Beten, dirigieren, feiern

Grandseigneur des Takstocks – Kurz vor seinem 90. Geburtstag erhält Herbert Blomstedt den Brahms-Preis

21.06.17
Ausgewiesener Brahms-Kenner: Herbert Blomstedt Bild: Martin U.K. Lengemann

Erst Brahms-Preis, dann Geburtstag: Herbert Blomstedt hat in diesen Tagen viel zu feiern. Der schwedische Dirigent, der auch viele deutsche Orchester geleitet hat, erzählt in der PAZ über seine Liebe zur Musik im Allgemeinen und zu Brahms im Besonderen.

Blomstedt ist der Doyen unter den Dirigenten. Seit mehr als 60 Jahren steht er an den Pulten namhafter Orchester. Als Chefdirigent prägte er die Staatskapelle Dresden, das San Francisco Symphony Orchestra und als Nachfolger von Kurt Masur das Gewandhausorchester Leipzig. Am 11. Juli wird der „Grandseigneur des Takt­stocks“ 90 Jahre alt. Wenige Wo­chen vorher, am 10. Juni, wird ihm in der St. Bartholomäus-Kirche in Wesselburen/Dithmarschen der re­nommierte Brahms-Preis verliehen.
Brahms sei für ihn eine Herzenssache, so Blomstedt. „Mit ihm verbindet mich eine große, langjährige Liebe. Schon als Schüler kannte ich die Sinfonien auswendig, weil ich regelmäßig ins Konzert ging. Und mit Brahms stand ich auch das erste Mal vor einem Orchester bei der Aufnahmeprüfung zur Dirigentenklasse.“
Als bekennender Siebten-Tags-Adventist stehe er Brahms aber auch als Bibelkenner nahe. „Ich bin ja Pastorensohn und bin mit der Bibel aufgewachsen. Sie ge­hörte zur täglichen Routine. Mein Vater hat immer zum Frühstück einen Bibeltext gelesen, dann haben wir das Vaterunser gebetet“, erzählt er im leichten schwedischen Akzent, „auch wenn Brahms wohl nie zur Kirche ging, kannte er die Bibel in- und auswendig. Das merkt man daran, welche Stellen er für das ,Requiem‘ und andere Werke ausgewählt hat. Das hat seine Kompositionsweise stark beeinflusst.“
Blomstedt wurde 1927 in Springfield im US-Bundesstaat Massachusetts als Kind schwedischer Eltern geboren. Sowohl seine künstlerische Begabung wie seine Religiosität waren ihm in die Wiege gelegt. Sein Vater war Prediger und Missionar, die Mutter eine ausgebildete Pianistin, die ihren Beruf wegen einer rheumatischen Erkrankung jedoch nicht ausüben konnte. Als er zwei Jahre alt war, ging die Familie nach Schweden zurück. Ersten Musikunterricht am Klavier er­hielt er von der Mutter. Während der Gymnasialzeit in Göteborg kam noch die Geige hinzu sowie sinfonische Eindrücke im Göteborger Konzertsaal.
„Mein Jugendtraum war es eigentlich, in ei­nem Streichquartett zu spielen oder als Kantor in irgendeiner wunderbaren Kirche tätig zu sein, wo ich jeden Sonntag eine Bach-Kantate hätte spielen wollen. An der Dirigentenkarriere habe ich erst konkret während der letzten Jahre an der Musikhochschule in Stockholm angefangen zu arbeiten,“ erzählt er.
Blomstedt studierte Musik am Königlichen Konservatorium in Stockholm und der Universität Uppsala. Weiteren Schliff als Dirigent holte er sich in den USA in Kursen bei Jean Morel an der Juilliard School, bei Leonard Bernstein in Tanglewood sowie bei Arturo Tos­canini in New York. „New York, wo ich seit 1950 studiert habe, war ein Eldorado für einen Dirigentenschüler. Das war das letzte Jahr von Toscanini. Ich habe jede seiner Proben gehört, auch wenn das offiziell verboten war. Seine Wutausbrüche waren legendär. Bruno Walter war zur gleichen Zeit erster Gastdirigent bei den New York Philharmonics, eine faszinierende Persönlichkeit. Das waren schon besondere Zeiten.“
Vor allem aber sind es die Orchester, die ihn geprägt haben und die er bis heute als seine „Familien“ betrachtet. Von jedem Musiker, auch ehemaligen, kann er eine Geschichte erzählen. Auch in den Stationen seiner Karriere spiegeln sich Blomstedts künstlerische Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit. Nachdem er Skandinavien verlassen hatte, nahm er nur wenige feste Engagements an, und alle waren sie zentriert um eine intensive und erfolgreiche Orchersterformung.
Von 1975 bis 1985 war er Chefdirigent der Staatskapelle Dresden, mit der er neben verschiedenen europäischen Ländern auch die USA und Japan bereiste und bei der er nach wie vor re­gelmäßig zu Gast ist. Nach einer Serie von Konzerte mit dem San Francis­co Symphony Orchestra wurde Blomstedt 1985 zum Musikdirektor des Orchesters berufen. Die gemeinsamen Konzertreisen zu den musikalischen Metropolen Europas wurden von Publikum und Presse gleichermaßen gefeiert.
Nach zehn Jahren beendete Blomstedt seine Tätigkeit in San Francisco, kehrt aber als Ehrendirigent alljährlich dorthin zurück. Ab 1996 wirkte er zwei Jahre als Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters in Hamburg, löste jedoch den Vertrag, da ihm das Leipziger Gewandhausorchester Avancen machte. Die tiefgehende künstlerische Wahlverwandtschaft zwischen ihm und dem Gewandhaus machte diese Verbindung zu einer musikalischen Traumhochzeit.
Sieben Jahre währte die Beziehung mit den Leipzigern, denen er bis heute als Ehrendirigent weiterhin verbunden ist. Diese Auszeichnung verliehen ihm weitere internationale Orchester. Noch immer gibt Blomstedt um die 80 Konzerte im Jahr mit verschiedenen Programmen. Kei­ne Frage: Die Musik ist sein Lebenselixier. „Aber Alter ist kein Thema für mich, und die 90 nur eine Zahl. Natürlich leidet die körperliche Leistung wie Ausdauer, man wird schneller müde. Aber geistig bin ich noch topfit. Das Wesentliche ist: Wir wissen nicht, wie lange wir leben. Also müssen wir für jeden Tag dankbar sein. Man kann sich sein Leben nicht verdienen, es ist immer ein Geschenk.“    Andreas Guballa
Sonnabend, 10. Juni, 19 Uhr, Brahms-Preisverleihung an Herbert Blomstedt mit Streichern und Bläsern des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters, St. Bartholomäus-Kirche, Österstraße 3, 25764 Wesselburen, Laudatio: Musikwissenschaftlerin und Journalistin Julia Spinola („Die großen Dirigenten unserer Zeit“, siehe auch Seite 22), Karten ab 14 Euro. Buchungen bei Reisebüro Biehl, Heide, Telefon (0481) 69531 oder online unter: www.brahms-sh.de


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