Anfang mit vielen Hindernissen

Als die ersten Freiwilligen 1956 in die Kasernen einrückten, gab es für die neuen Streitkräfte noch nicht einmal einen Namen

29.12.15
Unkleidsam und ohne Tradition: Die erste Generation der Bundeswehruniform stieß auf allgemeine Ablehnung

Als vor 60 Jahren die ersten Freiwilligen in die Kasernen einrück­ten, waren die neuen westdeutschen Streitkräfte noch namenlos. Das war nur einer von vielen Mängeln, welche den rasanten Aufbau der Bundeswehr begleiteten.

Schon der Anfang verhieß eigentlich nichts Gutes. Als am 12. November 1955 die ersten 101 Soldaten der neuen westdeutschen Streitkräfte in einer Kraftfahrzeughalle der Bonner Ermekeil-Kaserne ihre Ernennungsurkunden erhielten, war die Zeremonie selbst dem eingefleischten Zivilisten Konrad Adenauer zu schlicht. Besonders störte ihn, dass viele der Soldaten noch keine Uniform erhalten hatten und deshalb in Zivilkleidung antreten mussten. Dienst in Zivil, das war eine Erfahrung, die zunächst auch viele der ersten 1000 Freiwilligen machen mussten, die am 2. Januar 1956 in die Kasernen von Andernach (Heer), Wilhelmshaven (Marine) und Nörvenich (Luftwaffe) einrückten. Es gab nämlich noch nicht genügend Uniformen.
Aber auch wer eine Uniform hatte, war damit alles andere als glücklich. Und das war keine Nebensächlichkeit, sondern ein Politikum. Um die bewusste Abkehr von der preußisch-deutschen Militärtradition zu demonstrieren, mussten die Soldaten einen betont schmucklosen und unvorteilhaft geschnittenen Anzug tragen, der als „Affenjäckchen“ oder „Königin-Luise-Bluse“ verspottet wurde. Eine Hamburger Tageszeitung machte sich den Spaß, das Foto des Generalinspekteurs Adolf Heusinger in der neuen schiefergrauen Uniform neben das eines Straßenbahnschaffners zu stellen. Auf die Frage, welcher von beiden der General sei, tippte eine große Mehrheit auf den Straßenbahnschaffner. Seine Uniform zeigte eben deutlich mehr her als die des höchsten deutschen Soldaten.
Dass eine unscheinbare Dienstkleidung gerade einmal zehn Jahre nach dem Krieg bei der Bevölkerung auf mehr Akzeptanz stoßen würde als der sprichwörtliche Bunte Rock, erwies sich indes als folgenreicher Trugschluss. Nicht ohne Grund hatte der vormalige Chefuniformkundler im Oberkommando des Heeres gewarnt, eine Uniformkonzeption, „nur aus der Negation heraus geboren“, könne „niemals fruchtbar werden“. Tatsächlich stieß die der Bundeswehr verordnete vollständige Abkehr vom traditionellen Erscheinungsbild auf allgemeine Ablehnung. Die „neue Wehrmacht“, das war in den Augen vieler  der damals noch militärisch strukturierte Bundesgrenzschutz mit dem nur wenig modifizierten Viertaschenrock, den seit der Kaiserzeit getragenen Effekten und vor allem dem altbewährten Stahlhelm. Diese an das historische Vorbild angelehnte Uniform konnte als „Ehrenkleid der Nation“ gelten, nicht jedoch die unkleidsamen „Ami-Klamotten“ der Bundeswehr, die ihren Träger der Lächerlichkeit preisgaben. Dennoch kam für die Väter der Bundeswehr ein Rückgriff auf nationale, allgemein akzeptierte Formen, Zeremonien und Symbole zunächst nicht in Frage. Sie haben es nicht verstanden, mit derartig einfachen, psychologisch geschick­ten Maßnahmen die Verbundenheit der damals noch überwiegend kriegserfahrenen Bevölkerung mit den Streitkräften zielgerichtet zu fördern. Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass Bewährtes übernommen werden sollte, weil es zur Tradition gehörte und ein Bekenntnis dazu positive Kräfte freisetzen könne. So wurden bald einige Uniformdetails wieder eingeführt, auf dekorative Accessoires und überlieferte Standesinsignien aber bis heute verzichtet.
Auch sonst waren die Rahmenbedingungen für den Dienst in den Anfang 1956 noch namenlosen Streitkräften alles andere als perfekt. Wie sich die Soldaten der ersten Stunde erinnern, fehlte es an allen Ecken und Enden. Es war offenkundig, dass die Politik den Nato-Verbündeten zu vollmundige Versprechungen hinsichtlich des westdeutschen Wehrbeitrages gemacht hatte. Der forcierte Aufbau der Armee, die erst am 12. März 1956 den Namen Bundeswehr erhielt, war mit den zur Verfügung stehenden Mitteln kaum zu bewältigen. Dass ihre allzu ambitionierten Pläne dennoch zu großen Teilen umgesetzt werden konnten, hatten die Planer auf der Hardthöhe, die zu Adenauers Ärger „vor allem auf dem Gebiet der Aufrüstung völlig versagt hatten“, hauptsächlich dem Engagement der Soldaten in der Truppe zu verdanken. Der Begriff Mangel zieht sich durch alle Erzählungen von den Pioniertagen der Bundeswehr. Doch die zumeist kriegsgedienten Männer bewiesen, dass sie anpacken konnten und die Kunst der Organisation und der Improvisation beherrschten. Sie verwalteten den Mangel nicht, sondern sie bewältigten ihn.
Dabei waren die Widrigkeiten, die sie zu überwinden hatten, vielfältiger Natur. Ein Feldwebel berichtet, dass er und seine Kameraden erst einmal das Kasernendach flicken und zerbrochene Fensterscheiben ersetzen mussten, bevor sie die Stuben beziehen konnten. Bis die Unterkünfte halbwegs wohnlich hergerichtet waren, habe es Wochen gedauert. Weil das angeforderte Büromaterial ausblieb, habe jeder etwas von zu Hause mitgebracht, damit die Arbeit überhaupt aufgenommen werden konnte. Ein Marineoffizier erinnert sich mit Grausen an die ersten Monate in Wilhelmshaven: „Schmutzige und ungeheizte Unterkünfte, unzureichende Bekleidung und Ausrüstung, ausbleibender Wehrsold. Selbst in härtesten Kriegszeiten hatte ich solche Verhältnisse nicht erlebt. Es hat Jahre gedauert, bis ich meinen Entschluss, meinen Zivilberuf aufzugeben und wieder Soldat zu werden, nicht mehr bereut habe.“ Der damalige Major und spätere Viersternegeneral Gerd Schmückle fasst seine Eindrücke aus den Anfangstagen der Bundeswehr so zusammen: „Wir bekamen kein Geld in Andernach, wir hatten eine Bekleidung, die wirklich furchtbar schlecht war. Wir hatten allein an einem Wintertag 18 Erfrierungen – ich erinnerte mich an Moskau – und das mitten im Frieden. Wir hatten keine ärztliche Versorgung und für die Stube, in der, wie ich mich erinnere, sechs Leute saßen, wurden uns eintausend Mark abgenommen.“
Der Dienst in der frühen Bundeswehr war also nicht immer erbaulich. Auch schmerzte die Soldaten die allgemein fehlende Anerkennung ihrer Leistung. Während sie sich durch ihren Eid zu treuem Dienen verpflichtet hatten und unter strengem Kuratel von Politik und Beamtenbürokratie standen, fühlten sie sich von ihrem Dienst­herrn und weiten Teilen der Bevölkerung unverstanden, geringgeschätzt und sogar verachtet. Die schlechte Stimmung in der Truppe führte dazu, dass mancher ihr bei der ersten sich bietenden Gelegenheit den Rücken kehrte. Der erwähnte Marineoffizier berichtet sogar von zutiefst frustrierten Kameraden, die einfach nicht mehr aus dem Wochenendurlaub zurück­kehrten.
Aber das blieben Ausnahmen. Loyal und aus Überzeugung nahmen die Soldaten den Auftrag an, „aus den Trümmern des Alten wirklich etwas Neues wachsen zu lassen, das unserer veränderten sozialen, politischen und geistigen Situation gerecht wird“, wie es Bundesverteidigungsminister Theo­dor Blank einige Wochen zuvor  formuliert hatte. Ihre Pionierleistung ist historisch, schufen sie doch die Bedingungen für ein Leben in Frieden und Freiheit. Die von den Männern der ersten Stunde aus der Taufe gehobene Bundeswehr hat sich in den 60 Jahren ihres Bestehens als militärisches Instrument und verlässliche staatliche Institution vielfach bewährt. Jan Heitmann


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Kommentare

Hans Pfefferkorn:
17.04.2016, 11:10 Uhr

Ein Volk das seine Traditionen auf Geheiß der Besatzer wegwirft und sich ständig selbst verleugnet erhält am Ende auch solche Streitkräfte. Die Bundeswehr ist heute ein durch links-grün gegängelter Trümmerhaufen welcher durch die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht aus der Mitte unseres Volkes herausgerissen wurde.


sitra achra:
4.04.2016, 22:15 Uhr

Braucht man wirklich eine Armee ohne Bezug und Liebe zur eigenen Geschichte?
Eine Armee ohne Tradition und Ehre?
Eine Helotenarmee nutzt nur dem, der sie für seine Zwecke missbraucht.
Blücher und Nettelbeck,kommt heraus aus euren Gräbern, wir treiben die Besatzer aus dem Land!


Jan Kerzel:
8.03.2016, 17:58 Uhr

Der beste Satz im ganzen Artikel hier noch einmal zitiert:Schon der Anfang verhieß eigentlich nichts Gutes. Die BW hat bis heute ihre Identität als erweitertes THW. Respekt und Reputation blieben ihr versagt, innen und außen. Im NATO-Konzert spielt sie die kleine Flöte, dank der Finanzkraft der Bundesrepublik.
Eine Armee im klassischen Sinne wird sie nicht mehr. Unter Umständen geht sie in einer EU-Armee auf.


Hein ten Hof:
21.02.2016, 15:46 Uhr

Anmerkungen zum Ist-Zustand.
Und dann kam der gegelte Überflieger und bereitete dem Zauber ein Ende. Vermutlich erfüllte er seinen Auftrag. Anschliessend zog man seine Akte und bereitete ihm ein schmähliches Ende, vorläufig wohl auf standby.

Die Wehrpflicht wurde abgeschafft, jetzt "dienen" u.a. Muselmaninnen in der Truppe. Sicher mit Halal Verpflegung.
Truppenstärke ähnlich wie nach Versailles, in vielen Kasernen befinden sich neben dem Kindergarten reichlich Flüchtlinge, (ready to take over?).
Auslandseinsätze, noch und nöcher, da Deutschland schliesslich auch am Hindukusch verteidigt wird.
Ebenso u.a. im Kosovo, im Kongo, in der sudanesischen Krisenregion Darfur, in Mali, in Osttimor, in Äthiopien und Eritrea, in Syrien, so wie in Bosnien und Herzegowina.

Über 100 Soldaten verloren dabei ihr Leben.

Trotz alledem werden sie häufig als Mörder diffamiert und Deserteuren wird ein Denkmal gesetzt.

Nächstens werden sicherlich jede Menge "nicht Deutsche" als Soldaten verpflichtet.
Bislang konnten nach Paragraph 37 des Soldatengesetzes nur Deutsche Soldaten werden, wenn sie Deutsche im Sinne des Artikels 116 des Grundgesetzes sind.
Das ist wohl bald Geschichte denn der Einsatz im Inneren steht wohl bald vor der Tür und Deutsche schiessen ungern auf Deutsche.

Kauft Kämme, es kommen lausige Zeiten.


H. Schinkel:
6.01.2016, 04:34 Uhr

Naja, als ich 1986 meinen Wehrdienst abgeleistet habe sahen die Uniformen auch grausig hässlich aus. Speziell die "Ausgehuniform" war schämenswert. Da habe ich die Amis immer beneidet. Die sahen in ihren schneeweißen Uniformen wirklich gut aus.

Selbst heute finde ich die Uniformen der Bundeswehr grottenhässlich. Da wurde den Soldaten kein Gefallen getan.


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