Auferstanden als Ruine

Das Heidelberger Schloss wurde zum Markenzeichen der Stadt am Neckar – Wiederaufbau abgewendet

06.07.18
Ein Symbol weltweit geschätzter deutscher Ruinenromantik: Heidelberger Schloss Bild: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Günther Bayerl

Die Heidelberger bezeichnen ihr Schloss selbst als „berühmteste Ruine der Welt“. Gerade gehen hier die jährlichen Sommerfestspiele zu Ende.

Das imposante Bauwerk ist weltberühmt. Deshalb pilgern Jahr für Jahr geschichtsbewusste Touristen auf unterschiedlichen Wegen zu dieser Ruine empor, sei es über die Schlossstraße, den Klingenteich oder den besonders steilen „Kurzen Buckel“, auf dem es zu Fuß am schnellsten nach oben geht, der Besucher aber über 300 Stufen zu bewältigen hat. Wer die vermeiden will, nimmt die Bergbahn.
Das Heidelberger Schloss ist vor allem während der Sommermonate ein Anziehungspunkt erster Güte, und es sind nicht nur die Bauten, die eine eingehende Besichtigung wert sind. Faszinierend ist auch der Blick von der Schlossterrasse zum Neckar hin­ab oder hinüber Richtung Heiligenberg. Der weist eine reiche Geschichte auf, denn auf ihm hatten einst die Kelten gesiedelt, und die Überbleibsel des alten Mi­chaelsklosters lassen Gedanken an die Zeit der frommen Mönche aufkommen, die hier Jahrhunderte später beteten und arbeiteten.
Unzählige Touristen besuchen die Stadt Jahr für Jahr, vor allem während der in diesen Tagen endenden Schlossfestspielen mit Theater, Musicals und Konzerten. Die Festspiele wurde schon 1926 von Schauspielgrößen wie Werner Krauss oder Stefan George eingeläutet und wurden in den 1930er Jahren fortgesetzt, bis sie wegen des Kriegsausbruchs abgebrochen wurden.
In den 1950er Jahren erlebte das Freiluftspektakel eine kurze Wiederbelebung, aber erst 1974 wurde ein neues Konzept verwirklicht mit Sigmund Rombergs auf Englisch aufgeführtem Musical „The Student Prince“. Es basiert auf dem Schauspiel „Alt-Heidelberg“ von Wilhelm Meyer-Förster und richtete sich primär an die in Heidelberg stationierten GIs (Heidelberg war das Hauptquartier der US-Truppen in Europa) und ihre aus den USA herbeireisenden Landsleute, denn die jahrelang am Broadway aufgeführte Operette ist jedem US-Bürger geläufig. Nur sind die Besatzer von einst inzwischen aus der Stadt am Neckar abgezogen.
Das Schloss mit seiner effektvollen Kulisse ist dennoch Nummer eins der Heidelberger Se­henswürdigkeiten. Es weist eine reiche Historie auf, denn hier herrschte von 1353 an, dem Jahr des Regierungsantritts von Universitätsgründer Ruprecht I., bis ins 18. Jahrhundert die Pfälzer Linie der Wittelsbacher. Hinterließ ein Kurfürst keine Erben, konnte das politisch allerdings problematisch werden. Häufig kam eine Seitenlinie zum Zuge.
Die wesentlichen Bauten entstanden während dieser Periode. Betritt man den Schlosshof, er­blickt man links den Ruprechtsbau mit dem sagenumwobenen Kranz, den zwei Engel halten. Es soll sich dabei um die vor Jahrhunderten tödlich verunglückten Kinder des einstigen Baumeisters handeln. Daneben der etwas nach hinten zu versetzt gebaute Bibliotheksbau mit dem gotischen Er­ker. Er wird häufig als Kulisse für Aufführungen der Schlossfestspiele genutzt, vor einigen Jahren wirkungsvoll für die Dramatisierung von Umberto Ecos Bestsellerroman „Der Name der Rose“.
Neben dem Bibliotheksbau und dem Frauenzimmerbau mit dem geräumigen Königssaal breitet sich frontal der attraktive Fried­richsbau von Friedrich IV. aus, auf dessen zum Hof gewandter Fassade sich die Wittelsbacher Kurfürsten aufgereiht und in Stein ge­meißelt präsentieren. Unterhalb führt ein kleiner Weg hinab zum großen, in aller Welt berühmten Fass, das unlösbar verbunden ist mit dem Namen des trinkfreudigen Zwerges Perkeo. Rechts ne­ben dem Friedrichsbau – unterbrochen durch den zum Schlossaltan führenden Torbogen – schließt sich der schmale Gläserne Saalbau an mit den hübschen Arkaden des Pfälzer Kurfürsten Friedrich II., und im 90-Grad-Winkel erhebt sich die berühmte Renaissancefassade des Ottheinrichsbaus mit den oben postierten Steinfiguren. An dieses imposante Gemäuer schließen sich der Ludwigsbau und kleinere Bauten Richtung Schlossweinstube an mit dem idyllisch wirkenden Brunnenhäuschen.
Die weltweite Berühmtheit des Heidelberger Schlosses wurde durch Persönlichkeiten gefördert, denen die romantische Ruine eine Herzensangelegenheit war. An erster Stelle rangiert hier der legendäre Graf Charles de Graimberg (1774–1864). Der französische Emigrant, der 1810 am Neckar eintraf, setzte sich nach Kräften für den Erhalt des Schlosses ein, baute ein Kupferstichunternehmen auf und eine Sammlung zur Geschichte des Schlosses. Er wurde mit seinen bildhaften Darstellungen zum hoch motivierten Vermarkter der pittoresk am Berg gelegenen Burg und machte sie so in aller Welt berühmt.
Da hatten die Heidelberger, die sich nach Kräften an den überall herumliegenden Steinen bedienten, bereits einen Teil der Anlage abgetragen, aber der französische Refugié, der Schlosskonservator wurde und Begründer der städtischen Samm­lungen, die sich schließlich zu Heidelbergs Kurpfälzischem Museum entwickelten, war sich bewusst, eine Mission zu erfüllen. Sein Nachruhm fiel denn auch üppig aus.
Der engagierte Franzose, nach dem in Heidelbergs Altstadt das Palais Graimberg benannt ist, in dem er seinerzeit seine Sammlungen zeigte, verstärkte seine um Erhalt der Ruine bemühtes Einsatzfreude durch den Verkauf von Kupferstichen, die um die ganze Welt gingen und noch heute im Kunsthandel begehrt sind. So trug er entscheidend zur weltweiten Berühmtheit Heidelbergs und seines Schlosses bei. Die Stadt müss­te dem Denkmalpfleger, Sammler und Künstler dafür ewig dankbar sein und hat dies auch schon mehrfach durch Ausstellungen und Publikationen bewiesen.
Den im 19. Jahrhundert grassierenden Plänen, das Schloss wieder aufzubauen, widersetzte man sich denn auch aus guten Gründen. In jener Zeit schwärmte man ohnehin von einer „Ruinen­romantik“, und der Zustand des Schlosses vertrug sich daher gut mit dem Zeitgeist, der sich inzwischen – siehe Berliner Schloss – gewandelt hat.    Heide Seele


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Kommentare

Hein ten Hof:
10.07.2018, 15:55 Uhr

Ziemlich komischer Ludwig, den ich da angeführt habe. War wohl der Mondkönig.
Ich bitte um Korrektur, soll sein Ludwig XIV.

Finger, Gehirn und Tastatur verweigerten das Zusammenspiel. :-)

Trotz alledem, wer tiefer in die Geschichte der Pfalz eindringen möchte kann nachsehen im Netz unter Pfalzgeschichte Punkt de.


Hein ten Hof:
7.07.2018, 20:28 Uhr

Sehr interessanter Artikel, irgendwie fehlt aber etwas.
Das Schloss wurde sicher nicht als romantische Ruine erbaut, die Zerstörung geschah während des Pfälzer Erbfolgekrieges.
In verantwortlicher Position auf französischer Seite, ausser Ludwig IVX, ein gewisser Ezéchiel de Mélac.

Nachfolgendes aus Wikipedia:

Im September 1688 marschierte die Rheinarmee ohne förmliche Kriegserklärung in die Hoheitsgebiete der Kurpfalz ein.
(Kurz nach dem ersten 30jährigen Krieg, wohlgemerkt.)

Die französischen Truppen Mélacs verwüsteten mit großer Brutalität während des Pfälzer Erbfolgekriegs 1688–1697 große Teile der Kurpfalz und Städte in Württemberg und Baden. Damit wurde die barbarische Politik der Entfestigung der Städte und Burgen sowie der Verbrennung der Dörfer mit Zerstörung der Lebensgrundlage und Morden der Bevölkerung in die Tat umgesetzt.

Im deutschen Südwesten wurde Mélacs Name zum Inbegriff für „Mordbrenner“ oder „Marodeur“ schlechthin. Noch heute ist der Name Mélac in der Pfalz und in Baden berüchtigt.
Bis ins 20. Jahrhundert war es dort nicht ungewöhnlich, Haushunde Mélac (oft auch Mellag) zu nennen.
Das in der Pfalz noch immer gebräuchliche Schimpfwort „Lackel“ soll ebenso auf den Namen des Mordbrenners zurückgehen.
Anmerkung: Nicht verwunderlich, dass man irgendwie von Erbfreunden sprach.
Deutschland sollte eventuell Wiedergutmachung einfordern.


H. Schinkel:
6.07.2018, 21:18 Uhr

Heidelberg war bis 2015 wirklich eine Reise wert. Eine herrliche und sehenswerte Stadt.

Leider ist Heidelberg heute mit "Flüchtlingen" überschwemmt. Da glaube ich eher in Afrika zu sein als in Deutschland. So wurde eine schöne Stadt der Staatsräson geopfert. Aber das wollen die Heidelberger auch so.

"Heidelberg ist eine weltoffene Stadt". Diesen Spruch hat man fast alle 10 Minuten irgendwo in Heidelberg gehört. Wir haben uns dort fremd gefühlt.


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