»Dach des großen Versprechens«

Vor 60 Jahren wurde die Berliner Kongresshalle als US-amerikanisches »Geschenk« dem Regierenden Bürgermeister übergeben

30.04.18
„Ein Propagandabau, der sich an die Sowjets richtete, die nur einen knappen Kilometer entfernt waren“: Berliner Kongresshalle Bild: Berthold Werner

„Das war ein Propagandabau, der sich an die Sowjets richtete, die nur einen knappen Kilometer entfernt waren“, kennzeichnet der Architekt Hugh Stubbins selbst die von ihm entworfene Berliner Kongresshalle. Dieses gilt insbesondere für das avantgardistische, frei hängende Dach mit doppelt gekrümmter Spannbetondecke, das „Dach des großen Versprechens“, als das Stubbins es verstanden wissen wollte.

Die Deutschen im Allgemeinen und die Berliner im Besonderen haben unter dem Kalten Krieg gelitten. Aber der Wettkampf der Systeme hat ihnen auch einige Erleichterungen bei der Besatzungsherrschaft und ein paar Prestigebauten beschert. Dazu gehört neben der Stalinallee auch die 1956/57 errichtete Berliner Kongresshalle, auch „Schwangere Auster“ genannt.
Zum damals offiziellen 70. Geburtstag Josef Stalins wurden im Ostteil die Große Frankfurter Straße und die Frankfurter Allee in „Stalinallee“ umbenannt. Das war Verpflichtung. Die nun zur Prachtstraße ausgebaute Allee sollte der Welt an der Nahtstelle der Systeme die Schönheit, Leistungsfähigkeit und Überlegenheit des Sozialismus vor Augen führen.
Ähnlich wie nach dem sogenannten Sputnikschock (siehe PAZ vom 25. August 2017) sah sich der Westen durch die Stalinallee herausgefordert, nun seinerseits seine Leistungsfähigkeit und Modernität demonstrativ unter Beweis zu stellen. Als Schaufenster wurde das im vorangegangenen Weltkrieg weitgehend zerstörte Hansaviertel gewählt. Unter der Überschrift „Wiederaufbau des Hansaviertels“ sollten dort im Rahmen der Internationalen Bauausstellung des Jahres 1957 in Berlin, der Interbau, bekannte Architekten der Welt zeigen, was modernes Bauen bedeuten kann. Naheliegenderweise wurde seitens West-Berlins auch das American Institute of Architects (AIA), der Berufsverband der Architekten der Führungsmacht der westlichen Welt, eingeladen.
Die Amerikaner wollten kein profanes Wohnhaus bauen. Eher war an ein prestigeträchtiges öffentliches Gebäude gedacht. Bereits 1954 war im Berliner Senat der Wunsch nach einer Veranstaltungshalle für Konzerte und Kongresse laut geworden. Das griffen die Amerikaner nun auf. Es sollte eine Kongresshalle werden. Als Architekt wurde Hugh Stubbins gewählt, einerseits ein US-Amerikaner, aber andererseits auch ein Schüler und ehemaliger Mitarbeiter des deutschen US-Immmigranten und Bauhaus-Gründers Walter Gropius.
Das Faszinierende an seinem Entwurf ist, dass er konsequent dem Motto „Mehr scheinen als sein“ folgt. Der Nutzwert ist zweit­rangig, entscheidend ist der Effekt. Das fing schon bei der Wahl des Grundstücks an. Der Platz sollte gut einsehbar sein, er sollte nahe der Sektorengrenze liegen, damit auch die Ost-Berliner das Gebäude bewundern konnten, und er sollte sich nahe der möglicherweise später einmal unweit des Reichstages entstehenden deutschen Regierungszentrale befinden. Da bot sich der Standort an der Spree an. Damit das Gebäude noch besser einsehbar ist, wurde extra ein Hügel aufgeschüttet, auf dem es thront und seine Umwelt überragt.
Der Wunsch nach Effekthascherei prägte vor allem die Bedachung. Das „Dach des großen Versprechens“ sollte mit seiner prägnanten Form dem Gebäude gleichsam Flügel geben als Symbol der Freiheit West-Berlins. Um als „Leuchtfeuer der Freiheit, das seine Strahlen nach Osten sendet“ besser zu leuchten, konkret: um bei Tage den Sonnenschein und bei Nacht das Scheinwerferlicht besser zu reflektieren, war das unverhältnismäßig große Dach in strahlendem Weiß gehalten.
Bei dem ganzen Imponiergehabe besonders ambitioniert war der Versuch, bei der Dachkonstruktion mit nur zwei Auflagepunkten auszukommen. „Ein Dach, was auf zwei Punkten aufliegt, ist eine statische Absurdität, die bauliche Kunstgriffe notwendig macht. Diese Kunstgriffe dürfen nicht sichtbar sein, auf dass die Wirkung nicht verloren gehe, die man durch die Absurdität selbst zu erreichen versuchte“, kritisierte der italienischer Bauingenieur Pier Luigi Nervi das Streben nach Wirkung. Und auch der deutsche Architekt Frei Otto sah in dem Dach keinen verwegenen, genialen Wurf: „Noch nie hat es ein hängendes Dach mit einer solch teuren und umständlichen Konstruktion gegeben.“
Ironie des Schicksals: Ausgerechnet der prestigeträchtigste Teil des Prestigebaus hat kein Vierteljahrhundert nach Bauabschluss massiv geschwächelt. 1980 stürzte er ein. „Der Einsturz des südlichen Außendaches und Randbogens der Kongresshalle in Berlin wurde durch konstruktive Mängel bei der Planung und Bauausführung der Außendächer und als Folge davon durch korrosionsbedingte Brüche ihrer den Randbogen tragenden Spannglieder verursacht“, lautete das offizielle Gutachterergebnis.
Stubbins fiel ob des Einsturzes des Daches nicht in Ungnade, konnte er doch darauf verweisen, dass seine ursprüngliche Planung nicht nur bei Kollegen, sondern auch bei den Zuständigen in den West-Berliner Ämtern auf Skepsis gestoßen war und sie einige wesentliche Änderungen durchgesetzt hatten.
West-Berlin stand nach dem Einsturz vor der Frage: Abriss oder Wiederaufbau? Die Stadt hatte seit 1979 das Internationale Congress Centrum Berlin (ICC Berlin) und von daher keinen Bedarf. Doch wieder war der Schein entscheidend. Die Kongresshalle wurde für 40 Millionen D-Mark bis zur 700-Jahr-Feier der Stadt 1987 wieder aufgebaut und dient seit 1989 als Sitz des Hauses der Kulturen der Welt. Die West-Berliner Politik scheute halt die symbolische Bedeutung der Entsorgung eines US-amerikanischen „Geschenkes“. Zwar musste für ungefähr die Hälfte der Kosten der deutsche Steuerzahler aufkommen, doch gilt die Kongresshalle als US-amerikanisches Geschenk an West-Berlin. Auch dies ist ein Teil der Propaganda des Kalten Krieges, welche die jeweiligen Besatzer dies- und jenseits des Eisernen Vorhanges möglichst edel und großherzig aussehen lassen sollte.    
    Manuel Ruoff


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Kommentare

James Ostenmoordorf:
2.05.2018, 04:52 Uhr

Die USA sind nun pleite

„To make the world safe for democracy“ und zwar zielgerichtet auf das Deutsche Reich im Sinne des Germaniam esse delendam", haben die USA nicht nur Deutschland und Europa, sondern auch Großbritannien und am Ende sich selbst in den Ruin getrieben.
"Die Moltke-Doktrin ist vom Ende der beiden Weltkriege verifiziert worden. Die Schwächung und Zerschlagung seiner Mitte hat Europa nicht befriedet, sondern in einen dauernden Krisenherd verwandelt."
"Die USA stehen heute an der Spitze des globalen Ruins, den sie angerichtet haben. Der Crash des Dollars ist nicht mehr abzuwenden. Der Vorsprung im Verfall begünstigt die globale Abkoppelung von ihrem Verursacher." Hans-Dietrich Sander, Der Weg der USA ins totalitäre Desastre, 2007.
Kreml-Berater Karaganow: "In zehn Jahren wird es kein westliches System mehr geben."
Und nun?


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