Der große Gegenspieler Mao Tse-tungs

Vor 130 Jahren wurde der Generalissimus und Präsident der Republik China, Tschiang Kai-schek, geboren

06.11.17
In Generalsuniform 1943: Tschiang Kai-schek Bild: CF

Tschiang Kai-schek, der große Gegenspieler MaoTse-tungs, wurde vor 130 Jahren, am 31. Oktober 1887, in einer Provinz an der Ostküste Chinas geboren. Tschiang starb am 5. April 1975 im Alter von 87 Jahren auf Taiwan, nur ein Jahr vor Mao. Noch in seinem Testament sprach Tschiang von der „heiligen Aufgabe der Vernichtung des Kommunismus“.

Mao bezeichnete Tschiang Kai-schek gegenüber dem japanischen Ministerpräsidenten Tanaka Kakuei als „einen Mordskerl, der niemals aufgibt“. Damit hatte Mao zweifellos recht. Noch in seinem Vermächtnis vom 29. März 1975 schrieb Tschiang Kai-schek: „Da die heilige Aufgabe der Vernichtung des Kommunismus und die Rückgewinnung des Festlandes immer mehr an Bedeutung gewinnen, sollten die Moral und der Glaube des Volkes und meiner Gefährten unter keinen Umständen durch mein Ableben erschüttert werden.“ Die „Rückgewinnung“ des Festlandes blieb zwar ein Traum, aber bis heute hat Taiwan, das offiziell „Republik China“ heißt, bewundernswert Stand gehalten gegenüber der immer mächtiger werdenden Volksrepublik China.
Tschiang kam in dem kleinen Ort Xikou in der am ostchinesischen Meer gelegenen Provinz Zhejiang zur Welt. Er wurde einer der wichtigsten chinesischen Politiker und Militärführer im 20. Jahrhundert, eine welthistorische Persönlichkeit. Dass es mit Ausnahme des schon 1976 erschienenen Werkes von Friedrich- Wilhelm Schlomann „Tschiang Kai schek. Ein Leben für China“ keine einzige deutsche Biografie über den bedeutenden chinesischen Staatsmann gibt, ist eigentlich unfassbar. Es decouvriert die Ignoranz und auch politische Einäugigkeit in der deutschen Politik- und Geschichtswissenschaft, aber auch in der Zunft der Sinologen. Umso verdienstvoller ist das Werk Schlomanns. Es gibt zudem mehrere englischsprachige Biografien über Tschiang Kai-schek.
Tschiang hatte sich früh für eine Offizierslaufbahn entschieden. Ab 1907 konnte er in Japan eine Militärausbildung absolvieren. Dort begegnete er auch dem „Vater der Revolution“ gegen die chinesische Kaiserdynastie, Sun Yat-sen (siehe PAZ Nr. 45/2016). Tschiang wurde Mitglied im „Chinesischen Revolutionsbund“. In Wuchang brach am 10. Oktober 1911 ein Aufstand gegen die seit 1644 herrschende mandschurische Qing-Dynastie los. Bis heute ist der 10. Oktober Nationalfeiertag in Taiwan. Am 29. Dezember 1911 wurde Sun Yat- sen in Nanking zum provisorischen Präsidenten gewählt. Lange konnte er das Amt nicht innehaben. Tschiang wirkte als sein Berater und Sekretär.
Es kam zu einem Zweckbündnis zwischen der von Sun Yat-sen gegründeten Nationalpartei Kuomintang (KMT) und der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Die KPCh habe im Schutz der KMT wachsen wollen, um dann in einer sozialistischen Revolution die Macht zu erobern, erklärt der Sinologe Kai Vogelsang. Die KMT wiederum habe vom Einfluss der KPCh auf die Arbeiter sowie von einer finanziellen und militärischen Unterstützung Moskaus profitieren wollen.
Tschiang leitete die Militärakademie Whampoa. Mit dem Tod von Sun 1925 verloren die Revolution sowie die KMT und die KPCh ihre Integrationsfigur. 1926 rief Tschiang das Kriegsrecht aus und ließ sowjetische Berater verhaften. Seine Truppen veranstalteten unter Kommunisten in Schanghai ein Massaker. Zugleich begann er den Nordfeldzug, um China zu einigen.
Im Dezember 1927 heirate Tschiang Song Meiling, die in den USA aufgewachsene jüngere Schwester von Suns Witwe Song Qingling. Sie wurde seine wichtige außenpolitische Beraterin.
1928 eroberte Tschiang Peking. Doch das riesige Reich blieb weiter zerstritten. Mao verkündete 1927: „Regierungsmacht kommt aus dem Lauf der Gewehre.“ Rote Garden veranstalteten ebenfalls Massaker. Bei einem roten Terror in Hailufeng wurden 10000 Menschen abgeschlachtet. Mao formte die Rote Armee. Schon 1930 ließ er dabei 4400 ihm unliebsame Offiziere und Soldaten hinrichten.
Tschiang hätte die Kommunisten besiegt, wäre nicht der Angriff der Japaner erfolgt. 1937 begann der Zweite Weltkrieg in Ostasien. Nach dem Sieg über die Japaner, der den USA zu verdanken war, ging der Krieg zwischen den KMT- und den KPCh-Truppen weiter. Moskau gewährte Maos Armee in der Mandschurei Unterschlupf. Von dort aus begannen die Kommunisten ihren Siegeszug.
Im Zweiten Weltkrieg starben 15 bis 20 Millionen Chinesen. Der Bürgerkrieg zwischen 1946 und 1949 kostete weiteren zwei bis drei Millionen Menschen das Leben. Der unterlegene Tschiang Kai-schek floh mit rund zwei Millionen seiner Anhänger nach Taiwan.
Ohne Tschiangs Entscheidung, sich nach Taiwan zurückzuziehen und dieses sowie vorgelagerte Inseln zäh zu verteidigen, wären auch die heute 23 Millionen Menschen auf Taiwan von der Volksrepublik einverleibt worden und genössen nicht die Freiheit und Demokratie, die sie inzwischen haben. Und wenngleich Tschiang und seine KMT auf Taiwan auch diktatorisch regierten: Mit einem Massenmörder wie Mao, dem schon in den 50er Jahren bei seinem „Großen Sprung nach vorn“ Dutzende von Millionen Chinesen zum Opfer fielen, kann man Tschiang nicht vergleichen. Maos Kulturrevolution kostete weiteren 1,5 bis 1,8 Millionen Menschen das Leben.
Der frühere US-Diplomat Jay Taylor schreibt in seiner 2009 erschienenen Biografie „The Generalissimo. Chiang Kai-shek and the Struggle for Modern China“ über Tschiang: „Er war ein modernisierender Neo-Konfuzianer, der sich für Frauenrechte einsetzte …, und er war ein starker Nationalist, erbittert über die früheren Demütigungen Chinas durch den Westen, aber es machte ihm nicht das Geringste aus, dass alle seine Enkel Eurasier waren.“ Und: „Er hatte wenig Charisma und wurde im Allgemeinen von seinen Kollegen nicht gemocht, aber seine Entschlossenheit, sein Mut und seine Unbestechlichkeit machten ihn zeitweilig weithin populär.“ Seinen Tagebüchern zufolge sei Tschiang gläubiger Christ gewesen. Wenn es aber um das Überleben der Nation, deren Einheit oder seine eigene Herrschaft gegangen sei, habe er auch grausame Handlungen gerechtfertigt.
In Taiwan ist bis heute die Verantwortung Tschiangs für die Ereignisse am 28. Februar 1947 umstritten, als es zu einer brutalen Niederschlagung von Protesten der Taiwaner durch den vom Festland stammenden Gouverneur Chen Yi kam. Tschiang selbst befand sich zu dem Zeitpunkt noch auf dem Festland. Ein offizieller Untersuchungsbericht aus dem Jahr 1992 schätzt 18000 bis 28000 Todesopfer. Zwischen 1950 und 1987 sollen außerdem bis zu 4000 Personen aus politischen Gründen exekutiert und Zehntausende inhaftiert worden sein.    Michael Leh


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Kommentare

Marcus Junge:
7.11.2017, 14:01 Uhr

Kleine Ergänzung

Er hat den Krieg auf dem Festland auch deshalb verloren, weil die USA ihm keine Unterstützung mehr gaben, genau zu dem Zeitpunkt, als Mao die entscheidenden Offensiven ausführte, danach war dann alles verloren.

Who lost China? Truman.


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