Das DDR-Regime mochte ihn nicht: Der Autor Hans Joachim Schädlich

27.06.18

Genau genommen besteht das kleine Buch aus zweieinhalb Teilen. Da ist zunächst das Fragment des Romans „Catt“, welchen Hans Joachim Schädlich zu Beginn der 1970er Jahre konzipierte. Daran anschließend die „Geschichte von Juca und Koschko“, ursprünglich vorgesehen als Teil von „Catt“, nun allerdings danebenstehend. Insofern handelt es sich nicht um zwei völlig separate Textstücke. Schädlich, der als Linguist an der Akademie der Wissenschaften der DDR arbeitete, begann zu dieser Zeit, Prosatexte zu verfassen.
Im dritten Teil des Buches, welcher etwas untertrieben als bloßes „Nachwort“ firmiert, erläutert Kris-ta Maria Schädlich, ehemalige Frau des Autors, zunächst das Zustandekommen dieser Ausgabe, für welche eine Rekonstruktion des damals unveröffentlichten Textfragments nötig war. Sowohl aus Erinnerungen schöpfend als auch ausführlich Briefe zitierend, wird dann der auch eng mit „Catt“ verbundene Weg des Autors Schädlich in der DDR beleuchtet. Eigentlich war es eher ein „Nicht-Weg“. Subtil legte das Regime den Veröffentlichungsbegehren des Autors immer wieder Steine in den Weg.
Etwas einlassen muss man sich schon auf diesen Prosatext Schädlichs. Der verkürzte, nahezu protokollarische Stil, welchen Schädlich später perfektionierte, ist auch hier erkennbar, aber eben keine Geschlossenheit. Dafür gelingt es ihm, die unter der SED herrschende, drückende Atmosphäre mit minimalem Erzählaufwand zu vermitteln. Schädlichs historische Vorlieben sind erkennbar, aus der Umgebung Friedrichs des Großen borgt er sich für seine Figuren die Namen „Catt“ und „Quantz“, Vorleser und Flötenlehrer des Königs.
Die Namen haben Gründe, dennoch ist die Realität auf den ersten Blick der harte Schnitt. Bei Schädlich ist „Quantz gar nicht Quantz, er spielt Klarinette“. Sein „Catt“ ist eine Frau, die Taxi fährt, schreibt und
– Handlungslinie des Fragments – sich auf die Spur ihrer verschwundenen Freundin begibt, welche dem Staatssicherheitsdienst zu entkommen versucht, der sie mit Überredung und Erpressung zur Mitarbeit bewegen will.
Nicht nur „Catt“ wollte die DDR nicht. Krista Maria Schädlich zeigt, wie der Autor vom Rostocker Hins-torff Verlag bewusst hingehalten wurde. Lektoren beschäftigten sich minutiös mit seinen Geschichten, immer wieder gab es, freundlich und als Hilfe formuliert, Gründe, die Dinge zumindest vorerst noch nicht zu veröffentlichen. Mittels einer „Strategie der Verhinderung, Enttäuschung, Desillusionierung“ sollte der Autor schließlich von sich aus aufgeben.
Rückhalt erfuhr Schädlich in einem durch Günter Grass initiierten Kreis. In Ostberlin kamen über drei Jahre Schriftsteller aus beiden Teilen Deutschlands zusammen und diskutierten ihre Texte, hier ist sogar von einer „Weiterführung der Gruppe 47“ die Rede. Das Ermutigende für den Autor, der in der DDR nicht gedruckt wurde: Für diese Treffen musste er neue Texte produzieren. Schädlich geriet er nach seiner Unterschrift gegen die Biermann-Ausbürgerung in Schwierigkeiten. 1977 erschien sein Band „Versuchte Nähe“ in der Bundesrepublik. Ein Strafprozess war zunächst vorgesehen, aber der Autor war inzwischen zu bekannt. Die DDR entledigte sich des Unbequemen, indem sie dessen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik stattgab.
 „Nachwort“ und Prosafragment dieses Büchleins bilden am Ende eine Einheit. Einmal literarisch, einmal sachlich-biografisch – großes Thema ist der unsägliche Druck, den die zweite deutsche Diktatur auf die nicht ganz Stromlinienförmigen ausübte.
    Erik Lommatzsch

Hans Joachim Schädlich: „Catt. Ein Fragment“, Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Krista Maria Schädlich, Reinbek, Rowohlt Verlag, Reinbek 2017, broschiert, 111 Seiten, 9,99 Euro,


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