Weniger als ein Nullsummenspiel

Während die Regierung tausende Fachkräfte aus dem Ausland anwerben will, zeigt eine aktuelle Studie, dass allein im vergangenen Jahr hunderttausende Hochqualifizierte Deutschland den Rücken kehrten

03.01.20
Deutsche Auswanderer: Vor allem junge Akademiker kehren Deutschland vermehrt den Rücken Foto: Mauritius

Von Josef Kraus

Die Zuwanderung nach Deutschland soll für Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten leichter werden. Pro Jahr sollen es laut Bundesregierung rund 25 000 sein. Dazu hatte der Bundestag am 7. Juni 2019 das Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschlossen. 369 Abgeordnete stimmten dafür, 257 dagegen. Gefeiert wurde dies soeben Mitte Dezember mit einen „Fachkräftegipfel“ im Kanzleramt.
25 000? Da fällt einem eine andere Zahl ein: Binnen fünf Jahren sind rund zwei Millionen Migranten/Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Wären die erhofften 25 000 Fachkräfte, sieht man von rechtlichen Implikationen (Schutzstatus, Duldung usw.) ab, nicht aus den zwei Millionen rekrutierbar? Angeblich ja. Der spätere SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz (SPD) meinte 2015: „Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold.“ Daimlers damaliger Chef Dieter Zetsche dachte damals ähnlich: „Genau solche Leute suchen wir doch.“
Überzogene Erwartungen
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) als wissenschaftliches Institut der Bundesagentur für Arbeit wurde nicht müde, auf das angeblich hohe Bildungsniveau von Flüchtlingen und Asylbewerbern hinzuweisen. Ein Professor Herbert Brückner, tätig am IAB, meinte noch im August 2016 in der „Tagesschau24“, fast die Hälfte der jungen Flüchtlinge habe ein Gymnasium besucht. Woher diese Zahlen? Brückner hatte 123 Flüchtlinge befragt. Das ist alles andere als repräsentativ. Ganz zu schweigen davon, dass international längst nicht alles Gymnasium ist, was sich Gymnasium nennt.
Das ifo-Institut war von Anfang an realistischer: „Zwei Drittel der Achtklässler in Syrien haben 2011, also noch vor Ausbruch des Bürgerkrieges, nicht einmal ein Kompetenzniveau erreicht, das der untersten Stufe des Pisa-Tests entspricht ... Der Rückstand der jungen Syrer entspricht vier bis fünf Jahren Schulbildung.“ Das heißt: Sie bewegen sich auf Grundschulniveau. Hans Werner Sinn, ifo-Chef bis 2015, konkretisierte dies: Bei seiner Abschiedsvorlesung sagte er: „65 Prozent der Bevölkerung in Syrien können die Grundrechenarten nicht.“ Sehr wenig Aussagekraft haben auch manche Diplome, die Zuwanderer mitbringen. Der Psychologe Heiner Rindermann von der Universität Chemnitz sprach Anfang 2016 davon, dass Flüchtlinge, die mit einem Ingenieursdiplom aus dem Nahen Osten kommen, eher auf dem Realschulniveau einzustufen sind.
Abwanderung von Qualifizierten
Nun also kommt das Fachkräftezuwanderungsgesetz, das pro Jahr 25 000 Qualifizierte nach Deutschland locken soll. Ein „braingain“ – ein Gewinn an „brain“, also Hirn und Verstand? Nein, denn dieser – wenn er denn kommt – Gewinn wird mehr als zunichte gemacht durch einen dauerhaft massiven „braindrain“, also einen Verlust an „brain“: 2019 wanderten rund 180 000 Deutsche aus. Deren Durchschnittsalter ist 32 Jahre; zu 76 Prozent sind es Akademiker, so eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung von Anfang Dezember 2019 mit dem Titel „German Emigration and Remigration Panel“. Seit 2001 sind daraus fast zwei Millionen Emigranten geworden. Deutschland ist längst kein Traumland für „Köpfe“ mehr, wenn sie in anderen Ländern weit mehr verdienen können, dort keine überbordende Bürokratie, keine hohen Sozialabgaben und Steuern haben.
Ansonsten darf man nicht vergessen, dass der Fachkräftemangel in Deutschland hausgemachte Gründe hat. Das sollte man mehr als 14 Jahre nach Antritt von mittlerweile vier Kabinetten einer Bundeskanzlerin Merkel nicht übersehen. Irrwege und Schlafmützigkeiten waren angesagt. Die „Rente mit 63“ wirkte massiv: 2017 ergab eine Auswertung des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), dass die Zahl der Beschäftigten im Alter von 63 bis 65 Jahren in der Branche nach Einführung der neuen Regelung um mehr als zwölf Prozent gesunken war. Über Vorruhestandsregelungen werden zudem pro Jahr hunderttausende Mitarbeiter qua Abfindung in Rente geschickt. Beides sind Maßnahmen zur Vergeudung von Wissen und Können.
Zudem ist das Bildungswesen von gewaltigen Schieflagen geprägt, die maßgeblich verantwortlich sind für einen Fachkräftemangel bei gleichzeitiger Pseudo-Akademisierung: Mitte der 1990er Jahre gab es in Deutschland pro Jahr eine Viertelmillion Studienanfänger, jetzt sind es mehr als eine halbe Million. Seit fünf Jahren haben wir mehr Studienanfänger als junge Leute, die eine berufliche Bildung anfangen. Jetzt haben wir in Deutschland 330 Berufsbildungsordnungen und 17 000 Studienordnungen. Auch das eine völlige Schieflage! Obendrein finden diese „akademischen“ Expansionen vor allem in den „Diskurs“-, also in den Geistes- und Sozialwissenschaften statt, die eher eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst oder im staatlich alimentierten Sektor der Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) garantieren, aber keine Fachkräftelücke schließen lassen.
Stellenabbau überall
Übersehen darf man auch nicht, dass sich Deutschland inmitten eines Abbaus (!) von Arbeitsplätzen befindet. Die Deutsche Bank will 18 000 Stellen streichen, allein in Deutschland eine „substanzielle Zahl“. Bei Continental sollen 20 000, davon 7000 in Deutschland, wegfallen, bei Siemens 10 000, bei VW 7000, bei Ford 5400, bei Thyssenkrupp 4000, bei Airbus „Tausende“ von 12 000, bei C&A 100 Filialen von 450. Auch das ist „braindrain“ – oft genug in die Arbeitslosigkeit. Und ausgerechnet jetzt will man vonseiten des Staates neue Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern anwerben.
Ein Kernproblem bleibt obendrein, auch wenn kaum jemand bereit ist, es auszusprechen: Die wirklich qualifizierbaren und qualifikationswilligen Migranten werden dringendst in ihren Herkunftsländern gebraucht, um ihr Heimatland voranzubringen. Alles andere wäre ein Stück Kolonialismus 2.0. Wie hieß das Motto doch? „Fluchtursachen bekämpfen“.

Josef Kraus war von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Zuletzt erschien „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ (Herbig 2017).


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Kommentare

Jan Kerzel:
8.01.2020, 22:45 Uhr

Wenn qualifizierte Leute gehen, dann machen sie das einzig Richtige. Die arbeitende Bevölkerung kann machen was sie will, sie wird dem Abkassier-, Verbots- und Gebotswahn der jetzigen und zukünftigen Regierung (schwarz-grün) nicht entkommen. Energiewende, Masseneinwanderung, CO2-Luft- Besteuerung, Deindustrialisierung, EU- und Euro-Hirngespinste werden neben den bereits bestehenden erheblichen Belastungen weitere finanzielle Opfer verlangen. Dies läuft letztlich auf eine Enteignung von Arbeit und Besitz hinaus,zusätzlich auf eine gravierende Einschränkung individueller Freiheit. Das Nötigste zur Reproduktion wird man der Bevölkerung allerdings lassen, den Ast sägt man sich nicht ab. Großteils hat die Bevölkerung, trotz intensiver medialer professioneller Kampagnen, aber kapiert, dass die Rechnung bei allen ideologischen Visionen und "Projekten" immer bei ihr hängen bleibt. Das schafft mittlerweile einen spürbaren Verdruss. Hohe Steuern und Abgaben, hohe Mieten, bescheidene Renten, unsinnige Auflagen in fast allen Lebensbereichen werden real erlebt. Welch ein Land! Welch eine Substanz wurde und wird gnadenlos an die Wand gefahren! Schade drum! Wer gehen kann, soll gehen, es wird sich nichts zum Guten ändern.


Fritz Vogtländer:
7.01.2020, 22:30 Uhr

Unser Land und unsere Wirtschaft wird von Merkel und ihren Vasallen planmäßig geschleift. Die übermächtige deutsche Konkurrenz muß zerstört werden. Zu diesem Zweck wurden schon zwei Kriege gegen uns entfesselt. Hat nicht dauerhaft geholfen. Mit Merkel hat man die beste Vollstreckerin, die für Geld zu kaufen ist, für diesen Plan installiert. Wie sagte Fischer als Außenminister einst? Die deutschen sind ein Problem, weil sie erfindungsreicher, fleißiger und disziplinierter sind als die anderen Völker, wird es immer wieder zu Ungleichgewichten kommen. Dem kann entgegen gesteuert werden, indem man so viel als möglich Geld aus Deutschland heraus leitet. Egal wofür man es verwendet, wenn man es pur verschwendenet, Haupsache die Deutschen haben es nicht. Anscheinend zeigte dies auch nicht die erhoffte Wirkung. So haben sich unsere Gegener entschlossen mit Hilfe der Merkel die wirtschaftliche Basis des Landes zu zerstören. Zur Sicherheit des Gelingens wird unser Land zusätzlich mit kulturfremden und bildungsfernen Migranten geflutet. Diese sogenannte Regierung erfüllt so Straftatbestände des Völkerrechts. Nur keiner interessiert sich dafür. Warum wohl?


Lothar Liedtke:
7.01.2020, 02:55 Uhr

Bisher haben meistens Männer dafür gesorgt das Staaten und Länder ruiniert wurden, meistens durch militärische Abenteuer. Seit der Merkel Kanzlerschaft in den letzten 14 Jahren, mit ihren verschiedenen befähigten, aber politisch korrekt besetzten Ministern, hat sich nun herausgestellt, daß Frauen Staaten und Länder ebenso erfolgreich an die Wand fahren können wie Männer. Ich vermute sogar noch viel nachhaltiger. Nun haben wir doch Gleichberechtigung, oder wie nun?


Dr. Dr. Hans-Joachim Kucharski:
6.01.2020, 10:48 Uhr

Die Verlautbarungen der Politik zu den angeblichen Vorteilen der Einwanderung wären eine Lachnummer, wenn sie nicht so schlimme Folgen für unser Land hätten. Dazu braucht man sich nur zu vergegenwärtigen, was zwei Millionen zusätzliche Hartz-IV-Empfänger (= 37 % aller) für unser Sozialsystem bedeuten. In diesem Zusammenhang wird beklagt, daß die Zuwanderung nicht in den Herkunftsländern abgestellt wird und die Fachkräfte auch in diesen Ländern gebraucht werden. Warum gilt diese Erkenntnis nicht auch für Deutschland? Die Politik läßt Qualifizierte fortgehen und schafft ein Gesetz, um Minderqualifizierte dafür hereinzuholen.
Viel schlimmer als die Aufnahme der vielen Unqualifizierten sind die Folgen der Auswanderung. Der Aderlaß durch qualifizierte Auswanderer – zu 76 % Akademiker, das werden kaum Soziologen oder Politologen sein – hat für unser Sozialsystem sehr gravierende Folgen, weil uns nicht nur hohe Steuern und Sozialabgaben entgehen, sondern sie vor allem für zusätzliche Arbeitsplätze sorgen können.
Die Gründe dieser Abwanderung liegen im Umgang mit den Leistungsträgern. Sie werden nicht nur als Melkkühe gesehen und behandelt, also auf alle nur erdenkliche Art unter dem Vorwand der sozialen Gerechtigkeit und Solidarität ausgenommen, sondern auch immateriell diskriminiert. Deswegen wurden beispielsweise Titel abgeschafft, weil sie angeblich nicht mehr in unsere Zeit passen. Auch der ‚Dipl.-Ing.’ wurde (durch Inflationierung) de facto abgeschafft. Das waren, im Gegensatz zu den Anwendern, die Leute, die technische Grundlagenforschung für Industriearbeitsplätze betrieben haben. Wie konsequent und subtil die Politik dabei vorgegangen ist, erkennt man auch daran, daß es ihr gelungen ist, geräuschlos den Briefschluß ‚Hochachtungsvoll’ abzuschaffen, weil es in einer klassenlosen Gesellschaft niemandem geben darf, dem Hochachtung zukommt.
Wieviel Verbitterung muß sich bei den Leistungsträgern aufgestaut haben, um sich zum Entschluß durchzuringen, ihr gewohntes Umfeld aufzugeben und ihr Glück in der Fremde zu suchen? Aber wenn sie in Scharen unserem Land den Rücken kehren, kann man ihnen nur zustimmen; sie sind so endlich konsequent, sich eine solche Behandlung nicht mehr gefallen zu lassen. Das ist völlig in Ordnung; unser Land hat es nicht besser verdient.
Der mit dem Fortzug der Qualifizierten verbundene Niedergang unserer Wirtschaft und unseres Sozialsystems vollzieht sich so schleichend, daß die Politik immer noch über die Entwicklung hinwegtäuschen kann und ihre linke Strategie nicht aufgeben zu brauchen glaubt. Irgendwann werden sich aber die Folgen die Behandlung der Leistungsträger für das Funktionieren unseres Sozialstaates nicht mehr vernebeln lassen. Bislang ist davon aber noch nichts zu erkennen.


sitra achra:
3.01.2020, 18:08 Uhr

Ja, nach der Pensionierung traut sich der Josef was. Hätte er diesen Elan doch weitaus nutzbringender während seiner Tätigkeit als Präsident des DLV gezeigt!


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