Zeitenwende im katholischen Brasilien?

Mit Vize Temer führt erstmals ein Sympathisant der Evangelikalen die Amtsgeschäfte des Präsidenten

30.05.16
Eine suspendierte Präsidentin, die sich als Atheistin bezeichnet, und ihr sie vertretender Vize, der sich als Katholik versteht: Dilma Rousseff und Michel Temer Bild: action press

Mit Michel Temer wurde erstmals ein Sympathisant der Evangelikalen (Interims-)Präsident Brasiliens. Damit könnte sich der Niedergang der katholischen Kirche im immer noch größten katholischen Land der Erde beschleunigen.


Bislang galt Temer nur als Mann der USA. Laut US-Dokumenten, die von der Plattforum Wikileaks veröffentlicht wurden, soll der nun die Amtgeschäfte führende Vize-Präsident Brasiliens seit einem Jahrzehnt US-Informant sein. Bereits im Jahr 2006 soll er sich regelmäßig mit hochrangigen US-Politikern getroffen haben, um ihnen Lageberichte über die Innenpolitik Brasiliens zu übermitteln. Schon damals soll er sich und seine Partei den Entscheidungsträgern in Washington als politische Alternative und Bundesgenosse angeboten haben. Bislang weniger Beachtung fand dagegen, dass Temer mit den Evagelikalen sympathisiert, denen im noch katholischen Brasilien die Zukunft zu gehören scheint.
Beim letzten Zensus vor einigen Jahren wurden in Brasilien 123 Millionen Katholiken gezählt – aber auch 42 Millionen Evangelikale, darunter 27 Millionen Pfingstler. Damit ist Brasilien das Land mit dem stärksten Wachstum der Pfingstkirchen, noch vor Nigeria und den USA. Ab dem Jahr 2030 soll es in Brasilien mehr Evangelikale als Katholiken geben.
 Die vom Senat jetzt suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff, die bulgarischer Abstammung ist, bezeichnet sich als Atheistin. Die letzte Präsidentschaftswahl hatte sie unter anderem gegen die vormalige Umweltministerin Marina Silva gewonnen, eine Evangelikale, die als treue Anhängerin der Bewegung Assembleia de Deus (Gottesversammlung) gilt. Rousseffs Partei, die von Luiz Inácio Lula da Silva gegründete Arbeiterpartei (PT, Partido dos Trabalhadores), verdankte ihren Aufstieg der katholischen Basisgemeindenbewegung. Diese ging aus der Theologie der Befreiung hervor und bot in der Zeit der Militärdiktatur bis 1985 dem damaligen Gewerkschaftler Lula da Silva die Möglichkeit, aus seiner linken Gewerkschaft die erfolgreichste Partei Brasiliens zu machen. Nach der Übernahme des Präsidentenamtes 2003 verbündete Lula da Silva sich jedoch mit den Evangelikalen, sodass der deutschstämmige damalige Kardinal von Rio, Eusebio Scheid, ihm 2005 vorwarf „kein Katholik, sondern ein Chaot“ zu sein.
 Der neue Interims-Präsident Temer ist für die meisten Brasilianer ein unbeschriebenes Blatt. Die libanesisch-maronitische Familie des 75-Jährigen wanderte 1925 in Brasilien ein. Er studierte Jura an der Päpstlichen Katholischen Universität in São Paulo. Obwohl er mit einem fast 50 Jahre jüngeren Fotomodell bereits in dritter Ehe verheiratet ist, versteht er sich als Katholik. Trotzdem verabschiedete er Papst Franziskus bei dessen Brasilienbesuch 2014 in eher kühler Weise. Den direkten Blickkontakt mit dem Pontifex vermied er. Als Verfassungsjurist hat er hinter den Kulissen im jetzigen Machtkampf zwischen den Institutionen und Rousseff die Strippen gezogen und sich dabei auf die politische Macht der Freikirchen verlassen. Die von den Evangelikalen dominierte Brasilianische Republikaner-Partei (PRB, Partido Republicano Brasileiro) hat zwar nur 21 Vertreter in der Abgeordnetenkammer, aber der Rückzug dieser Abgeordneten hatte im März die Regierungskrise ausgelöst, die nun zur Suspendierung der Staatspräsidentin führte.
 Engster politischer Weggefährte von Michel Temer in diesem Machtkampf war Parlamentspräsident Eduardo Cunha, auch er aktives Mitglied der Pfingstkirche Assembleia de Deus. Er symbolisiert am besten den zunehmenden Einfluss evangelikaler Politiker in Brasilien. Da die stärksten politischen Parteien in Brasilien nur etwa zehn Prozent der Stimmen bei Wahlen erreichen, spielen überparteiliche politische Fronten eine weitaus wichtigere Rolle. Bei dem Amtsenthebungsverfahren gegen Dilma Rousseff spielte die „Evangelikale Front“, eine parteiübergreifende Fraktion der Evangelikalen, die mit mittlerweile 180 Abgeordneten fast 40 Prozent der Parlamentsabgeordneten umfasst, mit 84 Prozent Zustimmung für die Amtsenthebung die wichtigste Rolle.
 Schon im Vorfeld der Absetzungskampagne von Präsidentin Rousseff hatten evangelikale Mitglieder der beiden Kammern des Nationalkongresses für deren Absetzung gebetet und gleichzeitig für die Machtübernahme durch Vize-Präsident Temer. Mit Bischof Marcos Pereira von der Universalkirche hat Temer ein prominentes Mitglied der derzeit einflussreichsten neopfingstlerischen Kirche als Wissenschaftsminister in sein neues Kabinett geholt, obwohl der Bischof wesentliche Elemente der Naturwissenschaft wie die Evolutionstheorie ablehnt. Auf das Sportministerium, das sie unter Rousseff innehatten, verzichteten die Evangelikalen. Im Jahr der Olympischen Spiele in Rio werden bald wieder Demonstrationen gegen das Megasportereignis erwartet, da könnte das Sportministeramt für die nächsten Wahlen eher von Schaden sein.    Bodo Bost


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