Der einzige Kriegseintritt des »Soldatenkönigs«

Durch die Kriegserklärung an Schweden vor 300 Jahren wurde Preußen Teilnehmer des Großen Nordischen Krieges

21.04.15
Friedrich Wilhelm I. als Feldherr vor dem belagerten Stralsund (1715): Ölgemälde von Antoine Pesne, 1729 Bild: Archiv

Gern wird Militarismus mit Chauvinismus und Imperialismus gleichgesetzt. So war es beim preußischen „Soldatenkönig“ gerade die Liebe zu seiner Armee, die ihn von deren Verheizung abhielt. Ein preußischer Kriegseintritt jedoch fällt in Friedrich Wilhelms I. Regierungszeit. Die Aussicht auf den Erwerb Schwedisch-Pommerns war einfach zu verlockend.
Im Westfälischen Frieden von 1648 bekam der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm Hinterpommern zugesprochen, wohingegen Vorpommern mit den Inseln Rügen, Usedom und Wollin sowie der Odermündung einschließlich des Hafens und der Festung von Stettin weiterhin bei Schweden verblieb. Dabei konnte Preußen hierauf ebenfalls berechtigte Ansprüche anmelden. Das nährte den Wunsch nach einer Einverleibung Schwedisch-Pommerns im Falle einer Schwächung des Großreiches im Norden. Eine derartige Schwächung bewirkte Mitte 1709 die ka­ta­strophale Niederlage König Karls XII. in der Schlacht von Poltawa, die dem Großen Nordischen Krieg von 1700 bis 1721 zwischen Schweden auf der einen Seite und Russland mitsamt seinen Verbündeten wie Dänemark und Sachsen auf der anderen die entscheidende Wende gab. Trotzdem aber scheuten sowohl König Friedrich I. als auch dessen Sohn, Friedrich Wilhelm I., davor zurück, in den Konflikt einzutreten, wobei es dem Letzteren nicht zuletzt darum ging, seine gerade im Ausbau befindliche Armee zu schonen.
Dann freilich eroberten russisch-sächsische Truppen die schwedische Festung Stettin, woraufhin der dortige Generalgouverneur, Johan August Meijerfeldt, dem russischen Kompromissvorschlag zustimmte, Stettin und dessen Umland, wozu man auch die Inseln Usedom und Wollin zählte, unter die Verwaltung des neutralen Preußen zu stellen. Das Hauptmotiv für diese Großzügigkeit des Zarenreiches war natürlich der Wunsch von Peter I., den zögerlichen „Soldatenkönig“ endlich enger an Russland zu binden und zum Kriegseintritt zu bewegen. Da Friedrich Wilhelm I. insgeheim auf schwedische Zugeständnisse in der Pommernfrage hoffte und Karl XII. für dessen militärische Tugenden bewunderte, sah sich Peter der Große schließlich gezwungen, noch den Geheimvertrag von St. Petersburg vom 12. Juni 1714 nachzuschieben. In diesem garantierte er Preußen in aller Form, dass es das südliche Vorpommern bis zur Peene annektieren könne, wenn es gemeinsam mit Russland über die Schweden obsiege.
Einen veritablen Kriegsgrund lieferte der politisch ungeschickte Schwedenkönig mit der Besetzung der Insel Usedom, bei der am 22. April 1715 ein winziges preußisches Kontingent durch 3000 Soldaten Karls überrumpelt wurde, wobei auch ein Offizier, nämlich der Fähnrich von Platen, tödliche Verletzungen erlitt. Friedrich Wilhelm I. schäumte vor Wut und befahl die sofortige Ausweisung des schwedischen Gesandten aus Berlin. Dann marschierte der „Soldatenkönig“ mit 32 Bataillonen und 27 Schwadronen sowie 115 Geschützen in ein Feldlager nahe Stettin, wo er schließlich am 1. Mai 1715 Schweden offiziell des Krieg erklärte. Daraufhin versprach der Sondergesandte des mit Schweden verbündeten Königreiches Frankreich, Marquis de Croissy, am 3. Mai, sein König werde Karl mit Sicherheit dazu bringen, Preußen in jeder Hinsicht entgegenzukommen. Aber hierauf wollte Friedrich Wilhelm nicht mehr vertrauen. Vielmehr begann er, in Richtung der Festung Stralsund vorzurücken, in der sich der Schwedenkönig mit 15000 Soldaten verschanzt hatte.
Die Belagerung Stralsunds begann am 12. Juli 1715, wobei die Angreifer mehrfach in der Überzahl waren. Zu dem preußischen Aufgebot, das unter dem Kommando des Königs beziehungsweise seines Generalfeldmarschalls Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau stand, kam ein 8000 Mann umfassendes sächsisches Korps unter General August Christoph von Wackerbarth sowie die Streitmacht der Dänen unter König Fried­rich IV. und dessen General Carl Rudolf von Württemberg-Neuenstadt mit weiteren 24000 Soldaten. Trotz dieser beachtlichen zahlenmäßigen Überlegenheit gestaltete sich die Einnahme von Stralsund schwierig und erforderte zuvor noch die Eroberung Rügens und Usedoms. Letztere gelang den Sturmkolonnen des gerade eben frisch beförderten preußischen Generals der Infanterie Georg Abraham von Arnim am 22. August nach verlustreichen Kämpfen um die Peenemünder Schanze. Anschließend konnte dann endlich die schwere Belagerungsartillerie von Stettin aus über die Peene bis vor Stralsund verlagert werden.
Die Besetzung Rügens wiederum war nötig, weil der schwedische Nachschub für Stralsund über die Insel verlief – dieser versiegte erst nach der erfolgreichen Landung bei Stresow in der Nacht vom 15. auf den 16. November 1715, in deren Verlauf die antischwedische Dreierallianz einen weiteren Sieg über Karl XII. errang, dem während der heftigen Gefechte das Pferd unter dem Leibe weggeschossen wurde.
Das nunmehr abgeschnittene Stralsund musste am 23. Dezember 1715 kapitulieren; wenige Tage zuvor war der Schwedenkönig über Hiddensee nach Trelleborg geflohen, wobei die Legende besagt, Friedrich Wilhelm I. habe höchstpersönlich verhindert, dass dänische Kanoniere auf die kleine Jacht von Karl XII. schossen. Nach dem Fall von Stralsund existierte nur noch ein schwedischer Stützpunkt, nämlich Wismar, dessen Aufgabe zum 19. April 1716 erfolgte. Allerdings dauerte es trotzdem weitere zweieinhalb Jahre, ehe der Große Nordische Krieg vollkommen zu Ende war, denn Karl XII. setzte seinen Kampf gegen Dänemark fort, bis er am 11. Dezember 1718 während der Belagerung der Festung Fredriksten fiel.
Im nachfolgenden Frieden von Stockholm zwischen Schweden und Preußen vom 1. Februar 1720 erhielt Friedrich Wilhelm I. dann – gegen eine Zahlung von zwei Millionen Talern – genau das südliche Stück von Vorpommern, „Altvorpommern“ genannt, das ihm seinerzeit schon im Geheimvertrag von St. Petersburg zugesichert worden war. Dahingegen behielt Schweden das nördliche Vorpommern einschließlich Stralsund und der Insel Rügen. Diese „Neuvorpommern“ genannten Teile Pommerns fielen erst auf dem Wiener Kongress an Preußen, weil der ursprünglich vorgesehene Erwerber Dänemark die vereinbarten Entschädigungszahlungen an Schweden nicht leisten konnte.    Wolfgang Kaufmann


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