Der erste Tausend-Bomber-Angriff trifft Köln

Mit der Operation Millennium wollte Harris vor 75 Jahren verdeutlichen, wozu er fähig war, wenn man ihn nur machen ließ

05.06.17
Aus der Sicht der Angreifer: „Night bombing raid on Cologne“ von W. Krogman Bild: CF

In der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942 führte die Royal Air Force (RAF) die Operation Millennium durch, den ersten Tausend-Bomber-Angriff (thousand-bomber raid) auf eine deutsche Großstadt. Das Angriffsziel bei dieser Premiere war Köln, weitere Metropolen Deutschlands folgten.

Air Marshal Arthur Travers Harris war ein extrem ehrgeiziger Mann und wollte Deutsche töten – viele Deutsche, vor allem Zivilisten. Das betrachtete er als die absolute Hauptaufgabe der britischen Bomberflotte (RAF Bomber Command), als deren Oberbefehlshaber er seit dem 22. Februar 1942 fungierte. Und darauf lief die „Area Bombing Directive“ des Luftfahrtministeriums (Air Ministry) hinaus, die den allgemeinen Übergang zur großflächigen Bombardierung nichtmilitärischer Objekte vorsah. Diese Weisung resultierte aus der miserablen Treffergenauigkeit der Maschinen des Bomber Command, die Attacken auf Punktziele weitgehend obsolet machte. Statt dessen sollten nun die dicht bebauten Innenstädte des Gegners mit Unmengen von Brand- sowie Spreng­­bomben belegt und durch die so verursachten Großfeuer dem Erdboden gleich gemacht werden.
Das erste Bombardement solcher Art unter der Ägide von Harris erfolgte in der Nacht zum 29. März 1942 mit dem Palmsonntags-Angriff auf Lübeck, bei dem das Zentrum der alten Hansestadt in Schutt und Asche gelegt und tatsächlich auch ein Großbrand ausgelöst wurde (siehe PAZ Nr. 12). Allerdings fielen die nächsten Attacken gegen Städte im Ruhrgebiet sehr viel weniger erfolgreich – sprich tödlich und verheerend – aus, weswegen nun die gravierende Umstrukturierung oder gar Auflösung des Bomber Command zur Diskussion stand. Daraufhin beschloss Harris, einen Luftangriff mit der bisher nie dagewesenen Anzahl von 1000 Bombern durchzuführen, um zu demonstrieren, was er alles erreichen könnte, wenn man ihm nur genügend Menschen und Material zur Verfügung stellt.
Zunächst musste er erst einmal die 1000 Maschinen zusammenbekommen. Das Bomber Command verfügte im Frühjahr 1942 nur über knapp 700 Flugzeuge, darunter viele des älteren, zweimotorigen Typs „Wellington“ des Herstellers Vickers-Armstrongs. Deshalb wollte Harris noch 250 Bomber des RAF Coastal Command einsetzen, die ansonsten Jagd auf deutsche U-Boote machten. Das jedoch lehnte die Admiralität ab, da sie der Atlantikschlacht größere Bedeutung beimaß als Angriffen auf die Wohnstätten und die Moral der gegnerischen Zivilbevölkerung. Hierauf requirierte der Air Marshal – übrigens bald Träger des wenig schmeichelhaften Beinamens „The Butcher“ (Der Schlächter), weil er die ihm unterstellten Besatzungen genauso wenig schonte wie Frauen, Kinder und Greise auf Seiten des Feindes – kurzerhand die Bomber der Trainingsgruppen der Royal Air Force, die von Flugschülern und deren Ausbildern gesteuert wurden. Insgesamt brachte Harris auf diese Weise 1047 Maschinen zusammen, zu denen noch 113 Störflugzeuge kamen. Deren Aufgabe bestand darin, jene Flugplätze zu attackieren, von denen aus die deutschen Abfangjäger starteten. Ansonsten hoffte der Chef des Bomber Command, dass die schiere Anzahl der Angreifer die gegnerische Abwehr überfordern würde. Und tatsächlich sollte sich das Konzept des „Bomberstroms“ als erfolgreich erweisen. Den vielen hintereinander gestaffelten Flugzeugverbänden, die konzentriert in eine einzige Verteidigungszone eindrangen, konnte die Luftwaffe nur relativ wenig entgegensetzen.
Die Operation Millenium begann am 30. Mai um 22.30 Uhr, als die Bomber von insgesamt 53 Basen in England abhoben. Ihr Ziel war Köln, das bereits 108 Luftangriffe erlebt hatte und eigentlich gar nicht ganz oben auf Harris’ Liste stand – diesen Platz belegte Hamburg. Aber dort herrschte anhaltend schlechtes Wetter.
Am Sonntag, dem 31. Mai 1942, um 0.47 Uhr überflogen die ersten zwei viermotorigen Short-Stirling-Bomber den Neumarkt im Herzen der Domstadt und setzten die Markierungszeichen für die restlichen 896 Maschinen, die es bis Köln geschafft hatten. Diese warfen dann innerhalb von nur 88 Minuten Tausende Spreng- und Brandbomben mit einem Gesamtgewicht von 1455 Tonnen ab.
Im Verlauf der Angriffsoperation verlor das Bomber Command 43 Maschinen – weniger als von Harris befürchtet. Andererseits vermochten es seine Leute nicht, den angestrebten Großbrand zu erzeugen. Das lag zum einen an der relativ offenen Bauweise von Köln und zum anderen am professionellen Agieren der städtischen Feuerwehr. Der gelang es, die 2500 entstandenen Einzelbrände unter Kontrolle zu bekommen. Nichtsdestotrotz blieb die Bilanz verheerend. Rund 9500 beschädigte und 3300 komplett zerstörte Gebäude, darunter neun Krankenhäuser, 17 Kirchen und 16 Schulen. Außerdem beschädigten die Briten Zehntausende Wohnungen, wodurch 45132 Kölner schlagartig auf der Straße saßen. Weitere 469 Menschen starben bei dem Angriff und 5027 erlitten Verletzungen. Dass sich das Bombardement bewusst gegen die Zivilbevölkerung gerichtet hatte, zeigt die geringe Zahl der getöteten Militärpersonen, nämlich 58, sowie die Tatsache, dass nur ein einziges Objekt der Wehrmacht niederbrannte.
Damit handelte es sich bei der Operation Millenium zweifelsfrei um einen Verstoß gegen den Artikel 25 der Haager Landkriegsordnung. Das hinderte Harris jedoch nicht daran, weitere 1000-Bomber-Angriffe anzuordnen, um den vom britischen Kabinett abgesegneten Plan des Physikers Frederick Lindemann alias Lord Cherwell umzusetzen, 30 Prozent aller Wohngebäude in 58 größeren deutschen Städten zu zerstören.
Ziele der Neuauflagen der Operation Millenium waren Essen, Duisburg und Oberhausen sowie Bremen. Hier kamen in den Nächten zum 2. beziehungsweise 26. Juni 1942 wiederum knapp 1000 Bomber zum Einsatz, was indes bloß sehr mäßige Erfolge zeitigte. Dennoch stellte nun niemand mehr die Existenzberechtigung von Harris’ Bomberflotte in Frage. Zwar wurden die Großangriffe zunächst erst einmal wieder eingestellt, aber nur solange es an genügend schweren viermotorigen Maschinen fehlte.
Köln selbst erlebte bis Kriegsende noch 153 weitere Bombardements, darunter am 2. März 1945 eines durch 858 Flugzeuge der RAF. Wenige Tage später besetzten US-Truppen den linksrheinischen Teil der inzwischen in weiten Bereichen zerstörten Domstadt.    
    Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

H. Schinkel:
7.06.2017, 21:52 Uhr

Tja. Das nennt man heute "Befreiung". Meine Großeltern haben das immer ganz anders empfunden.


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