Wenn man einmal reich wär

Staatstheater Schwerin kämpft gegen Sparkurs an – Milchmann Tevje soll es bei den Festspielen richten

05.07.19
Tevje geigt allen seine Meinung: Szenenbild der Freiluftaufführung von „Anatevka“ vorm Schweriner Schloss Bild: Silke Winkler

Nach eisernem Spardiktat hat die Landesregierung in Schwerin ih­ren Kurs geändert und will mehr in Kultur investieren. Die Umsetzung jedoch bleibt abzuwarten, wie die Krise am Staatstheater Schwerin überdeutlich zeigt.

Jahrelang schwebte ein Damoklesschwert über der Theaterlandschaft von Mecklenburg-Vorpommern. Im Juni 2018 allerdings hatte die Landesregierung ihre umstrittene Theaterreform ad acta gelegt und mit Kreisen und Kommunen den Abschluss eines Theaterpaktes auf zehn Jahre vereinbart. Die gefürchteten Fusionen waren damit vom Tisch.
An der Umsetzung hapert es je­doch. Nach dem Pakt sollte es ab diesem Jahr für die vier Mehr­spartentheater in Rostock, Neubrandenburg/Neustrelitz, Vorpommern und Schwerin/Parchim jährlich 2,5 Prozent mehr Geld geben. Auch an Tarifsteigerungen auf dem Weg zum Flächentarif für die Theatermitarbeiter wollte sich das Land beteiligen.
Während sich der Theaterpakt noch im Stadium der „Umsetzung“ befindet, beschloss die Landesregierung diesen Juni, bereits weitere 150 Millionen Euro für kulturelle Zwecke, um in Rostock Träume wahr werden zu lassen: die Bundesgartenschau 2025, den Neubau des Volkstheaters und eines Archäologischen Landesmuseums. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) sagte: „Rostock ist die größte Stadt und das wirtschaftliche Zentrum un­seres Landes. Deshalb brauchen wir eine enge Zusammenarbeit zwischen Stadt und Land, gerade auch bei größeren Projekten.“
Noch allerdings dominiert der Sparkurs. Besonders heftig wird dagegen am Staatstheater Schwerin rebelliert, seit Lars Tietje (51) vor knapp drei Jahren dort die Stelle des Generalintendanten und Geschäftsführers antrat. Sein Auftrag ist, die von Stadt und Land vorgegebenen Sparmaßnahmen, darunter den Abbau von 30 Stellen, umzusetzen. Seitdem herrscht ein Klima der Angst unter den 330 Beschäftigten. Zum Eklat kam es Anfang 2018, als Tietje seinen Schauspielern „ei­genmächtige politische Äußerungen“ beim Theaterball untersagte.
Verscherzt hat es sich Tietje auch mit Teilen des Publikums, weil er das Repertoire und damit den Spielplan des Sechs-Sparten-Theaters ausdünnte. Laut offizieller Theaterbilanz gab es in der Spielzeit 2017/2018 insgesamt 700 Vorstellungen, 160 weniger als in der Spielzeit davor. Aktuell soll ein Training der Führungskräfte die Kommunikation verbessern. Eine Mitarbeiterbefragung, aufgrund derer Externe ein Be­triebsorganisationskonzept erarbeiten, soll die Arbeitsabläufe optimieren. Von neuen Stellen ist nicht die Rede. Die Spiellust des Ensembles aber ist ungebrochen wie nicht nur die gelungene aktu­elle „Anatevka“-Aufführung zeigt.
Die Erkenntnis, dass Kultur als „Motor des Landes“ die ganze Region für Einwohner, Urlauber und nicht zuletzt Unternehmen attraktiver macht, ist nicht neu. Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern ziehen seit 1990 jährlich rund 100000 Musikfreunde an. Neben dem Festspielsommer vom 15. Juni bis 15. September – 2019 mit rund 150 Konzerten und über 20 Begleitprogrammen – gehören dazu auch die Advents- und Neujahrskonzerte und der Festspielfrühling auf Rügen, letztere zuletzt mit 4100 beziehungsweise 4800 Besuchern.
Ein Höhepunkt der Saison bleiben die mit großem Aufwand und viel Liebe inszenierten Freiluft-Schlossfestspiele in Schwerin mit bis zu 30000 Zuschauern pro Jahr. Diesen Sommer inszeniert Operndirektor Toni Burkhardt den Musical-Klassiker „Anatevka“. Seit Anfang April wurde dazu auf dem Alten Garten vis-à-vis vom Schloss gebaut und in den Gewerken des Mecklenburgischen Staatstheaters geschweißt, gesägt, genäht und gemalt. Das Ergebnis ist unter anderem eine Himmelskulisse auf einem 40 Meter langen Rundhorizont. Davor setzt eine 35 Meter breite und 25 Meter tiefe Bühne die eingängige Story für rund 1250 Gäste pro Vorstellung in Szene.
Bis zum 20. Juli werden bei jeder der insgesamt 20 Vorstellungen rund 100 Künstler das Publikum unterhalten: 60 Darsteller auf der Bühne und 40 Musiker im Orchestergraben. Die musikalische Leitung hat der aus Missouri/USA stammende Dirigent und Pianist Michael Ellis Ingram (34) übernommen. Für die Hauptrolle des Milchmanns Tevje, der dann und wann von einem kleinen Vermögen träumt – „Wenn ich einmal reich wär“ –, konnten die Schauspieler Ansgar Schäfer (52) und Gustav Peter Wöhler (63) engagiert werden.
Der auch als Sänger und Regisseur wirkende Schäfer ist einem breiteren Publikum durch seine Rollen in Fernsehproduktionen wie „Tatort“, „Der Bergdoktor“ oder „Soko Wismar“ bekannt. Der Wahlhamburger Wöhler gehört zu den bekanntesten Gesichtern auf deutschen Theaterbühnen. Wöhlers andere große Leidenschaft ist die Musik. Mit seiner „Gustav Peter Wöhler Band“ tourt er seit den 1990ern regelmäßig durch Deutschland. Im Januar 2018 feierte die Band, die mittlerweile Kultstatus erreicht hat, in der Hamburger Elbphilharmonie ihr 22-jähriges Bühnenjubiläum.
Eine zweite Freiluft-Spielstätte bildet diesen Sommer der Innenhof des Schweriner Schlosses, wo sich „Cyrano de Bergerac“ vom 27. Juni bis zum 20. Juli in 19 Vorstellungen aufmacht, das Herz der angebeteten Roxane zu erobern. Edmond Rostands auch mit Gé­rard Depardieu verfilmte Komödie ist seit über 100 Jahren ein Theaterklassiker. Die Choreografie der Fechtszenen hat Klaus Figge, Meister der Kampfkunst, übernommen. Figge arbeitet an Theatern und Opernhäusern von Berlin und Hamburg bis Wien und Zürich sowie für Film- und Fernsehproduktionen. Regie führt Alejandro Quintana, der unter anderem Schauspieldirektor am Volkstheater Rostock und Theater Heilbronn war.    Helga Schnehagen

Infos: www.festspiele-mv.de, Kartentelefon: (0385) 5918585; www. mecklenburgisches-staatstheater.de, Karten: (0385) 5300123


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