschäft schneller als bisher wachsen. Angepeilt wird, dass der Umsatz von Siemens mittelfristig jährlich um vier bis fünf Prozent zulegt. Die Umsatzrendite soll dabei auf 13 bis 14 Prozent steigen.
Die Strategie von Kaeser birgt allerdings auch Risiken. Mit der Ausrichtung auf die Digitalisierung von Industrie und Alltag fokussiert sich der Konzern ohne Zweifel auf ein wichtiges Zukunftsthema. Allerdings setzt Siemens damit auch alles auf eine Karte. Als Mischkonzern alten Zuschnitts konnte Siemens in der Vergangenheit auch das Risiko breiter streuen. Steckte ein Geschäftsbereich im Tief, dann konnte dies in der Bilanz von anderen Bereichen ausgeglichen werden, die besser laufen.
Diese Ausgleichsmöglichkeit wird mit jeder Abspaltung von Geschäftsfeldern immer geringer. Hinzu kommen Kostenvorteile in gut geführten Mischkonzernen, wenn verschiedenen Sparten auf gemeinsame Ressourcen, etwa in der Verwaltung oder bei Forschung und Entwicklung zurück­greifen können.
Allerdings ist auch das Konzept „Mischkonzern“ keine Garantie für Erfolg. General Electric, der große Siemens-Rivale, befindet sich derzeit in einer tiefen Krise. Im Fall des US-Konzerns lautet der Vorwurf, er habe zulange an alten Strukturen festgehalten.
Kritische Beobachter sehen bei den Siemens-Plänen eine andere Gefahr. Der Wille nach radikaler Verschlankung könnte dazu führen, dass dem Konzern künftig die notwendige kritische Masse fehlt, die ein weltweit aktiver Konzern ganz einfach braucht. Siemens könnte zunehmend die Kraft ausgehen, langfristig im notwendigen Maß noch in Forschung und Entwicklung zu investieren und auch große Übernahmen von anderen Unternehmen zu stemmen. Sollte Siemens eine solche Entwicklung nehmen, könnte der Konzern selbst ins Visier von Hedgefonds, Private-Equity-Firmen und aktivistischen Aktionären rücken, die dann eine endgültige Filetierung des Unternehmens vorantreiben.
Tatsächlich verliert Siemens mit den jüngsten Umbauplänen deutlich an Umsatz. Mit dem Börsengang der Energie- und Kraftwerkssparte trennt sich der Konzern von rund einem Drittel seines Umsatzes und einem Viertel seiner Belegschaft. Bislang ist die Zentrale der Energiesparte im texanischen Houston angesiedelt. Speziell am Siemens-Standort Erlangen gibt es Hoffnungen, dass die neue Energiegesellschaft Siemens „Gas & Power“ künftig von der fränkischen Stadt gesteuert wird.    Norman Hanert


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Kommentare

H. Schinkel:
21.05.2019, 15:49 Uhr

Leider ist diese Vorgehensweise zur Zeit typisch. Viele Firmen gehen diesen Weg, ebenso schon die erwähnte Firma Alstom.

Man versucht sich zu verschlanken, aber in Wirklichkeit ist es ein sterben auf Raten. Immer mehr Menschen verlieren so ihren Arbeitsplatz und Traditionsfirmen verschwinden vom Markt.

Josef Käser ist meiner Ansicht nach einer der schlechtesten Manager die die USA auf Deutschland losgelassen haben.


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